Passion

Macht korrumpiert. Das ist kein neues Thema. Was „Passion“ aber damit anstellt, ist eine andere Frage. Brian De Palma, der amerikanische Regisseur, der sein Handwerk an Hitchcock geschult hat, kehrt mit diesem Thriller aus dem Jahr 2012 zu einem seiner ureigenen Terrains zurück: der weiblichen Rivalität als Vehikel für psychologische Eskalation, Voyeurismus und eine Bildsprache, die zwischen Eleganz und Abgrund pendelt.

Passion
Dauer: 102 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2013
Kategorien: Horror
Regie: Brian De Palma
Produzenten: Saïd Ben Saïd
Hauptdarsteller: Rachel McAdams, Noomi Rapace, Karoline Herfurth
Nebendarsteller: Paul Anderson, Dominic Raacke, Rainer Bock, Benjamin Sadler
Studio: Integral Film, France 2 Cinéma, SBS Productions

Berlin als Kulisse für ein toxisches Machtspiel in einem Werbekonzern – das klingt nach kühler Korporationssatire. De Palma jedoch interessiert sich weniger für das Milieu als für das, was darunter brodelt. Zwei Frauen, eine Abhängigkeit, eine Affäre, ein Mord. Und die Frage, die sich durch jede Einstellung zieht: Wer manipuliert wen – und bis wann weiß man es selbst nicht mehr?

Besetzung, Regie und Drehorte

Passion“ ist eine internationale Koproduktion zwischen Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien aus dem Jahr 2012, entstanden unter der Regie von Brian De Palma, der auch das Drehbuch gemeinsam mit Natalie Carter verfasste. Die Produktion lag in den Händen von Saïd Ben Saïd, gefördert durch das Medienboard Berlin-Brandenburg und den Deutschen Filmförderfonds. Als Kameramann fungierte José Luis Alcaine, den Schnitt verantwortete François Gédigier, und die Filmmusik stammt von Pino Donaggio, einem langjährigen Wegbegleiter De Palmas.

In den Hauptrollen sind Rachel McAdams als die berechnende Werbemanagerin Christine Stanford und Noomi Rapace als deren Untergebene Isabelle James zu sehen. Karoline Herfurth übernimmt die Rolle der Sekretärin Dani, Paul Anderson spielt Dirk Harriman. In weiteren Rollen sind Rainer Bock als Inspektor Bach, Benjamin Sadler als Staatsanwalt sowie Michael Rotschopf und Dominic Raacke zu erleben.

Gedreht wurde „Passion“ ausschließlich in Berlin, mit Außendrehs unter anderem auf Unter den Linden, am Gendarmenmarkt und am Sony Center, das zugleich als Innendrehort diente. Hinzu kamen das Rathaus Schöneberg, das Renaissance-Theater, das Bodemuseum und das Restaurant Margaux. Der Film wurde auf 35-mm-Material gedreht und lief im Wettbewerb der 69. Filmfestspiele von Venedig.

Handlung & Inhalt vom Film „Passion“

Christine Stanford leitet die Berliner Niederlassung eines internationalen Werbeunternehmens. Mit dem souveränen Auftreten einer Frau, die Macht als selbstverständlich betrachtet. Ihre Untergebene Isabelle James arbeitet eng mit ihr zusammen, scheinbar in einem Verhältnis gegenseitigen Vertrauens. Isabelle entwickelt gemeinsam mit ihrer Kollegin Dani eine kreative Kampagne für ein neues Smartphone. Der Spot überzeugt. Christine präsentiert die Idee nach oben als ihre eigene, ohne Zögern, ohne Erklärung. Isabelle, die zugleich eine heimliche Affäre mit Christines Freund Dirk Harriman unterhält, nimmt die Demütigung vorerst hin.

Als Isabelle erfährt, dass die New Yorker Zentrale ihren Spot inhaltlich verwässert hat, entscheidet sie sich zur Gegenwehr. Sie stellt ihre eigene Version der Kampagne ins Netz. Das Video verbreitet sich schlagartig. Isabelle erhält plötzlich die Aufmerksamkeit, die ihr bislang versagt blieb – inklusive eines Angebots für eine Beförderung nach New York. Christine reagiert mit einem Rachezug, der weit über professionelle Konkurrenz hinausgeht. Sie spielt Isabelle ein Sexvideo vor, das diese mit Dirk gedreht hatte, und nutzt Sicherheitsaufnahmen eines Parkhaus-Unfalls, um Isabelle vor der Belegschaft bloßzustellen.

Täuschung, Vergeltung und das Gewissen

Isabelle gerät in eine Abwärtsspirale, und der wachsende Druck führt zugleich zu einer Medikamentenabhängigkeit, die ihren Zustand zunehmend destabilisiert. Christine verstärkt zudem den Angriff, versucht Dani entlassen zu lassen und konfrontiert Isabelle gleichzeitig mit einem Brief, den sie auf deren Computer getippt hat, also mit einem fingierten Schreiben mit Racheversprechen. Die Schikanen eskalieren dabei systematisch und zugleich kalkuliert, sodass sie klar auf das Ziel der vollständigen Zermürbung ausgerichtet sind. Was zunächst als Machtgefälle begann, hat sich dadurch Schritt für Schritt in eine persönliche Vernichtungskampagne verwandelt.

Kurz darauf wird Christine tot aufgefunden, und Isabelle wird verhaftet sowie des Mordes beschuldigt, wobei sie diesen in einem medikamentös getrübten Zustand gesteht. Die Beweislage scheint zunächst erdrückend, denn ein Rachenotizenzettel sowie passende Textilfasern sprechen gegen sie. Dann aber taucht ein Alibizeuge auf, der Isabelle in der Mordnacht im Balletttheater gesehen hat, und zugleich findet Dani Isabelles Schal unbeschädigt in der Wohnung. Die Polizei wendet sich daraufhin Dirk zu, der nicht nur in der Tatnacht in der Nähe war, sondern zudem Geld aus dem Unternehmen unterschlagen hatte.

Die Auflösung dreht alle Vorzeichen um. Es stellt sich heraus, dass Isabelle den Mord an Christine tatsächlich begangen und dabei die Hinweise auf Dirk sorgfältig gestreut hat. Dani aber hat Isabelle in der Mordnacht heimlich gefilmt und versucht nun, sie mit diesen Aufnahmen zu erpressen – als Druckmittel für eine Beziehung. Isabelle träumt, Dani zu erwürgen, und wacht auf, um das Grauen in ihrer Wohnung vorzufinden: Dani liegt tot zu ihren Füßen.

Filmkritik und Fazit zum Film „Passion“

Passion“ zeigt De Palma in einem Modus, der zugleich vertraut und beunruhigend ist. Die Regie operiert mit präziser Bildkomposition, ungewöhnlichen Kameraperspektiven und einer Split-Screen-Sequenz. In dieser werden Ballettaufnahmen zu Debussys „Nachmittag eines Fauns“ mit der parallel ablaufenden Mordnacht verschränkt – eine der formal stärksten Passagen des Films. Hier werden Choreografie und Verbrechen ununterscheidbar. Pino Donagios Partitur verstärkt diese Synthese aus Ästhetik und Bedrohung. Rachel McAdams spielt Christine mit sichtlichem Vergnügen an der Bösartigkeit. Sie entwickelt jedoch nicht vollständig die nötige Kälte. Noomi Rapace gibt Isabelle als Mischung aus kontrollierter Fassade und innerer Zermürbung. Sie ist überzeugend in den Momenten, in denen Kontrolle und Auflösung gleichzeitig sichtbar sind.

Der erste Akt des Films operiert mit Klischees des Corporate-Thriller-Genres, die De Palma bewusst einsetzt. Er hinterfragt diese Klischees jedoch nicht. Die Werbewelt wirkt schematisch, und die Konflikte am Arbeitsplatz sind gelegentlich vereinfacht. Im zweiten Akt dreht De Palma jedoch die Spannungsschraube mit erkennbarer Handwerkskunst. Das Finale überführt den Film in ein Traumlogik-Terrain. Dieses Terrain ist seinen Vorgängerwerken nicht unähnlich. Wer mit De Palmas Vorliebe für narrative Volten und bewusste Übersteigerung vertraut ist, wird diese Wendungen als Signatur erkennen. Für andere wirken sie möglicherweise als Zuviel des Schichtens.

„Passion“ ist kein Film für Zuschauer, die lückenlose Plausibilität suchen. Er ist ein Film für jene, die sich auf De Palmas formalen Blick einlassen und den erotischen Thriller des späten 20. Jahrhunderts als Genre schätzen. In dieser Hinsicht funktioniert er solide, stellenweise eindrucksvoll. Für Fans des Regisseurs und des Genres lohnt sich die Sichtung.

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