Grand Budapest Hotel

Es gibt Filme, die eine Welt erschaffen, und Filme, die eine Weltanschauung sind. „Grand Budapest Hotel“ gehört zur zweiten Kategorie. Wes Anderson inszeniert sein 2014 erschienenes Werk nicht als bloße Komödie, sondern als kunstvoll aufgezogenes Diorama einer untergegangenen europäischen Zivilisation. Die Republik Zubrowka existiert nirgendwo – und doch erkennt man sie sofort. Das ist das Paradox dieses Films: Je artifizieller er wird, desto tiefer trifft er.

Grand Budapest Hotel
Dauer: 99 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2014
Kategorien: Drama, Komödie
Regie: Wes Anderson
Produzenten: Wes Anderson, Jeremy Dawson, Steven M. Rales, Scott Rudin
Hauptdarsteller: Ralph Fiennes, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric
Nebendarsteller: Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Harvey Keitel
Studio: Fox Searchlight Pictures, Studio Babelsberg, Indian Paintbrush, TSG Entertainment, American Empirical Pictures

Anderson hat aus Stefan Zweigs nostalgischer Prosa etwas Eigenes destilliert: eine Tragikomödie, die in Schichten erzählt, in Rahmen verschachtelt, in Seitenverhältnisse codiert. Der Film spielt gleichzeitig in der Vergangenheit und trauert ihr nach. „Grand Budapest Hotel“ ist witzig, ohne je leichtfertig zu sein, und melancholisch, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Was genau macht diesen Film zu mehr als einem eleganten Stilexperiment?

Besetzung, Regie und Drehorte

Grand Budapest Hotel“ ist eine deutsch-amerikanische Koproduktion aus dem Jahr 2014, entstanden bei Studio Babelsberg. Regie führte Wes Anderson, der gemeinsam mit Hugo Guinness auch das Drehbuch verfasste. Die Kamera lag in den Händen von Robert D. Yeoman, den Schnitt besorgte Barney Pilling. Die Filmmusik komponierte Alexandre Desplat, der damit 2015 einen Grammy Award gewann. Produziert wurde der Film von Anderson selbst, Jeremy Dawson, Steven Rales und Scott Rudin.

Die Hauptrolle des Concierges M. Gustave H. übernahm Ralph Fiennes, an seiner Seite spielte der Newcomer Tony Revolori den jungen Lobby Boy Zéro Moustafa. F. Murray Abraham verkörpert Zéro als gealterten Mann. Das Ensemble umfasst unter anderem Tilda Swinton, Adrien Brody, Willem Dafoe, Edward Norton, Saoirse Ronan, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Bill Murray, Jude Law und Owen Wilson. Ursprünglich waren Johnny Depp und Angela Lansbury für Hauptrollen vorgesehen.

Der Film entstand 2013 zu großen Teilen in Sachsen, vorrangig in Görlitz, wo das Jugendstil-Kaufhaus als Hotelkulisse diente. Weitere Drehorte lagen in Dresden, der Sächsischen Schweiz, Zwickau und Zittau. Die visuellen Effekte lieferte das Stuttgarter Unternehmen LUXX Studios. Der Film wurde mit vier Oscars ausgezeichnet – für Szenenbild, Kostüme, Make-up und Filmmusik – und gewann den Golden Globe als bester Film in der Kategorie Komödie oder Musical. Die FSK-Freigabe gilt ab 12 Jahren, die Laufzeit beträgt 100 Minuten.

Handlung & Inhalt vom Film „Grand Budapest Hotel“

Die Handlung des Films ist mehrfach gerahmt: In der Gegenwart liest eine junge Frau auf einem Friedhof das Buch eines verehrten Schriftstellers. Dieses Buch führt ins Jahr 1985, wo der gealterte Autor rückblickend von einem Aufenthalt im Jahr 1968 im Grand Budapest Hotel berichtet. Dort trifft er den Eigentümer Zéro Moustafa, gespielt von F. Murray Abraham, der ihm beim Dinner seine Geschichte erzählt. Das Hotel liegt im fiktiven Bergkurort Nebelsbad, in der ebenso fiktiven osteuropäischen Republik Zubrowka. Es trägt noch immer den Glanz der Habsburgerzeit – wenn auch schon deutlich verblasst.

Zéros Bericht versetzt den Zuschauer in das Jahr 1932. Der junge Flüchtling beginnt als Lobby Boy unter dem strengen und charmanten Concierge M. Gustave H., der das Hotel mit aristokratischer Selbstverständlichkeit regiert. Gustave betreut vermögende, ältere Damen mit besonderer Hingabe – darunter die 84-jährige Witwe Madame D., gespielt von Tilda Swinton. Als diese unter mysteriösen Umständen stirbt, hinterlässt sie Gustave ein unbezahlbares Gemälde: „Jüngling mit Apfel“ des fiktiven Renaissancemalers van Hoytl. Ihr Sohn Dmitri, gespielt von Adrien Brody, läuft Sturm. Gustave stiehlt das Bild kurzerhand bei der Testamentseröffnung.

Flucht, Intrigen und falsche Verdächtigungen

Dmitri lässt Gustave des Mordes an Madame D. verdächtigen. Inspiziert wird er von Inspektor Henckels, gespielt von Edward Norton, der Gustave als Kind kannte. Gustave landet im Gefängnis Check-Point 19. Zéro besucht ihn und bringt Informationen: Madame D. soll vergiftet worden sein, der Kronzeuge heißt Serge X. Dmitris Auftragsmörder Jopling, gespielt von Willem Dafoe, macht sich unterdessen auf die Jagd nach diesem Zeugen. Mit in Kuchen eingebackenen Steinmetzwerkzeugen, geschmuggelt von Zéros Verlobter Agatha, gelingt Gustave die Flucht durch einen Kanalschacht.

Nun nehmen Gustave und Zéro die Hilfe der geheimen „Gesellschaft der gekreuzten Schlüssel“ in Anspruch – einem Netzwerk loyaler Concierges europäischer Grandhotels. Die Gesellschaft lokalisiert Serge X. in einem Bergkloster. Gustave und Zéro gelangen über eine abenteuerliche Seilbahnfahrt und verschneite Passagen dorthin. Im Beichtstuhl gesteht Serge X., dass es ein zweites Testament gibt – eines, das Dmitris Familie enteignet. Doch bevor er mehr sagen kann, wird er von Jopling erdrosselt. Eine halsbrecherische Schlitten- und Skijagd folgt, an deren Ende Zéro den Mörder in die Tiefe stoßen kann.

Zurück im Grand Budapest Hotel hat faschistisches Militär das Haus requiriert. Gustave betritt es dennoch: Agatha holt das Gemälde aus dem Safe, wird von Dmitri gestellt und springt aus dem Fenster. Im Bilderrahmen findet sich das zweite Testament. Es stellt sich heraus, dass Madame D. die geheimnisvolle Besitzerin des Hotels war und ihr gesamtes Erbe – Schloss, Fabriken, Zeitungsverlag und das Hotel selbst – an Gustave vermacht hatte. Doch der Triumph ist kurz. Während einer Zugkontrolle, bei der Zéros Dokumente wieder beanstandet werden, erschießen rücksichtslose Besatzungssoldaten Gustave. Zwei Jahre später sterben auch Agatha und das gemeinsame Kind. Zéro, nun Alleinerbe, führt das Hotel fort – als stilles Denkmal für eine verschwundene Zeit und eine verlorene Liebe.

Filmkritik und Fazit zum Film „Grand Budapest Hotel“

Grand Budapest Hotel“ ist ein Film, der mit jedem seiner Mittel bewusst argumentiert. Die drei Seitenverhältnisse – 1,33:1 für die dreißiger Jahre, 1,85:1 für 1968 und 2,35:1 für die Rahmung – sind keine Spielerei, sondern eine visuelle Theorie: Jede Epoche hat ihre eigene Bildsprache, ihre eigene Atemtiefe. Robert Yeomans Kamera bleibt dabei nahezu durchgehend frontal, symmetrisch, orthogonal ausgerichtet. Das erzeugt eine seltsame Stille im Inneren des Wirbels – als würde man ein Gemälde durch ein Panoramafenster betrachten. Ralph Fiennes spielt Gustave mit einer Doppelnatur aus Würde und Verzweiflung, die dem Film seinen emotionalen Kern gibt.

Das Tempo des Films ist außergewöhnlich. Anderson arbeitet mit kurzen, präzisen Szenen, die wie Kapitel in einer illustrierten Erzählung wirken. Die Verfolgungsjagden – per Ski, Schlitten und Motorrad – sind bewusst artifiziell inszeniert und erinnern an frühe Stummfilmkomödien: schnell, stumm im Sinne übertriebener Gestik, kokett in ihrer Unglaubwürdigkeit. Alexandre Desplats Musik, die osteuropäische Volksmusik mit elegischen Streicherpassagen verbindet, hält das emotionale Gleichgewicht. Der Score verzichtet auf Ironie, wo der Film ironisch ist – und ist traurig, wo er komisch wirkt. Das schafft eine Spannung, die einen nicht loslässt.

Wer Wes Andersons Bilderwelten grundsätzlich als zu konstruiert empfindet, wird hier keine Bekehrung erleben. Für alle anderen ist dieser Film ein seltener Fall: ein Kunstwerk, das zugleich unterhält, berührt und nachdenklich stimmt. Als Komödie ist er präzise; als Tragikomödie ist er treffend; als Elegie auf eine verloren gegangene europäische Kultiviertheit ist er ungewöhnlich aufrichtig. Wer sich auf das Spiel einlässt, findet hinter der rosafarbenen Fassade mehr als Dekoration.

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