Run – Du kannst ihr nicht entkommen

Psychologische Thriller, die das Vertrauen zwischen Mutter und Kind als Konfliktfeld nutzen, navigieren stets auf schmalem Grat. Sie müssen eine Atmosphäre der Bedrohung etablieren, ohne in die Falle der Vorhersehbarkeit zu tappen. Aneesh Chaganty, der 2018 mit „Searching“ durch eine innovative Desktop-Erzählweise überzeugte, wählt für seinen zweiten Langfilm einen radikalen Perspektivwechsel: Statt technologischer Gimmicks setzt „Run – Du kannst ihr nicht entkommen“ auf klassische Kammerspiel-Mechanik und untersucht eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung in beengter häuslicher Isolation.

Run - Du kannst ihr nicht entkommen
Dauer: 89 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2020
Kategorien: Thriller
Regie: Aneesh Chaganty
Produzenten: Sev Ohanian, Natalie Qasabian
Hauptdarsteller: Sarah Paulson, Kiera Allen, Pat Healy
Nebendarsteller: Sara Sohn, Erik Athavale, BJ Harrison, Sharon Bajer
Studio: Search Party

Der Regisseur verzichtet diesmal auf formale Experimente und konzentriert sich auf das Münchhausen-Stellvertretersyndrom als narrativen Motor. Diese psychische Störung, bei der Bezugspersonen Krankheiten vortäuschen oder herbeiführen, bildet die Grundlage für einen Thriller, der seine Karten erstaunlich früh offenlegt. Chaganty arbeitet nicht mit Ambivalenz, sondern mit der beklemmenden Gewissheit, dass hinter fürsorglichen Gesten eine abgründige Kontrollfantasie lauert.

Besetzung, Regie und Drehorte

Run – Du kannst ihr nicht entkommen“ erschien 2020 als US-amerikanisch-kanadische Koproduktion und umfasst 89 Minuten Laufzeit. Der Film erhielt in Deutschland eine Freigabe ab 16 Jahren. Die Originalsprache ist Englisch. Die deutschsprachige Veröffentlichung erfolgte direkt für den Heimkinomarkt auf DVD, Blu-ray und als Video-on-Demand-Titel, ohne vorherigen Kinostart. Der Originaltitel lautet schlicht Run.

Regie führte Aneesh Chaganty, der gemeinsam mit Sev Ohanian auch das Drehbuch verfasste. In den Hauptrollen agieren Sarah Paulson als Diane Sherman und Kiera Allen als deren Tochter Chloe Sherman. Pat Healy verkörpert den Postboten Tom in einer kleineren, dennoch bedeutsamen Nebenrolle. Für die Kameraarbeit zeichnete Hillary Spera verantwortlich, den Filmschnitt übernahmen Nick Johnson und Will Merrick. Die musikalische Untermalung steuerte Torin Borrowdale bei. Produziert wurde der Film von Sev Ohanian und Natalie Qasabian.

Die Handlung spielt in einer nicht näher benannten Kleinstadt im Großraum Seattle. Für Kiera Allen stellte die Produktion ihr Spielfilmdebüt dar. Der Film wurde am 20. November 2020 in den USA und weiteren Ländern direkt in das Programm des Streaming-Dienstes Hulu aufgenommen. Das zentrale Thema des Mystery-Thrillers ist das Münchhausen-Stellvertretersyndrom, eine psychische Störung, bei der Bezugspersonen Krankheiten vortäuschen oder herbeiführen. Die Besetzung von Kiera Allen, die selbst im Rollstuhl sitzt, wurde als authentische Casting-Entscheidung wahrgenommen.

Handlung & Inhalt vom Film „Run – Du kannst ihr nicht entkommen“

Der Film beginnt mit Ärzten, die versuchen, ein Frühgeborenes wiederzubeleben. Anschließend erscheinen Definitionen für fünf Krankheitsbilder: Arrhythmie, Hämochromatose, Asthma, Diabetes und Paralyse. Siebzehn Jahre später nimmt Diane Sherman an einem monatlichen Treffen von Home-Schooling-Eltern teil. Während andere Mütter ihre Sorgen über den bevorstehenden College-Wechsel ihrer Kinder äußern, gibt Diane an, sich keine Gedanken zu machen. Ihre 17-jährige Tochter Chloe habe bereits viel durchgestanden. Chloe leidet unter den eingangs genannten Krankheiten, nimmt täglich zahlreiche Medikamente ein und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie hofft auf Zusagen von Colleges, hat jedoch keinerlei soziale Kontakte außerhalb der Mutter.

Als Diane eines Tages vom Einkaufen zurückkehrt, entdeckt Chloe beim heimlichen Naschen grüne Arzneimittelkapseln in einer Tasche. Diane erklärt, der Hersteller von Chloes bisherigem Diabetes-Medikament sei insolvent gegangen. Chloe muss nun täglich das neue Präparat namens Trigoxin einnehmen. Misstrauisch geworden, bemerkt Chloe, dass das Etikett auf der Medizinflasche über ein anderes geklebt wurde. Da angeblich das Internet nicht funktioniert, ruft sie eine zufällige Telefonnummer an und bittet den Fremden, nach Trigoxin zu suchen. Sie erfährt, dass es sich um ein Herzmedikament handelt, das stets rot sei. Chloe überredet ihre Mutter zu einem Kinobesuch und nutzt die Gelegenheit, heimlich die gegenüberliegende Apotheke aufzusuchen. Die Apothekerin identifiziert die grünen Kapseln als Muskelrelaxans für Hunde, das bei Menschen Lähmungen in den Beinen verursachen könne. Diane erscheint plötzlich in der Apotheke und bringt die verstörte Chloe nach Hause.

Eingesperrt, entlarvt und in die Enge getrieben

Am nächsten Morgen erwacht Chloe in ihrem verschlossenen Zimmer im ersten Stock. Sie öffnet das Schloss mit Inbusschlüsseln, kriecht über das Vordach und zerstört ein Fenster mit einem Lötkolben und kaltem Wasser. Das Telefonkabel ist durchgeschnitten, der Treppenlift funktionslos. Chloe wirft sich samt Rollstuhl die Treppe hinunter und flüchtet auf die Straße. Sie lässt sich absichtlich von einem Paketwagen anfahren und überzeugt den Postboten Tom, dass ihre Mutter sie vergiftet. Als Diane zurückkehrt, sticht sie Tom eine Spritze in den Hals. Tom bricht bewusstlos zusammen.

Chloe erwacht im Keller, an ihren Rollstuhl gekettet. Im Papierkorb findet sie ein Gratulationsschreiben der University of Washington. In einer Kiste entdeckt sie ein Foto von ihrem vierten Geburtstag, auf dem sie aufrecht geht, ihre eigene Sterbeurkunde sowie einen Zeitungsartikel über ein entführtes Baby. Diane erscheint im Keller. Chloe konfrontiert sie mit den Funden. Diane gibt vor, Chloe über alles zu lieben, und bietet einen Neuanfang an. Chloe erwidert, die Mutter habe alles für sich selbst getan. Diane befüllt eine Spritze mit Farbverdünner. Chloe rettet sich in einen Nebenraum, wo sie ein Organophosphat-Insektizid findet. Als Diane die Tür öffnet, trinkt Chloe das Gift.

Im Krankenhaus erklären Ärzte Diane, dass Chloe erst nach einem psychiatrischen Gespräch entlassen werden kann. Als ein Notfall eine Schwester aus dem Zimmer ruft, setzt die bewaffnete Diane ihre Tochter in einen Rollstuhl und versucht zu fliehen. Im Foyer scheitert die Flucht an einer defekten Rolltreppe. Chloe blockiert den Rollstuhl mit ihren Füßen. Diane zieht ihre Pistole, wird angeschossen und stürzt die Treppe hinunter. Sieben Jahre später besucht Chloe ihre Mutter im Gefängnis. Sie erzählt von beruflichen Erfolgen und ihrer Familie. Dann spuckt sie geschmuggelte Tabletten aus und sagt: „Schön weit aufmachen!“

Filmkritik und Fazit zum Film „Run – Du kannst ihr nicht entkommen“

Chagantys Inszenierung arbeitet mit bewusster Reduktion, die Stärken und Schwächen gleichermaßen offenbart. Die Kameraarbeit von Hillary Spera nutzt die räumliche Beschränkung konsequent als psychologisches Instrument. Durch niedrige Perspektiven werden Treppen zu unüberwindbaren Barrieren. Besonders gelungen ist die Sequenz, in der Chloe über das Vordach kriecht – hier verbindet sich physische Anstrengung mit visueller Beklemmung. Sarah Paulson liefert eine Performance zwischen gespielter Zuwendung und kalter Kontrolle. Kiera Allen überzeugt durch eine physisch fordernde Darstellung, die niemals auf Mitleid abzielt. Das Drehbuch setzt auf nonverbale Spannungsmomente.

Das zentrale Problem im Film „Run – Du kannst ihr nicht entkommen“ liegt in der mangelnden Ambivalenz der Erzählung. Chaganty etabliert Diane von Beginn an als Bedrohung, ohne interpretatorische Leerstelle. Diese Offenlegung beraubt den Film potenzieller Spannung. Wo Thriller die Eskalation graduell entwickeln, präsentiert „Run“ seine Prämisse als fait accompli. Die Enthüllungen im Keller wirken wie späte Bestätigungen, nicht wie Wendepunkte. Der Schnitt folgt funktionaler Logik, vermeidet jedoch formale Experimente.

Die Epilog-Sequenz versucht nachträglich, moralische Komplexität einzuführen. Chloes Racheakt spiegelt die mütterliche Gewalt und etabliert toxische Kontinuität. Der Film bleibt funktional als Genre-Übung, ohne darüber hinauszugehen. Seine Reduktion erzeugt phasenweise Klaustrophobie, die thematische Tiefe fehlt allerdings. „Run“ funktioniert als mechanisch präziser Thriller mit soliden Performances. Sie verrät jedoch eine fehlende Risikobereitschaft, die aus Genre-Konvention eigenständiges Kino machen würde.

X