Caché
Der Thriller als Genre lebt von der Angst. Doch was geschieht, wenn diese Angst keinen sichtbaren Ursprung hat? Wenn die Bedrohung nicht aus dem Dunkel springt, sondern aus der eigenen Vergangenheit kriecht? Michael Hanekes „Caché“ aus dem Jahr 2005 stellt genau diese Fragen. Er verzichtet auf die üblichen Schockmomente des Genres. Stattdessen lässt er die Spannung aus dem Alltäglichen erwachsen.

| Dauer: | 115 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2005 |
| Regie: | Michael Haneke |
| Produzenten: | Veit Heiduschka, Valerio De Paolis, Michael Weber, Rémi Burah |
| Hauptdarsteller: | Daniel Auteuil, Juliette Binoche, Annie Girardot |
| Nebendarsteller: | Bernard Le Coq, Daniel Duval, Maurice Bénichou, Walid Afkir |
| Studio: | Les Films du Losange, Wega Film, Bavaria Film, BiM Distribuzione, ARTE France Cinéma, France 3 Cinéma, ORF, WDR/Arte |
Haneke, der österreichische Regisseur mit französischer Wahlheimat, gilt als unbequemer Filmemacher. Seine Werke fordern das Publikum heraus, statt es zu unterhalten. Mit „Caché“ wandte er sich dem Thriller zu – allerdings nach seinen eigenen Regeln. Der Film feierte 2005 in Cannes Premiere und räumte später beim Europäischen Filmpreis ab. Er markiert einen Wendepunkt in Hanekes Schaffen hin zu subtilerer Provokation.
Besetzung, Regie und Drehorte
„Caché“ erschien 2005 als französisch-österreichisch-deutsch-italienische Koproduktion. Die Laufzeit beträgt 115 Minuten, die Altersfreigabe liegt bei FSK 12. Der französische Originaltitel wurde im deutschsprachigen Raum bewusst beibehalten. Das Wort bedeutet sowohl „versteckt“ als auch „verheimlicht“ – eine Doppeldeutigkeit, die für den Film zentral ist. In den USA lief der Film unter dem Titel „Hidden“.
Regie und Drehbuch stammen von Michael Haneke. Der österreichische Filmemacher arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits regelmäßig in Frankreich. Die Kamera führte Christian Berger, der Schnitt lag bei Michael Hudecek und Nadine Muse. In den Hauptrollen überzeugen Daniel Auteuil als Georges Laurent und Juliette Binoche als dessen Ehefrau Anne. Maurice Bénichou verkörpert Majid, den Mann aus Georges‘ Vergangenheit. Annie Girardot ist als Georges‘ Mutter zu sehen. Weitere Rollen übernahmen Lester Makedonsky als Sohn Pierrot und Walid Afkir als Majids Sohn.
Die Dreharbeiten fanden hauptsächlich in Wien und Paris statt. Für bessere Kontrolle entstanden die Innenaufnahmen größtenteils in Studios. Die Produktionskosten beliefen sich auf geschätzte acht Millionen Euro. Der Film feierte am 14. Mai 2005 auf den Filmfestspielen von Cannes Premiere. Als österreichischer Oscar-Beitrag wurde er jedoch abgelehnt. Die Begründung: Der Film sei in französischer statt deutscher Sprache gedreht worden.
Handlung & Inhalt vom Film „Caché“
Georges und Anne Laurent führen ein komfortables Leben in Paris. Er moderiert eine beliebte Literatursendung im Fernsehen. Sie arbeitet als Lektorin für einen Verlag. Mit ihrem zwölfjährigen Sohn Pierrot bewohnen sie ein geräumiges Stadthaus. Die Straße ist ruhig, das Viertel angenehm. Nichts deutet auf Probleme hin. Die Familie verkörpert das bildungsbürgerliche Ideal.
Eines Tages finden die Laurents ein Päckchen vor ihrer Tür. Darin liegt eine Videokassette mit Aufnahmen ihres Hauses. Zwei Stunden lang wurde ihre Fassade gefilmt. Der Absender bleibt anonym, seine Absicht unklar. Anne vermutet einen verrückten Fan ihres Mannes. Georges reagiert deutlich nervöser auf den Vorfall.
Konfrontation mit der Kindheit
Weitere Videos treffen ein, begleitet von verstörenden Kinderzeichnungen. Ein blutendes Strichmännchen ist darauf zu sehen. Die Polizei sieht keine konkrete Bedrohung. Georges wird zunehmend gereizt und unsicher. Er beschimpft einen jungen schwarzen Mann nach einem Beinaheunfall. Nachts träumt er von einem blutverschmierten dunkelhäutigen Jungen. Ein neues Video zeigt sein Elternhaus in der Provence.
Georges besucht seine Mutter und erfährt von Majid. Als algerisches Waisenkind lebte dieser kurz bei der Familie. Dann verschwand er plötzlich ins Waisenhaus. Ein weiteres Video führt Georges zu einer Sozialwohnung. Dort trifft er den erwachsenen Majid wieder. Dieser bestreitet freundlich jede Verbindung zu den Videos. Georges bedroht ihn verbal und geht.
Unwiderrufliche Konsequenzen
Die Wahrheit kommt ans Licht: Georges hatte als Sechsjähriger gelogen. Er stiftete Majid an, einen Hahn zu köpfen. Danach behauptete er, Majid habe ihn erschrecken wollen. Seine Eltern schickten den algerischen Jungen daraufhin weg. Majids Eltern waren zuvor bei einer Demonstration verschwunden. Möglicherweise starben sie beim Pariser Massaker von 1961. Georges weist bis heute jede Verantwortung von sich.
Bei einem zweiten Treffen schneidet sich Majid vor Georges‘ Augen die Kehle durch. Georges bleibt schockiert zurück, geht danach ins Kino. Später sucht Majids Sohn ihn am Arbeitsplatz auf. Er bestreitet ebenfalls, die Videos verschickt zu haben. Er wollte nur den Mann sehen, der seinen Vater zerstörte. Georges nimmt Tabletten und legt sich ins Bett. Die letzte Einstellung zeigt Majids Sohn und Pierrot im Gespräch vor dessen Schule.
Filmkritik und Fazit zum Film „Caché“
Hanekes Regie zeigt sich in „Caché“ von ihrer kalkuliertesten Seite. Die langen, statischen Einstellungen erzeugen eine beklemmende Atmosphäre im Film. Christian Bergers Kamera beobachtet nüchtern, fast klinisch. Daniel Auteuil verkörpert Georges mit beunruhigender Ambivalenz zwischen Arroganz und Verunsicherung. Juliette Binoche gibt Anne als zunehmend frustrierte Ehefrau überzeugend. Das Drehbuch verzichtet bewusst auf Erklärungen. Die Dialoge zwischen den Eheleuten offenbaren kommunikative Abgründe. Haneke verweigert dem Publikum die gewohnte Identifikation. Stattdessen zwingt er zur distanzierten Beobachtung.
Das Tempo des Films fordert Geduld. Die Eingangssequenz mit der scheinbar harmlosen Straßenansicht irritiert zunächst. Erst der Vorspulmodus enthüllt das Spiel mit dem „Film im Film“. Diese Verunsicherung überträgt sich auf den Zuschauer. Der Verzicht auf Musik verstärkt die Beklemmung zusätzlich. Majids Suizid kommt unvermittelt und brutal – eine Szene von verstörender Wucht. Haneke bedient Thriller-Konventionen, nur um sie zu unterlaufen. Die fehlende Auflösung wird zum eigentlichen Statement.
„Caché“ ist kein Film, der gefallen will. Er verlangt aktive Auseinandersetzung statt passiven Konsums. Die Frage nach dem Absender der Videos bleibt offen. Wichtiger erscheint die Frage nach Schuld und Verdrängung. Georges‘ Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, wird zum Spiegel gesellschaftlicher Mechanismen. Der historische Bezug zum Pariser Massaker von 1961 erweitert die individuelle Geschichte. Das Schlussbild lässt vieles möglich erscheinen. Haneke übergibt die Deutungshoheit an sein Publikum – eine Geste des Vertrauens oder der Provokation.