Die unendliche Geschichte

Es gibt Filme, die ein Versprechen einlösen, das der Kinosaal selbst aufgibt: das Versprechen, dass Fantasie kein Fluchtweg ist, sondern eine Form der Wahrheit. „Die unendliche Geschichte“ von Wolfgang Petersen, entstanden 1984 als damals teuerste deutsche Filmproduktion, gehört zu jenen Werken, die dieses Versprechen mit seltener Konsequenz verfolgen. Petersen schafft eine Welt, die zugleich fremd und vertraut wirkt – weil sie aus dem geformt ist, was Kinder fühlen, wenn die Wirklichkeit zu schwer wird.

Die unendliche Geschichte
Dauer: 94 Min.
FSK: 6 (DE)
Jahr: 1984
Regie: Wolfgang Petersen
Produzenten: Bernd Schaefers, Bernd Eichinger, Dieter Geissler
Hauptdarsteller: Noah Hathaway, Barret Oliver, Tami Stronach
Nebendarsteller: Alan Oppenheimer, Sydney Bromley, Patricia Hayes, Moses Gunn
Studio: Constantin Film, Bavaria Film

Was den Film von anderen Fantasy Produktionen seiner Zeit unterscheidet, ist sein Beharren auf emotionaler Schwere. Phantásien ist kein buntes Abenteuerreich. Es ist ein Ort der Erschöpfung, der Trauer, der langsam schwindenden Möglichkeiten. Und genau darin liegt seine merkwürdige Kraft: Das Wunderbare und das Bedrohliche existieren nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Was treibt ein Kind in die Tiefen einer Geschichte, wenn die eigene Welt verstummt ist?

Besetzung, Regie und Drehorte

Die unendliche Geschichte“ ist eine deutsch-amerikanische Koproduktion aus dem Jahr 1984. Regie führte Wolfgang Petersen, der gemeinsam mit Herman Weigel das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Michael Ende verfasste. Die Produktion lag in den Händen von Bernd Eichinger, Dieter Geissler und Bernd Schaefers. Die Filmmusik stammt von Klaus Doldinger; die US-Fassung enthält zusätzliche Kompositionen von Giorgio Moroder sowie das Titellied von Limahl. Die Kamera führte Jost Vacano, den Schnitt übernahm Jane Seitz.

Die Hauptrolle des lesenden Jungen Bastian Bux übernahm Barret Oliver, die Rolle des Helden Atréju spielte Noah Hathaway. Tami Stronach verkörpert die Kindliche Kaiserin, Thomas Hill den Buchhändler Koreander. In weiteren Rollen sind Moses Gunn als Cairon, Sydney Bromley als Engywook, Patricia Hayes als Urgl, Tilo Prückner als Nachtalb und Deep Roy als Winzling zu sehen. Gerald McRaney spielt Bastians Vater.

Der Film entstand zwischen März und September 1983 an mehreren Schauplätzen: in Vancouver (Kanada), in den Bavaria Filmstudios bei München sowie im andalusischen Huelva, an der Bucht von Mónsul und in der Wüste von Tabernas. Die Laufzeit beträgt 97 Minuten in der deutschen Fassung, die FSK-Freigabe gilt ab 6 Jahren. Der Film erhielt 1985 den Saturn Award für den besten Nachwuchsschauspieler sowie das Filmband in Gold für die Ausstattung.

Handlung & Inhalt vom Film „Die unendliche Geschichte“

Der zehnjährige Bastian Balthasar Bux hat es schwer. Seine Mutter ist tot. Der Vater spricht kaum noch mit ihm. Auf dem Schulweg flüchtet er vor seinen Peinigern in ein Antiquariat, wo der verschlossene Buchhändler Koreander in einem geheimnisvollen Band liest. Das Buch zieht Bastian an. Er entwendet es und zieht sich auf den Dachboden seiner Schule zurück, um es dort in Ruhe zu lesen. Was er in den Seiten findet, ist Phantásien – ein Reich der Fantasie, das von einer namenlosen Macht bedroht wird: dem Nichts. Die Kindliche Kaiserin, Herrscherin über dieses Land, liegt im Sterben. Ihr Hof entsendet den jungen Krieger Atréju, um ein Heilmittel zu finden und das Wesen des Nichts zu ergründen.

Atréju erhält das Amulett Aurýn – zwei ineinander verschlungene Schlangen – als Zeichen seiner Vollmacht und bricht auf. Sein Weg führt ihn zuerst in die Sümpfe der Traurigkeit, wo selbst das Hoffen schwer fällt. Das Amulett schützt ihn vor der lähmenden Kraft des Moores, doch sein treues Pferd Artax vermag dem unsichtbaren Sog nicht zu widerstehen und versinkt langsam in den dunklen Tiefen. Erschöpft und dem Untergang nah, rettet ihn der Glücksdrache Fuchur in letzter Minute. Gemeinsam fliegen sie zum Südlichen Orakel, wo das Koboldpaar Engywook und Urgl die Erschöpften aufnimmt. Engywook forscht seit Jahrzehnten über das Orakel, dessen drei Tore nur durch Mut und Selbstvertrauen passierbar sind.

Das Rätsel hinter dem Spiegel

Atréju besteht die Probe der geflügelten Sphinxe am ersten Tor und gelangt zum zweiten: einem Spiegel, in dem er nicht sich selbst, sondern einen lesenden Jungen auf einem Dachboden erblickt. Auch Bastian erkennt sich im Buch wieder – das Geschriebene beschreibt ihn, als wäre er längst Teil der Geschichte. Beide stehen sich gegenüber, ohne es fassen zu können. Am dritten Tor erfährt Atréju schließlich die entscheidende Wahrheit: Die Kaiserin braucht einen neuen Namen, vergeben von einem Menschenkind aus der realen Welt – nur das kann Phantásien retten. Noch bevor Atréju fragen kann, wie er ein solches Kind erreichen soll, zerstört das Nichts das Orakel.

Auf der Flucht verliert Atréju den Rücken des Drachen und erwacht nahe einer zerfallenen Stadt. Dort begegnet er dem Felsenbeißer, einem gewaltigen Steinwesen, das um den Verlust seiner Gefährten trauert. In den Ruinen liest Atréju Wandbilder – seine eigene Geschichte, bereits festgehalten. Dann taucht Gmork auf, ein Werwolf im Dienst des Nichts. Gmork enthüllt, was das Nichts wirklich ist: die Leere, die entsteht, wenn Kinder aufhören zu träumen, wenn Lügen und Gleichgültigkeit die Fantasie verdrängen. Phantásien stirbt, weil die Welt der Menschen verlernt hat, sich etwas vorzustellen.

Atréju tötet Gmork. Fuchur findet ihn mithilfe von Aurýn und trägt ihn zurück zum Elfenbeinturm. Doch die Kaiserin liegt im Sterben, Phantásien löst sich auf. Bastian begreift: Er ist das Menschenkind. Er ist der Retter – nicht Atréju, dem er all seine Hoffnung gegeben hatte. Mit letzter Überwindung ruft er der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen zu: Mondenkind. Im selben Moment steht er ihr gegenüber. Sie überreicht ihm ein leuchtendes Sandkorn – den letzten Rest Phantásiens. Mit einem Wunsch erschafft Bastian diese Welt neu, aus dem, was in ihm steckt: seiner Vorstellungskraft, seiner Trauer, seinem Mut.

Filmkritik und Fazit zum Film „Die unendliche Geschichte“

Die unendliche Geschichte“ ist ein Film, der seinen Stoff mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, die im Genrekino der frühen Achtziger selten war. Wolfgang Petersen inszeniert Phantásien nicht als escapistisches Bilderbuch, sondern als emotionalen Raum, der den inneren Zustand seiner Figuren nach außen projiziert. Jost Vacanos Kamera hält diese Welt in einer kühlen, fast melancholischen Helligkeit, die dem Staunen nie ganz vertraut. Klaus Doldingers Musik schwankt zwischen zartem Hoffnungsschimmer und dunklem Unterton – ein Klangraum, der die emotionale Ambivalenz der Geschichte trägt, ohne sie zu erklären.

Die handwerkliche Leistung des Produktionsteams verdient gesonderte Betrachtung. Ohne computergenerierte Effekte mussten alle Wesen physisch gebaut und bespielt werden – bis zu fünfzehn Puppenspieler bewegten eine einzige Figur. Das Ergebnis wirkt heute an manchen Stellen deutlich gealtert, doch besitzt es eine haptische Eigenheit, die digitalen Kreaturen oft fehlt: Das Fleisch dieser Wesen hat Gewicht. Besonders die Szene mit dem versinkenden Pferd Artax – vier Drehtage, sengender Studiohitze ausgesetzt – entfaltet eine stille Wucht, die kaum eine Tricksequenz ersetzen könnte. Petersen trifft den richtigen Ton zwischen Kindheitsfilm und ernsthaftem Fantasiekino, auch wenn das Drehbuch nicht alle Figuren gleich tief entwickeln kann.

Für Freunde des klassischen Fantasykinos ist dieser Film nach wie vor unverzichtbar. Er funktioniert nicht trotz seiner Schwere, sondern wegen ihr. Wer bereit ist, sich auf einen Film einzulassen, der Kindern nicht schmeichelt, sondern ihnen etwas zutraut, findet hier ein Werk von bleibendem Rang.

X