Cloud Atlas
Das Kino der Unmöglichkeiten zieht an, weil es versagt und triumphiert zugleich. „Cloud Atlas“ verhandelt ein so ambitioniertes literarisches Konstrukt, dass bereits David Mitchells Roman als Provokation an die Linearität galt. Die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer haben daraus keinen Film gemacht, sondern ein filmisches Experiment. Es gibt Sehnsucht nach solchen Projekten. Man kann sie bewundern, auch wenn sie scheitern – oder gerade deswegen.

| Dauer: | 172 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2012 |
| Kategorien: | Action, Drama, Historisch, Science-Fiction |
| Regie: | Lilly Wachowski, Lana Wachowski, Tom Tykwer |
| Produzenten: | Lana Wachowski, Lilly Wachowski, Stefan Arndt, Grant Hill, Tom Tykwer, Александр Роднянский |
| Hauptdarsteller: | Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent |
| Nebendarsteller: | Hugo Weaving, Jim Sturgess, Bae Doona, Ben Whishaw |
| Studio: | Cloud Atlas Productions, Anarchos Productions, X Filme Creative Pool, A Company, Dreams of Dragon Pictures, Media Asia Film Production, Ascension Pictures, ARD Degeto |
Sechs Zeitebenen, getrennt durch Jahrhunderte, sollen sich ineinander verschränken. Dass das nicht aufgeht, war vorhersehbar. Was sich durchsetzt, ist Mut zur Maßlosigkeit und der Wille, Kino nicht als abgeschlossenes Ereignis zu verstehen, sondern als Parcours, als Erfahrung von Umfang. Kann man vom Publikum verlangen, diesem Überschwang zu folgen?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Cloud Atlas“ entstand 2011 unter der Regie von Lana und Lilly Wachowski sowie Tom Tykwer, die auch das Drehbuch verfassten. Stefan Arndt produzierte die Koproduktion zwischen X-Filme Creative Pool und Cloud Atlas Production GmbH. Die Filmmusik stammt von Tom Tykwer, Johnny Klimek und Reinhold Heil. Kamera führten Frank Griebe und John Toll, den Schnitt verantwortete Alexander Berner. Der Dreh fand zwischen September und Dezember 2011 im Studio Babelsberg statt. Außenaufnahmen entstanden auf Mallorca, in Schottland, der Sächsischen Schweiz und in Berlin.
Das Ensemble wird von Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Ben Whishaw, Doona Bae und Jim Sturgess angeführt. Jeder Darsteller übernimmt Mehrfachrollen über die verschiedenen Zeitebenen hinweg, wobei auch Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit variieren. Hugo Weaving, Hugh Grant, Susan Sarandon und James D’Arcy sind in tragenden Nebenrollen zu sehen. Die Besetzungsstrategie folgt der narrativen Idee der Seelenwanderung.
Mit Produktionskosten von etwa 100 Millionen Dollar gilt der Film als einer der teuersten Independent-Filme seiner Zeit und der bis dahin kostspieligste deutsche Film. Er wurde unter anderem vom Deutschen Filmförderfonds und dem Medienboard Berlin-Brandenburg gefördert. Die Premiere fand am 8. September 2012 beim Toronto International Film Festival statt. Der deutsche Kinostart war am 15. November 2012. Er gewann fünf Deutsche Filmpreise in technischen Kategorien sowie den Curt-Siodmak-Preis.
Handlung & Inhalt vom Film „Cloud Atlas“
Der Film verknüpft sechs Zeitebenen, die sich von 1849 bis ins Jahr 2321 erstrecken. Im Jahr 1849 bereist der amerikanische Anwalt Adam Ewing den Pazifik und wird Zeuge der Unterdrückung der Moriori. Der Arzt Henry Goose behandelt ihn wegen eines vermeintlichen Parasitenbefalls, vergiftet ihn jedoch schleichend. Ewing wird im Frachtraum untergebracht, wo er auf den Moriori Autua trifft, der als Sklave vor Misshandlungen flieht. Gemeinsam enttarnen sie Goose. Ewing erkennt die Unmenschlichkeit der Sklaverei und schließt sich mit seiner Frau der Abolitionismusbewegung an. Sein Tagebuch wird zum Zeugnis dieses Wendepunkts.
Im Jahr 1936 arbeitet der homosexuelle Komponist Robert Frobisher als Assistent des alternden Vyvyan Ayrs. Frobisher findet Ewings Tagebuch und komponiert das „Wolkenatlas-Sextett“. Ayrs beansprucht das Werk für sich und droht, Frobishers Homosexualität öffentlich zu machen. Frobisher schießt auf Ayrs und vollendet sein Sextett in Isolation, bevor er sich tötet. 1973 untersucht die Journalistin Luisa Rey in San Francisco einen Nuklearskandal. Rufus Sixsmith, der einst Frobishers Geliebter war, bietet ihr Informationen an. Kurz darauf wird er ermordet. Rey überlebt mehrere Anschläge und veröffentlicht die Enthüllung. Ihre Geschichte inspiriert ein Manuskript, das 2012 beim Londoner Verleger Timothy Cavendish landet. Cavendish flieht vor gewalttätigen Erpressern zu seinem Bruder Denholme, der ihn jedoch in das Seniorenheim Aurora einweist. Mit anderen Insassen gelingt ihm die Flucht, seine Memoiren werden später verfilmt.
Revolution, Untergang und Neubeginn
Im Jahr 2144 dient der weibliche Duplikant Sonmi~451 in einem Fast-Food-Restaurant in Neo-Seoul. Duplikanten werden als Arbeitskräfte gezüchtet und mit dem Versprechen des „Elysiums“ ruhiggestellt. Der Rebell Hae-Joo Chang befreit Sonmi aus dem Restaurant. Sie entdeckt, dass das Elysium nicht existiert und Duplikanten nach Dienstende geschlachtet werden. Sonmi verbreitet ihre Erkenntnisse über eine Sendestation auf Hawaii, bevor die Station gestürmt wird. Hae-Joo Chang stirbt. Vor ihrer Hinrichtung dokumentiert ein Archivar ihre Aussagen.
Im Jahr 2321 lebt der Ziegenhirte Zachry als Talbewohner in einer primitiven Gesellschaft. Die technologisierte Forscherin Meronym bittet ihn, sie zu einer Kommunikationsstation auf einem heiligen Berg zu führen. Dort findet sie Hinweise auf Sonmi, die inzwischen als Göttin verehrt wird. Meronym versucht, die außerplanetarischen Kolonien zu kontaktieren. Als Zachrys Dorf von den kannibalischen Kona angegriffen wird, rettet Meronym ihn und seine Nichte. Sie fliehen gemeinsam auf das Schiff der Prescients.
In der letzten Szene erzählt der alte Zachry seinen Enkeln die Geschichte ihrer Rettung. Sie befinden sich auf einem erdähnlichen Planeten mit zwei Monden. Auf die Frage nach der Erde zeigt er ihnen einen blauen Schimmer am Himmel. Die Verbindungen zwischen den Zeitebenen manifestieren sich in wiederkehrenden Objekten, Motiven und einem kometenförmigen Muttermal, das jede zentrale Figur trägt. Das Wolkenatlas-Sextett taucht in verschiedenen Formen auf – als Symphonie, Rocksong, Chorgesang. Figuren begegnen sich über Jahrhunderte hinweg in wechselnden Konstellationen.
Filmkritik und Fazit zum Film „Cloud Atlas“
„Cloud Atlas“ ist formal überfrachtet und thematisch klar zugleich. Die Wachowskis und Tykwer übersetzen Mitchells Roman in einen ständigen Wechsel zwischen den Zeitebenen. Das funktioniert handwerklich präzise, doch die Episoden bleiben isoliert. Ben Whishaws Spiel als Frobisher besitzt Tiefe, während die futuristische Dystopie in Neo-Seoul visuell beeindruckt, aber narrativ oberflächlich bleibt. Die Maske verwandelt Gesichter radikal, was die Idee der Seelenwanderung buchstäblich sichtbar macht. Das wirkt jedoch oft künstlich. Die Musik von Tykwer, Klimek und Heil verbindet die Ebenen stärker als die Montage.
Die beiden Regieteams arbeiten mit unterschiedlichen Sensibilitäten, was Brüche erzeugt. Tykwers Episoden besitzen eine melancholische Eleganz, während die Wachowskis auf Action und Spektakel setzen. Der Humor um Jim Broadbent wirkt deplatziert neben den existenziellen Fragen der anderen Stränge. Die Zeitsprünge verhindern emotionale Bindung, weil keine Episode ausreichend Raum erhält. Dennoch gibt es Momente, in denen die Konstruktion aufgeht – wenn Ewings Entscheidung, sich gegen die Sklaverei zu stellen, durch die Jahrhunderte nachhallt.
Trotz aller Schwächen bleibt der Film respektabel, weil er ein Risiko eingeht. Die Botschaft von Freiheit und Widerstand wird repetitiv vorgetragen, die philosophische Tiefe bleibt hinter der ästhetischen Ambition zurück. Für Zuschauer, die sich auf komplexe Erzählstrukturen einlassen, bietet der Film eine fordernde Erfahrung. Er scheitert nicht an mangelndem Willen, sondern an seiner eigenen Überdehnung. Das macht ihn interessanter als viele glattere Produktionen.