Das perfekte Geheimnis

Das Smartphone als Spiegel der Seele – diese Prämisse hat seit Paolo Genoveses „Perfetti Sconosciuti“ von 2016 eine erstaunliche globale Karriere gemacht. Nun adaptiert Bora Dagtekin den Stoff für ein deutsches Publikum und legt mit „Das perfekte Geheimnis“ eine Version vor, die auf Bekanntheit setzt, wo das Original auf Schärfe setzte. Ein Kammerspiel, das seine Figuren zwischen Wein und Enthüllungen vorführt – und dabei nicht immer den Mut aufbringt, den der Stoff verdient hätte.

Das perfekte Geheimnis
Dauer: 120 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2019
Kategorien: Komödie
Regie: Bora Dağtekin
Produzenten: Nicole Springstubbe, Lena Schömann, Bora Dağtekin
Hauptdarsteller: Wotan Wilke Möhring, Jessica Schwarz, Jella Haase
Nebendarsteller: Elyas M'Barek, Karoline Herfurth, Frederick Lau, Florian David Fitz
Studio: Constantin Film

Dass die Geschichte um sieben Freunde, die beim Abendessen alle Handy-Aktivitäten offenlegen müssen, weltweit funktioniert, liegt an ihrer universellen Grundfrage: Wer sind wir wirklich, wenn niemand zuschaut? Dagtekin nimmt diesen Gedanken auf, formt ihn nach deutschen Maßstäben um und verspricht dabei eine erwachsenere, zeitgemäßere Interpretation von Beziehungen. Ob dieser Anspruch eingelöst wird, entscheiden letztlich jene Momente, in denen der Film zwischen Komödie und Abgrund wählen muss.

Besetzung, Regie und Drehorte

Das perfekte Geheimnis“ ist eine deutsche Filmkomödie aus dem Jahr 2019.
Bora Dagtekin
führte Regie und verfasste das Drehbuch – für ihn die erste Adaption nach einer langen Reihe eigener Stoffe. Produziert wurde der Film von der Constantin Film, gemeinsam mit Dagtekin und Lena Schömann. Die Musik komponierten Egon Riedel, Simon Heeger und Christian Vorländer, während Moritz Anton die Kamera verantwortete und Sabine Panek den Schnitt übernahm.

Die Besetzung vereint viele der bekanntesten deutschen Filmgesichter: Karoline Herfurth und Elyas M’Barek spielen das Ehepaar Keschwari, Florian David Fitz den Lehrer Pepe, Jella Haase die junge Bianca. Frederick Lau gibt den lebenslustigen Simon, Jessica Schwarz und Wotan Wilke Möhring das Gastgeberpaar Eva und Rocco. Mehrere dieser Schauspieler arbeiteten bereits in früheren Dagtekin-Projekten zusammen, darunter die Fack-ju-Göhte-Reihe und Türkisch für Anfänger.

Gedreht wurde zwischen Januar und März 2019 in München und Geretsried. Das zentrale Wohnungsmotiv entstand auf einer eigens errichteten Studiobühne in den Bavaria Filmstudios. Der Film hat eine Laufzeit von 115 Minuten, ist ab FSK 12 freigegeben und wurde am 31. Oktober 2019 bundesweit veröffentlicht. 2019 erhielt er den Bambi in der Kategorie „Film National“.

Handlung & Inhalt vom Film „Das perfekte Geheimnis“

An einem Abend mit angekündigter Mondfinsternis laden Eva und Rocco Koch ihre engsten Freunde zum Abendessen in ihre Münchner Altbauwohnung. Noch vor Ankunft der Gäste geraten Eva und ihre Teenager-Tochter Sophie aneinander: Eva hat Kondome in Sophies Tasche gefunden und stellt sie zur Rede. Das Verhältnis zwischen der kontrollsüchtigen Therapeutin und ihrer Tochter ist längst angespannt. Rocco, der als Hobbykoch in der Küche hantiert, empfängt derweil freizügige Fotos einer Bekannten auf sein Handy – unbemerkt von Eva, die ihren Mann jedoch schon länger argwöhnisch beobachtet. Die ersten Risse im Bild der harmonischen Freundesgruppe entstehen, noch bevor der erste Gast die Türschwelle übertreten hat.

Nach und nach trifft die Gruppe ein. Leo und Carlotta Keschwari verkörpern ein Paar unter Rollendruck: Leo hat seine Karriere als Bauzeichner aufgegeben, um die gemeinsamen Zwillinge zu betreuen, während Carlotta als Texterin in einer Werbeagentur oft bis spät in den Abend arbeitet und sich von ihren Kindern entfremdet fühlt. Mit Simon und Bianca kommt ein frisch verliebtes Paar – sie die Jüngste im Bunde, er ein gutgelaunter Lebenskünstler. Als letzter erscheint der Gymnasiallehrer Pepe, ohne die angekündigte neue Freundin. Nach dem ersten Wein und Roccos misslungenem Essen schlägt Eva ein Spiel vor: Alle legen ihre Handys offen auf den Tisch. Jeder Anruf, jede Nachricht wird mit allen geteilt.

Wenn Geheimnisse ans Mondlicht kommen

Die anfängliche Leichtigkeit des Spiels weicht schnell einem wachsenden Unbehagen. Leo, der eine Affäre unterhält und ein anzügliches Foto erwartet, überredet Pepe zum Handytausch. Als er daraufhin selbst an Pepes Gerät antworten muss, deuten zweideutige Nachrichten eines Kontakts namens Hannes an, Leo könnte bisexuell sein. Um seine eigentliche Affäre zu verbergen, lässt Leo die Annahme unwidersprochen. Carlotta, erschüttert, betrinkt sich und gesteht schließlich selbst ein Drogenproblem, das durch den beruflichen Druck entstanden ist. Das Spiel entfaltet seine Eigendynamik: Was als harmloses Experiment begann, zieht nun immer tiefere Risse durch die Gruppe.

Pepe löst die Verwechslung auf und offenbart dabei, was er seit Jahren verborgen hat: seine Homosexualität. Er fürchtet das Unverständnis seiner Freunde, wird an seiner Schule von einem Vater diskriminiert und hat das Schweigen als Schutz gewählt. Simon wiederum erhält während des Abends einen Anruf seiner Kollegin, die ihm mitteilt, von ihm schwanger zu sein. Bianca bricht unmittelbar mit ihm. Dann ohrfeigt Eva Simon in einem unbeobachteten Moment – ihre eigene heimliche Affäre mit ihm bleibt den anderen verborgen. Die Gäste verlassen getrennt die Wohnung.

Einige Zeit nach dem verhängnisvollen Abend haben sich die Wogen zumindest oberflächlich geglättet. Leo und Carlotta haben sich wieder zusammengefunden und sogar ihre Rollen getauscht: Er kehrt ins Berufsleben zurück, sie übernimmt die Kinderbetreuung. Rocco, Leo, Simon und Pepe versöhnen sich in einer gemeinsamen Geste: Sie verprügeln den Vater, der Pepe an seiner Schule diskriminiert hat, woraufhin der Konflikt beigelegt wird. Die vier reisen gemeinsam ab. Als unterwegs ein Klingeln ertönt und Rocco ein verstecktes Zweithandy zückt, ist die Affäre endlich enthüllt. Er wirft das Gerät in die Isar. Das Geheimnis bleibt – nur der Träger wechselt.

Filmkritik und Fazit zum Film „Das perfekte Geheimnis“

Das perfekte Geheimnis“ funktioniert besonders, wenn es der Prämisse vertraut. Dagtekin wählt mit Moritz Anton einen zeitlosen, einladenden Look. Gedeckte Pastellfarben und aufwendiges Licht prägen die klassischen Einstellungen. Nachrichten werden nicht eingeblendet, die Figurenreaktionen erzählen die Geschichte. Wotan Wilke Möhring zeigt emotionale Präzision in der Telefonszene. Solche Momente sind selten, aber sitzen immer beim Zuschauer.

Strukturell belastet das nachgereichte Happy End den Film. Das Original lebt von Ambivalenz und unterschwelliger Unruhe. Dagtekins Version glättet diese Kanten, reduziert das Unbehagen. Die Auflösung wirkt eher wie Versicherung, nicht wie Schluss. Tempo ist oft zu gleichmäßig, Dialoge wirken sortiert. Der Score bleibt subtil, unterstützt den Spannungsbogen nur minimal.

Für Zuschauer, die ein gut besetztes, handwerklich solides Ensemblestück suchen, hält „Das perfekte Geheimnis“ einen unterhaltsamen Abend bereit. Wer das Original kennt oder einen Film erwartet, der seinen Figuren keine Abkürzung gönnt, wird die Zahnlosigkeit des deutschen Endes spüren. Das ist kein Versagen, sondern eine Entscheidung – und wie alle Entscheidungen hat sie einen Preis.

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