Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Tagträume als Fluchtmöglichkeit kennen die meisten Menschen. Ben Stiller wählt für „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ einen anderen Ansatz. Sein Film fragt nicht, warum jemand der Realität entflieht, sondern wann die Phantasie ihr Verfallsdatum erreicht. Walter Mitty träumt sich durchs Leben, bis ihm das eigentliche Leben abhandenkommt. Das klingt nach moralischer Belehrung. Stiller weicht dem aus und zeigt einen Mann, der sich zwischen Verweigerung und Aufbruch bewegt.

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty
Dauer: 114 Min.
FSK: 6 (DE)
Jahr: 2013
Kategorien: Drama, Komödie
Regie: Ben Stiller
Produzenten: Ben Stiller, John Goldwyn, Samuel Goldwyn Jr., Stuart Cornfeld
Hauptdarsteller: Ben Stiller, Kristen Wiig, Sean Penn
Nebendarsteller: Shirley MacLaine, Adam Scott, Kathryn Hahn, Patton Oswalt
Studio: Samuel Goldwyn Films, Red Hour, New Line Cinema, Big Screen Productions, Down Productions, Ingenious Media, 20th Century Fox, TSG Entertainment

Die Verfilmung folgt der Kurzgeschichte von James Thurber, bereits 1947 erstmals adaptiert mit Danny Kaye. Diesmal wird der Stoff mit mehr Ernst behandelt, ohne die Leichtigkeit ganz aufzugeben. Stiller inszeniert Tagträume als Hilfsmittel, das zunehmend versagt. Die Reise führt seinen Protagonisten durch Grönland, Island und Afghanistan. Dort soll er einen Fotografen finden und ein verlorenes Negativ wiederbeschaffen. Wo liegt die Grenze zwischen notwendigem Eskapismus und bequemer Selbsttäuschung?

Besetzung, Regie und Drehorte

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ entstand 2013 unter der Regie von Ben Stiller, der auch die Hauptrolle übernahm. Steve Conrad verfasste das Drehbuch nach der Kurzgeschichte von James Thurber. Samuel Goldwyn junior und John Goldwyn produzierten gemeinsam mit Stuart Cornfeld und Stiller selbst. Theodore Shapiro komponierte die Filmmusik, Stuart Dryburgh führte die Kamera. Greg Hayden zeichnete für den Schnitt verantwortlich. Gore Verbinski wirkte als Executive Producer mit.

Ben Stiller verkörpert Walter Mitty, Kristen Wiig spielt seine Kollegin Cheryl Melhoff. Shirley MacLaine ist als Walters Mutter Edna zu sehen, Adam Scott tritt als Manager Ted Hendricks auf. Kathryn Hahn übernimmt die Rolle der Schwester Odessa Mitty, Sean Penn spielt den Fotografen Sean O’Connell. Patton Oswalt leiht seine Stimme dem Kundenberater Todd Maher. Ólafur Darri Ólafsson erscheint als Helikopterpilot, Adrián Martínez als Hernando.

Der Film hat eine Laufzeit von 114 Minuten und erhielt in Deutschland eine FSK-Freigabe ab sechs Jahren. Weltweit spielte er 188,2 Millionen US-Dollar ein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung verlieh dem Werk das Prädikat Besonders wertvoll. Weniger wohlwollend reagierte Brandchannel, das den Film 2013 für die schlechteste Produktplatzierung auszeichnete.

Handlung & Inhalt vom Film „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“

Walter Mitty verwaltet das Fotoarchiv des renommierten Life-Magazins und flieht regelmäßig in Tagträume. Darin erlebt er Abenteuer und Romanzen, die ihm im wirklichen Leben versagt bleiben. Die neue Kollegin Cheryl weckt sein Interesse, er traut sich jedoch nicht, sie anzusprechen. Beide haben Profile bei der Partnerbörse eHarmony angelegt. Der Kundenberater Todd Maher ruft Walter wiederholt an und gibt ihm Ratschläge für sein Profil. Dann erfährt die Belegschaft, dass das Magazin künftig nur noch online erscheinen soll. Manager Hendricks übernimmt die Umstrukturierung, viele Stellen werden gestrichen.

Das Titelbild der letzten Ausgabe soll ein Foto des Fotografen Sean O’Connell zeigen. Walter erhielt eine Fotoserie mit einer signierten Lederbörse als Geschenk. Ausgerechnet das wichtigste Negativ fehlt. Hendricks droht mit Kündigung. O’Connell ist kaum zu erreichen, Hinweise deuten auf Grönland. Walter reist kurzentschlossen dorthin und erfährt, dass der Fotograf auf einem Fischerboot unterwegs ist. Ein betrunkener Pilot soll die nächste Lieferung zum Schiff fliegen. Walter steigt zögernd ein, motiviert durch einen Tagtraum mit Cheryl. Der Pilot erklärt, Walter müsse aus dem Helikopter springen.

Die Spur des Fotografen

Walter landet im eiskalten Nordatlantik, wehrt einen Hai mit seinem Koffer ab und wird ins Rettungsboot gezogen. O’Connell hat das Schiff bereits verlassen, aber auf Butterbrotpapier seine Route notiert. Die Spur führt nach Island zum Vulkan Eyjafjallajökull. Mit Rad und Longboard fährt Walter nach Skógar. Er bemerkt nicht, dass die Einwohner vor einem drohenden Vulkanausbruch fliehen. Als er ankommt, sieht er O’Connell auf der Tragfläche eines Doppeldeckers zum Vulkan fliegen. Ein Dorfbewohner rettet Walter vor der Aschewolke.

Per SMS erreicht ihn ein Hilferuf vom Kollegen, der ohne das Foto entlassen wird. Walter kehrt zurück, Cheryl wurde inzwischen ebenfalls gefeuert. Hendricks entlässt auch Walter. Seine Mutter erzählt ihm, dass O’Connell vor einer Woche bei ihr war. Er habe sich lobend über Walter geäußert und erwähnt, dass Walter seine Fotos wie kein anderer würdige. Nach Informationen über Walters Arbeitszeiten sei er nach Afghanistan aufgebrochen. Walter wirft wütend die Geldbörse in den Müll.

Das Negativ des Lebens

Mit einem Mandarinenkuchen seiner Mutter reist Walter nach Afghanistan und heuert zwei Sherpas an. Der Kuchen dient als Bestechungsmittel bei den örtlichen Warlords. Im Hindukusch auf über 5000 Metern Höhe trifft Walter endlich O’Connell. Der Fotograf lauert gerade einem Schneeleoparden auf. Dabei offenbart sich, dass Walter das vermisste Negativ die ganze Zeit bei sich trug. O’Connell hatte es in ein Seitenfach der Geldbörse gesteckt und bezeichnet es als Quintessenz des Lebens. Walter muss illegal über den Jemen nach Hause reisen, Todd Maher bürgt für ihn.

Zuhause kümmert sich Walter um seine Mutter, die in ein Seniorenheim zieht. Sie überreicht ihm unerwartet die Geldbörse aus dem Müll. Walter findet das Negativ darin, betrachtet es jedoch nicht. Er fährt zum Life-Gebäude und wirft Hendricks das Negativ auf den Tisch. Einige Tage später holt er seine Abfindung ab und trifft Cheryl. Sie sehen an einem Kiosk die neue Ausgabe. Das Titelbild zeigt Walter selbst, wie er vor dem Magazingebäude sitzt und einen Kontaktabzug sichtet. O’Connell hält es für sein bestes Foto. Walter und Cheryl gehen händchenhaltend weiter.

Filmkritik und Fazit zum Film „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ profitiert von seiner visuellen Gestaltung und der Farbdramaturgie der Schauplätze. Stuart Dryburgh findet zu Bildern, die zwischen nüchterner New Yorker Tristesse und den weiten Landschaften Islands changieren. Die Kamera inszeniert Übergänge zwischen Traum und Wirklichkeit mit präzisen Einstellungen. Theodore Shapiros Musik bleibt unauffällig, unterstützt aber die melancholische Grundstimmung. Ben Stiller agiert als Hauptdarsteller zurückhaltend und vermeidet seinen sonst oft präsenten komödiantischen Gestus.

Eine Szene im Himalaya zeigt Walter bei der Begegnung mit O’Connell, während der Fotograf auf einen Schneeleoparden wartet. Der Moment verdichtet die Botschaft des Films ohne didaktische Überdeutlichkeit. Die Besetzung funktioniert unterschiedlich. Sean Penn verleiht seiner kurzen Rolle Gewicht, Shirley MacLaine bringt als Mutter eine warmherzige Note ein. Kristen Wiig bleibt hingegen merkwürdig konturlos, die Chemie zwischen ihr und Stiller will nicht recht zünden. Der Film schwankt zwischen Genrekonventionen und bleibt teilweise unentschieden in seiner Tonalität.

„Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ lohnt sich vor allem für jene Zuschauer, die visuell ambitionierte Mainstream-Produktionen besonders zu schätzen wissen. Die narrative Unschärfe bleibt ein Problem, die emotionale Wirkung hängt zudem stark davon ab, wie bereit man ist, sich auf die optimistische Grundhaltung einzulassen. Der Film bietet kein perfekt austariertes Drama, sondern eher ein sympathisches Experiment mit einigen gelungenen Momenten.

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