Boyhood

Richard Linklaters „Boyhood“ ist ein filmisches Experiment, das konsequenter als jedes andere die Zeitlichkeit des Kinos nutzt. Zwölf Jahre lang hat der Regisseur denselben Jungen gefilmt, von der Grundschule bis zum College-Eintritt. Ellar Coltrane wächst im Film tatsächlich auf. Was als ambitioniertes Langzeitprojekt begann, wird zu einem intimen Dokument über das Erwachsenwerden. Kein Kunstgriff der Maske, keine unterschiedlichen Darsteller – nur die stetige, unaufhaltsame Verwandlung eines Gesichts vor der Kamera.

Boyhood
Dauer: 165 Min.
FSK: 6 (DE)
Jahr: 2014
Kategorien: Drama
Regie: Richard Linklater
Produzenten: Cathleen Sutherland, Richard Linklater, Jonathan Sehring, John Sloss
Hauptdarsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke
Nebendarsteller: Lorelei Linklater, Libby Villari, Marco Perella, Brad Hawkins
Studio: IFC Productions, Detour Filmproduction

Das Besondere an diesem Ansatz: Linklater wusste nicht, wie sich sein Protagonist entwickeln würde. Die Handlung entstand schrittweise, angepasst an die Realität seiner Schauspieler. Was ließe sich über das Leben erzählen, wenn man ihm zwölf Jahre lang zusehen könnte, ohne den Ausgang zu kennen?

Besetzung, Regie und Drehorte

Boyhood“ ist ein US-amerikanisches Filmdrama unter der Regie von Richard Linklater, der auch das Drehbuch verfasste. Die Produktion lag bei Sandra Adair, Linklater selbst, Vincent Palmo Jr., Cathleen Sutherland und Anne Walker-McBay. Lee Daniel und Shane F. Kelly verantworteten die Kamera, Sandra Adair schnitt das Material. Das Projekt entstand zwischen Sommer 2002 und Oktober 2013 in Texas.

In den Hauptrollen sind Ellar Coltrane als Mason Evans, Patricia Arquette als seine Mutter Olivia und Ethan Hawke als Vater Mason Sr. zu sehen. Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs, spielt Masons ältere Schwester Samantha. Weitere Rollen übernahmen Libby Villari, Marco Perella, Brad Hawkins und Zoe Graham. Die vier Hauptdarsteller entwickelten innerhalb eines von Linklater vorgegebenen Rahmens eigene Dialoge und brachten persönliche Erfahrungen ein.

Der Film läuft 165 Minuten und erhielt in Deutschland eine FSK-Freigabe ab 6 Jahren. Die Premiere fand beim Sundance Film Festival 2014 statt. Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2014 gewann Linklater den Silbernen Bären für die beste Regie. Patricia Arquette wurde mit einem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Der Film erhielt zudem Golden Globes für besten Film, beste Regie und beste Nebendarstellerin sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen.

Handlung & Inhalt vom Film „Boyhood“

Im Jahr 2002 lebt der sechsjährige Mason Evans mit seiner älteren Schwester Samantha und ihrer alleinerziehenden Mutter Olivia in Texas. Olivia will studieren und zieht trotz der Einwände der Kinder nach Houston, wo ihre eigene Mutter wohnt und die Enkel mitbetreuen kann. 2003 nimmt Olivia an der University of Houston ein Psychologiestudium auf. Der Vater der Kinder, Mason Sr., holt seine Tochter und Sohn eines Tages bei der Großmutter ab, bringt sie jedoch entgegen der Absprache direkt nach Hause. Als Olivia nach Hause kommt, streitet sie sich mit ihm. Die Kinder beobachten den Streit vom Fenster aus und ihre Hoffnung, der Vater könnte bleiben, schwindet.

2004 nimmt Olivia Mason mit in ihre Psychologie-Vorlesung und stellt ihn ihrem Professor Bill Welbrock vor. Olivia und Bill heiraten, die Familien ziehen zusammen. Bill bringt seine zwei Kinder Mindy und Randy mit. Zunächst erscheint er als fürsorglicher Familienvater, zeigt sich jedoch bald als strenger Patriarch mit Alkoholproblem. Nachdem er betrunken gewalttätig wird, flieht Olivia mit ihren Kindern aus dem Haus. Die Familie wohnt vorübergehend bei Olivias Freundin Carol. Olivia lässt sich von Bill scheiden und meldet die Vorfälle dem Jugendamt.

Jugend, Beziehungen und Neuanfänge

Während eines Treffens mit dem Vater kommt zur Sprache, dass die mittlerweile 13-jährige Samantha einen Freund hat. Mason Sr. gibt ihr Ratschläge zum Thema Verhütung. Danach geht er mit Mason im Pedernales Falls State Park campen. Die beiden öffnen sich in längeren Gesprächen füreinander, ihr Vertrauensverhältnis vertieft sich. Olivia schließt ihr Psychologiestudium mit sehr guten Noten ab. Als sie eine Stelle als Dozentin in San Marcos an der Texas State University bekommt, zieht die Familie erneut um. Bei ihrer Antrittsparty lernt Olivia den Studenten Jim kennen, einen ehemaligen Soldaten des Irakkriegs, und heiratet ihn kurz darauf. Mason findet in seiner neuen Schule Freunde.

Zu Masons 15. Geburtstag kommt der Vater mit seiner neuen Frau Annie und ihrem gemeinsamen Baby zu Besuch. Mason und Samantha fahren zu Annies Eltern aufs texanische Land. Annies Mutter schenkt Mason eine Bibel, ihr Vater ein Schrotgewehr. Alle gehen zusammen in die Kirche. Mason besucht eine Party und lernt dort Sheena kennen, die später seine Freundin wird. Als Mason einmal erst nach Mitternacht nach Hause kommt, entsteht ein Streit mit Jim. Kurz darauf trennt sich Olivia von ihm. Mason und Sheena schauen sich die Universität von Texas in Austin an. Samantha studiert dort bereits und überlässt Mason und Sheena ihr Bett für die Nacht.

Während ihres letzten Schuljahrs trennen sich Sheena und Mason. Masons Interesse für Fotografie entwickelt sich weiter, er gewinnt ein Stipendium im Landesfotografiewettbewerb. Mason geht zum Studium an die Sul Ross State University. Als Mason seine Sachen packt, weint Olivia. Sie meint, die nächste Etappe sei ihre Beerdigung. Mason relativiert ihre Sichtweise. Er zieht ins Studentenwohnheim und trifft seinen Mitbewohner Dalton. Die beiden gehen mit dessen Freundin und deren Mitbewohnerin Nicole im Big-Bend-Nationalpark wandern. Nicole sagt zu Mason, der Moment ergreife einen. Mason antwortet, man sei immer im Jetzt.

Filmkritik und Fazit zum Film „Boyhood“

Boyhood“ verzichtet auf klassische dramatische Bögen und macht daraus seine Stärke. Linklater vertraut der Kraft des Alltäglichen. Er zeigt Streit unter Geschwistern, Gespräche mit den Eltern, kleine und große Umbrüche – ohne sie künstlich zuzuspitzen. Patricia Arquette spielt Olivias Erschöpfung und Härte mit beeindruckender Präsenz, Ethan Hawke gibt dem zunächst unreifen Vater eine glaubwürdige Entwicklung. Ellar Coltrane trägt den Film mit einer Natürlichkeit, die nicht gespielt wirkt. Die Zeitsprünge zwischen den Szenen sind unterschiedlich groß und folgen keiner festen Struktur. Diese Unregelmäßigkeit erzeugt einen Rhythmus, der dem Leben näherkommt als vielen konventionellen Filmen.

Dennoch zeigt sich in der zweiten Hälfte eine gewisse Beliebigkeit. Die episodische Erzählweise, die anfangs frisch wirkt, wird zunehmend vorhersehbar. Neue Stiefväter, neue Schulen, neue Freundinnen – die Muster wiederholen sich. Linklater nutzt Popkultur und Technik als Zeitmarker, von Britney Spears bis Lady Gaga, von GameBoy bis Wii. Das funktioniert elegant, wirkt gegen Ende aber etwas zu bewusst inszeniert. Die Kamera arbeitet zurückhaltend, die Musik bleibt dezent. Nur einmal, in einer überhöhten Sequenz mit einem mexikanischen Restaurantmanager, verfällt der Film einem Hollywood-Klischee, das nicht zu seinem sonstigen Ton passt.

Linklaters Experiment bleibt dennoch sehenswert. Der Film zeigt, was Kino leisten kann, wenn es sich Zeit nimmt. Die abschließende Szene im Big-Bend-Nationalpark findet einen stärkeren Schlusspunkt als die sentimentale Restaurantszene zuvor. Für Zuschauer, die sich auf einen Film ohne forcierte Spannungsbögen einlassen können, bietet „Boyhood“ eine seltene Erfahrung. Es ist ein Werk über Vergänglichkeit, das selbst vergänglich bleibt – und gerade darin seine Wahrhaftigkeit findet.

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