Blue Valentine
Zwölf Jahre wartete Derek Cianfrance auf die Realisierung. Finanzierungsprobleme und persönliche Schicksalsschläge verzögerten den Dreh immer wieder. Für „Blue Valentine“ investierte der Regisseur schließlich seine komplette Gage. Das Resultat ist ein filmisches Experiment zur Liebe, deren Anfang und Ende sich in verschachtelten Zeitebenen entfalten – als schmerzhafter Vergleich zwischen Aufbruch und Zerfall. Das Projekt pendelt zwischen Brooklyn und Pennsylvania, wo eine junge Familie auseinanderlebt.

| Dauer: | 112 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2010 |
| Kategorien: | Drama, Romantik |
| Regie: | Derek Cianfrance |
| Produzenten: | Lynette Howell Taylor, Alex Orlovsky, Jamie Patricof |
| Hauptdarsteller: | Ryan Gosling, Michelle Williams, John Doman |
| Nebendarsteller: | Mike Vogel, Ben Shenkman, Jen Jones, Maryann Plunkett |
| Studio: | Cottage Industries, Incentive Filmed Entertainment, Silverwood Films, Hunting Lane Films, Chrysler Corporation, Shade Pictures, Motel Movies |
Cianfrance inszeniert seine Anti-Liebesgeschichte als doppelte Erzählung, die niemals Partei ergreift. Weder Dean noch Cindy wird die Schuld zugeschoben. Beide tragen ihre Wünsche und Enttäuschungen gleichberechtigt durch den Film. Die Struktur erlaubt einen intensiven Blick auf Mechanismen, die aus Verliebtsein Entfremdung werden lassen. Kann eine Beziehung ohne gemeinsame Perspektive bestehen, wenn beide Partner unterschiedliche Definitionen von Glück entwickeln?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Blue Valentine“ wurde 2010 in den USA produziert. Derek Cianfrance führte Regie und schrieb das Drehbuch mit Cami Delavigne und Joey Curtis. Lynette Howell, Alex Orlovsky und Jamie Patricof produzierten. Andrij Parekh übernahm die Kamera, Jim Helton und Ron Patane den Schnitt. Die Band Grizzly Bear komponierte den Soundtrack, veröffentlicht bei Lakeshore Records. Ryan Gosling schrieb und sang selbst einige Songs.
Ryan Gosling verkörpert Dean Pereira, Michelle Williams spielt Cynthia „Cindy“ Heller. Faith Wladyka gibt deren Tochter Frankie. John Doman ist als Cindys Vater Jerry zu sehen, Mike Vogel als Ex-Freund Bobby Ontario. Die Chemie zwischen Gosling und Williams entstand ohne vorherige persönliche Begegnung, entwickelte sich jedoch zu einem zentralen Element des Films.
Die Premiere fand beim 26. Sundance Film Festival 2010 statt. Der Film lief in der Kategorie Un Certain Regard in Cannes 2010. Deutscher Kinostart war am 4. August 2011. Michelle Williams erhielt Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen als beste Hauptdarstellerin, unterlag jedoch Natalie Portman für „Black Swan“. Cianfrance wurde bei den Chicago Film Critics Association Awards als vielversprechendster Filmemacher ausgezeichnet. Die Laufzeit von „Blue Valentine“ beträgt 112 Minuten, FSK 12.
Handlung & Inhalt vom Film „Blue Valentine“
Dean arbeitet als Möbelpacker in New York. Der High-School-Abbrecher trifft während eines Auftrags in einem Pflegeheim in Pennsylvania auf Cindy, die dort ihre Großmutter besucht und Medizin studiert. Sein Werben ist zunächst aufdringlich. Er hinterlässt seine Arbeitsnummer, Cindy ruft nicht an. Eine zufällige Begegnung im Bus führt zum ersten Date. Sie ziehen nachts durch Brooklyn, tanzen, singen. Dean erweist sich als hoffnungsloser Romantiker, Cindy stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen. Ihr Vater ist verbal aggressiv. Ihre Beziehung zu Bobby, einem Kommilitonen, war von Grenzüberschreitungen geprägt – er ejakulierte ohne ihre Einwilligung in sie.
Cindy findet heraus, dass sie schwanger ist. Sie weiß nicht sicher, ob Dean oder Bobby der Vater ist. Sie tendiert zur Abtreibung, bricht den Eingriff jedoch im letzten Moment ab. Dean wartet in der Klinik, bietet ihr ohne Zögern an, das Kind gemeinsam großzuziehen. Bobby sucht Dean aus Eifersucht an dessen Arbeitsstelle auf und verprügelt ihn. Die beiden heiraten vor einem Friedensrichter. Fünf Jahre später leben sie mit Tochter Frankie in Pennsylvania. Dean arbeitet als Maler, Cindy als Krankenschwester. Ihr Chef Dr. Feinberg bietet ihr an, in eine neue Klinik zu wechseln – ohne ihre Familie, möglicherweise als seine Begleiterin.
Zerfall einer Zweisamkeit
Eines Morgens entdeckt Frankie, dass ihr Hund Megan verschwunden ist. Dean und Frankie suchen das Haus ab. Cindy wirkt erschöpft, mahnt zur Eile wegen der Schule. Dean trinkt morgens Alkohol, raucht, konzentriert sich darauf, seine Tochter zum Lachen zu bringen. Cindy findet den toten Hund später an der Straße, kommt zu spät zu einer Schulveranstaltung. Dean beschuldigt sie, das Tor offen gelassen zu haben. Sie bricht stumm zusammen, später bricht er zusammen und sie tröstet ihn.
Dean besteht darauf, gemeinsam in ein Motel zu fahren. Cindy ist widerwillig, sie hat Bereitschaftsdienst. Sie bringen Frankie zu ihrem Vater, Dean betritt das Haus nicht wegen des Sauerstofftanks. Unterwegs treffen sie auf Bobby, es entsteht Streit. Im Motel versucht Dean, Cindy zu verführen. Sie weist ihn zurück. Sie trinken. Frustriert über seinen Mangel an Ambitionen stellt sie ihn betrunken zur Rede. Er fragt, ob sie noch ein Kind mit ihm haben möchte. Sie schließt die Schlafzimmertür zwischen ihnen.
Frühmorgens wird Cindy zur Arbeit gerufen, Dean schläft noch. Sie nimmt das Auto und hinterlässt eine Notiz. Dean erscheint später betrunken in der Klinik, schreit sie an. Dr. Feinberg interveniert, Dean schlägt ihn. Der Arzt feuert Cindy und droht mit der Polizei. Beim Verlassen fordert Cindy die Scheidung. Dean wirft seinen Ehering weg, sucht ihn dann mit ihr. Vor ihrem Elternhaus fleht er sie an, es für Frankie zu versuchen. Cindy erklärt, sie wolle nicht, dass Frankie in einer Ehe wie der ihrer Eltern aufwächst. Sie umarmen sich nach seiner Erinnerung an ihr Eheversprechen, sie löst sich. Dean geht, Frankie läuft ihm nach. Er überredet sie zurückzugehen.
Filmkritik und Fazit zum Film „Blue Valentine“
„Blue Valentine“ lebt von seinen Hauptdarstellern, die einen außergewöhnlichen Seelenstriptease vollziehen. Ryan Gosling gibt Dean alle Widersprüchlichkeit eines Mannes, der in seiner Vaterrolle aufgeht, während sein Körper vom Alkohol gezeichnet wird. Michelle Williams formt aus Cindy eine Frau, deren Erschöpfung in jeder Geste spürbar wird. Andrij Parekhs Kamera arbeitet mit verwackelten Handaufnahmen, die Intimität schaffen. Die Parallelmontage zwischen Vergangenheit und Gegenwart offenbart unterschiedliche Lebensentwürfe: Der junge Dean mit Lederjacke versus der aufgeschwemmte Mann im Gammellook.
Cianfrances Inszenierung vermeidet stereotype Schuldzuweisungen. Weder wird Dean als Loser noch Cindy als frustrierte Karrieristin gezeichnet. Die Struktur lässt beide Figuren gleichberechtigt sprechen. Die Sexszene im grell dekorierten Motelzimmer wird nicht pornografisch, sondern als Kleinkrieg inszeniert. Grizzly Bears Soundtrack begleitet das emotionale Chaos dezent. Die pointierten Dialoge erzeugen Spannung, wo keine äußere Handlung existiert. Dennoch tendiert der Film gelegentlich zur Schwere. Manche Szenen verharren in der Bitterkeit.
Für Liebhaber anspruchsvoller Beziehungsdramen ist dieser Film eine klare Empfehlung. Cianfrance zeigt, wie Lebenskonzepte auseinanderdriften können, ohne dass eine Seite im Unrecht wäre. Die nächtliche Annäherungsszene in Brooklyn, in der Cindy zu Deans Ständchen tanzt, gehört zum Berührendsten des amerikanischen Kinos. Gleichzeitig verlangt der Film seinem Publikum einiges ab. Wer harmonische Auflösungen erwartet, wird enttäuscht. „Blue Valentine“ ist ein schmerzhafter Blick auf das Scheitern.