I, Tonya
Der Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft – und manchmal zeigt er das Unvorteilhafteste. „I, Tonya“ von Regisseur Craig Gillespie nimmt einen der merkwürdigsten Kriminalfälle der amerikanischen Sportgeschichte und formt daraus ein Porträt, das weit über den Skandal hinausreicht. Der Film fragt nicht, wer schuldig war. Er fragt, wie jemand überhaupt in eine solche Position geraten konnte.

| Dauer: | 120 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2017 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | Craig Gillespie |
| Produzenten: | Margot Robbie, Tom Ackerley, Steven Rogers, Bryan Unkeless |
| Hauptdarsteller: | Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney |
| Nebendarsteller: | Julianne Nicholson, Paul Walter Hauser, Bobby Cannavale, Bojana Novaković |
| Studio: | LuckyChap Entertainment, Clubhouse Pictures |
Tonya Harding war Anfang der 1990er Jahre eine der besten Eiskunstläuferinnen der Welt – athletisch, risikofreudig, unbequem. Als erste Amerikanerin überhaupt vollendete sie zwei Dreifach-Axel-Sprünge in einem einzigen Wettkampf. Dennoch blieb die ganz große Anerkennung aus. Und dann kam das Attentat auf Nancy Kerrigan im Januar 1994, das Harding für immer in ein anderes Licht rückte. War sie Täterin? Opfer? Oder beides zugleich?
Besetzung, Regie und Drehorte
„I, Tonya“ entstand 2017 unter der Regie von Craig Gillespie, der bereits mit „The Finest Hours“ Erfahrung mit wahren Geschichten gesammelt hatte. Das Drehbuch verfasste Steven Rogers, der zuvor ausführliche Interviews mit Tonya Harding und ihrem Ex-Mann Jeff Gillooly führte. Die widersprüchlichen Aussagen beider inspirierten Rogers zu einem Mockumentary-Format, bei dem sich die Figuren direkt an das Publikum wenden. Gedreht wurde in Atlanta und Macon, Georgia. Die Filmmusik komponierte Peter Nashel; der Soundtrack enthält Songs von Cliff Richard, Laura Branigan und Fleetwood Mac.
Margot Robbie übernahm die Titelrolle und produzierte den Film gemeinsam mit Tom Ackerley, Steven Rogers und Bryan Unkeless. Für die Rolle trainierte sie das Eiskunstlaufen intensiv, obwohl sie vor den Dreharbeiten kaum Erfahrung auf dem Eis hatte. Sebastian Stan spielte den Ex-Mann Jeff Gillooly, Allison Janney die Mutter LaVona Golden und Caitlin Carver die Rivalin Nancy Kerrigan. Paul Walter Hauser übernahm die Rolle des selbsternannten Sicherheitsexperten Shawn Eckardt. Die junge Tonya Harding wurde von Mckenna Grace verkörpert.
Die Laufzeit beträgt 120 Minuten, die Altersfreigabe liegt bei FSK 12. Bei der Oscarverleihung 2018 erhielt Allison Janney die Auszeichnung als Beste Nebendarstellerin; Margot Robbie war als Beste Hauptdarstellerin nominiert. Tatiana S. Riegel, die Filmeditorin, erhielt ebenfalls eine Oscar-Nominierung für den Besten Schnitt. Riegel hatte zuvor bereits an fünf weiteren Filmen mit Gillespie zusammengearbeitet.
Handlung & Inhalt vom Film „I, Tonya“
Der Film beginnt mit einem Hinweis: Was folgt, basiert auf einander widersprechenden, aber wahren Aussagen. Tonya Harding und Jeff Gillooly werden damit von Anfang an als unzuverlässige Erzähler eingeführt. Der Rahmen sind fiktive Interviewsequenzen im Mockumentary-Stil, in denen die Figuren ihre Version der Ereignisse schildern. Tonya wächst in Portland, Oregon auf, wird bereits mit vier Jahren von ihrer ehrgeizigen Mutter LaVona Golden auf die Eisbahn gezwungen. LaVona ist kettenrauchend, jähzornig und emotional brutal. Einmal wirft sie ein Messer nach ihrer Tochter. Der Vater verlässt die Familie früh.
Tonya entwickelt sich dennoch zu einer außergewöhnlichen Athletin. Mit 15 Jahren beginnt sie, den drei Jahre älteren Jeff Gillooly zu daten; die beiden heiraten. Jeff wird zunehmend gewalttätig. Tonya verlässt ihn, kehrt jedoch zurück, weil sie seine Unterstützung bei ihrer Karriere braucht. Auf dem Eis lässt sie als erste Amerikanerin zwei Dreifach-Axel-Sprünge in einem Wettkampf folgen. Die Jury honoriert das nicht angemessen. Ein Kampfrichter erklärt ihr offen, dass ihr Image nicht dem entspreche, was der Verband nach außen hin vermitteln wolle. Sie passt nicht ins Bild der eleganten Eisprinzessin.
Anschlag, Verhör und Konsequenzen
Im November 1993 erhält Tonya eine anonyme Drohung und verzichtet daher auf einen Wettkampf. Daraufhin erkennt Jeff eine Möglichkeit: Er beauftragt seinen Freund Shawn Eckardt, auch gegen Tonyas Konkurrentin Nancy Kerrigan Drohanschreiben zu schicken. Gleichzeitig nimmt die Idee, Kerrigan körperlich außer Gefecht zu setzen, zunehmend konkrete Formen an. Folglich schlägt im Januar 1994 ein von Eckardt beauftragter Angreifer Nancy Kerrigan mit einem Polizeiknüppel ans Knie. Deshalb muss Kerrigan den darauffolgenden Wettkampf aussetzen. Kurz darauf werden die beauftragten Männer verhaftet.
Währenddessen nimmt das FBI die Ermittlungen auf. Shawn Eckardt redet schnell, und auch Jeff Gillooly wird verhört. Gleichzeitig geht Tonya selbst zur Behörde und berichtet über die Beteiligung von Jeff und Shawn. Allerdings belastet Gillooly Tonya nachträglich: Sie habe angeblich vorab von den Plänen gewusst. Daraufhin besucht Tonyas Mutter sie und trägt dabei ein Abhörgerät für die Ermittler. Als Tonya dies erkennt, wirft sie LaVona sofort aus dem Haus. Schließlich setzt Tonya ihre Olympia-Teilnahme 1994 gerichtlich durch, obwohl das amerikanische Olympische Komitee dagegen protestiert.
Bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer belegt Tonya den achten Platz, während Nancy Kerrigan Silber gewinnt. Danach wird das Strafverfahren abgeschlossen. Infolgedessen erhält Tonya drei Jahre Bewährung, 500 Stunden gemeinnützige Arbeit und eine Geldstrafe von 160.000 Dollar. Schwerer wiegt jedoch das lebenslange Startverbot bei allen Eiskunstlaufmeisterschaften – für sie bedeutet dies das Ende ihrer Karriere. Sie fleht den Richter an, ihr stattdessen eine Gefängnisstrafe aufzuerlegen, doch dieser bleibt unbeeindruckt. Anschließend ändert Jeff Gillooly seinen Namen, eröffnet einen Friseursalon und heiratet erneut. Tonya hingegen versucht sich zunächst im Profiboxen, später in handwerklichen Jobs. Schließlich lebt sie mit ihrem dritten Ehemann und ihrem Sohn und möchte laut Abspann vor allem als gute Mutter in Erinnerung bleiben.
Filmkritik und Fazit zum Film „I, Tonya“
„I, Tonya“ ist ein Film über Wahrheit als Verhandlungssache. Craig Gillespie inszeniert das Biopic konsequent im Mockumentary-Format, wobei die Unterbrechung der vierten Wand kein gelegentlicher Kniff ist, sondern strukturelles Prinzip. Wenn Tonya mitten in einer Gewaltszene die Kamera anschaut und kommentiert, was gerade passiert, entsteht eine Erzähldistanz, die den Zuschauer nicht kalt lässt, sondern aktiv einbezieht. Tatiana S. Riegels Schnitt ist dabei entscheidend: rasant, rhythmisch variabel, mit einem Gespür für den Moment, in dem eine Szene kippt. Margot Robbie trägt die Hauptrolle mit einer Körperlichkeit und einem emotionalen Präzisionssinn, der die Figur nie zur Karikatur werden lässt.
Der Film erzählt nicht trotz seiner Komödienanteile etwas Ernstes – er erzählt durch sie. Die Farcenmomente rund um Shawn Eckardt, der sich als Geheimdienstexperte ausgibt und tatsächlich kaum einen klaren Gedanken formulieren kann, sind nicht Ablenkung, sondern Substanz: Sie zeigen, wie dünn der Grat zwischen tragischer Biografie und absurdem Kriminalfall ist. Nicolas Karakatsanis‘ Kameraarbeit hält das Tempo durch bewegte, handkamerartige Einstellungen aufrecht, ohne hektisch zu wirken. Allison Janney als LaVona Golden setzt dem eine eisige Präzision entgegen – jede ihrer Szenen hat die Ökonomie einer Waffe. Der Soundtrack aus Achtziger- und Neunzigerjahre-Klassikern fügt dem Ganzen keine Ironie von außen hinzu, sondern verankert die Geschichte in ihrer Zeit.
„I, Tonya“ ist kein Freispruch und kein Urteil. Er ist ein Porträt einer Frau, die in Verhältnisse hineingeboren wurde, die wenig Spielraum ließen, und deren Geschichte zeigt, wie Klasse, Herkunft und Medienbild im amerikanischen Sport ineinandergreifen. Wer Filmbiografien schätzt, die über die bloße Nacherzählung hinausgehen, findet hier einen Film von formaler Intelligenz und erzählerischer Haltung.