Der seidene Faden
Paul Thomas Anderson ist ein Filmemacher, der mit jedem Werk die Grenzen des Erzählkinos neu auslotet. Sein siebter Spielfilm „Der seidene Faden“ nimmt das Publikum mit ins London der 1950er Jahre und folgt einem besessenen Modeschöpfer auf seinem Weg durch Kontrolle, Leidenschaft und Obsession. Anderson entwirft ein Kammerspiel über Macht, Abhängigkeit und die seltsamsten Blüten der Liebe.

| Dauer: | 131 Min. |
|---|---|
| FSK: | 6 (DE) |
| Jahr: | 2017 |
| Kategorien: | Drama |
| Regie: | Paul Thomas Anderson |
| Produzenten: | Megan Ellison, Paul Thomas Anderson, JoAnne Sellar, Daniel Lupi |
| Hauptdarsteller: | Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville |
| Nebendarsteller: | Camilla Rutherford, Gina McKee, Brian Gleeson, Harriet Sansom Harris |
| Studio: | Focus Features, Annapurna Pictures, Perfect World Pictures, JoAnne Sellar Productions, Ghoulardi Film Company |
Die Zusammenarbeit mit Daniel Day-Lewis – nach „There Will Be Blood“ die zweite – bildet den Kern dieses kunstvoll inszenierten Dramas. Anderson fungiert erneut als Autor, Regisseur und Kameramann zugleich, während Jonny Greenwood von Radiohead den Score beisteuert. Das Ergebnis ist ein Film, der formal makellos wirkt, emotional jedoch distanziert bleibt. Welche Abgründe verbergen sich hinter den perfekten Fassaden dieser Figuren?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Der seidene Faden“ entstand 2017 unter der Regie von Paul Thomas Anderson, der auch das Drehbuch verfasste und die Kamera führte. Produziert wurde der Film von JoAnne Sellar, Megan Ellison und Daniel Lupi. Der Schnitt lag in den Händen von Dylan Tichenor, während Jonny Greenwood die Filmmusik komponierte und dabei ein Cimbalon zur Charakterisierung der weiblichen Hauptfigur einsetzte. Das London Contemporary Orchestra und das Royal Philharmonic spielten unter der Leitung von Robert Ames.
In den Hauptrollen sind Daniel Day-Lewis als Reynolds Woodcock, Vicky Krieps als Alma und Lesley Manville als Cyril Woodcock zu sehen. Weitere Rollen übernahmen Camilla Rutherford, Gina McKee, Brian Gleeson und Harriet Sansom Harris. Die deutsche Synchronisation entstand bei der Interopa Film GmbH in Berlin, wobei Benjamin Völz Reynolds Woodcock seine Stimme lieh und Vicky Krieps ihre Rolle selbst synchronisierte.
Der Film kam am 25. Dezember 2017 in ausgewählte US-Kinos und lief ab 1. Februar 2018 in Deutschland. Die Laufzeit beträgt 131 Minuten bei einer Altersfreigabe ab sechs Jahren. Bei der Oscarverleihung 2018 erhielt der Film sechs Nominierungen, darunter für Bester Film und Beste Regie, und gewann in der Kategorie Bestes Kostümdesign.
Handlung & Inhalt vom Film „Der seidene Faden“
London in den 1950er Jahren: Der renommierte Schneider Reynolds Woodcock führt gemeinsam mit seiner Schwester Cyril das exklusive Modehaus The House of Woodcock. Während Reynolds als übersensibler Kreativer fungiert, hält Cyril alle organisatorischen Fäden in der Hand. Das Atelier fertigt Kleider für die High Society und Mitglieder der königlichen Familie. Frauen kommen und gehen durch Reynolds‘ Leben, inspirieren seine Kreativität, bis sie ihn langweilen. Cyril sorgt dann dafür, dass sie das Haus verlassen. Reynolds ist ein Perfektionist, der sein Leben nach strengen Regeln und Ritualen organisiert. Seine Mutter ist verstorben, doch ihr Andenken verfolgt ihn. In die Säume seiner Kleider näht er heimliche Botschaften ein.
Bei einem Restaurantbesuch macht Reynolds die Bekanntschaft der jungen Kellnerin Alma Elson. Er lädt sie zum Essen ein, und nach einem Abendessen in einem Feinschmeckerlokal fahren sie mit seinem Sportwagen nach London zurück. Reynolds bittet sie, sein neuestes Abendkleid anzuziehen, und vermisst sie dann in einer Szene, die zunehmend erotische Züge annimmt. Alma zieht in sein Haus ein, wird zur Muse und Mitarbeiterin. Nach dem Erfolg seiner neuen Kollektion wird Alma seine Geliebte. Cyril begegnet der Neuen zunächst mit Misstrauen, beginnt aber bald ihren eigenen Willen zu respektieren.
Alma stößt sich zunehmend an Reynolds‘ eisernen Gewohnheiten und Hyperempfindlichkeiten. Er tadelt sie, wenn sie beim Frühstück zu laut isst, ein knuspriges Stück Toast kann seinen Tag ruinieren. Alma bringt seine Regeln ins Wanken, ohne jedoch wirklich zu ihm vorzudringen. Sie bleibt außen vor. Reynolds erhält den Auftrag, das Brautkleid für eine belgische Prinzessin zu schneidern, was das ganze Atelier in Aufregung versetzt. Alma beobachtet, wie Reynolds die Prinzessin empfängt, und Eifersucht keimt in ihr. Der Konflikt eskaliert, als Alma ihn trotz Cyrils Warnung mit einem selbstgekochten Abendessen überraschen will. Reynolds gerät völlig aus der Fassung und schlägt die Trennung vor.
Macht, Gift und Hingabe
Wütend verlässt Alma den Raum, bleibt jedoch im Haus und ordnet sich scheinbar unter. Bei einem Waldspaziergang sammelt sie Pilze und vergiftet Reynolds‘ Frühstückstee mit getrockneten Pilzen. Im Atelier will Reynolds letzte Hand an das Brautkleid anlegen, doch ihm wird schwindelig. Er stürzt zusammen mit dem Kleid zu Boden. Das Kleid ist ruiniert, Reynolds unfähig sich zu rühren. Die Mitarbeiterinnen schaffen es in einer Nachtschicht, das Kleid neu zu schneidern. Reynolds wird schwer krank, fiebert und weigert sich, einen Arzt zuzulassen. Er duldet nur Alma um sich, die ihn hingebungsvoll pflegt.
Nach seiner Genesung macht Reynolds Alma einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Beide heiraten und scheinen glücklich. Nach einer Hochzeitsreise in der Schweiz kehren die beiden nach London zurück, doch Reynolds‘ dominante Persönlichkeit setzt sich wieder durch. Auf einer Party flirtet Reynolds mit einer langjährigen Freundin, während Alma von deren Patensohn hofiert wird. Beide beobachten einander mit Misstrauen und wachsender Eifersucht. Reynolds gesteht seiner Schwester, dass Alma ihn verrückt mache und aus dem Haus entfernt werden solle. Alma hört das Gespräch mit an und geht wieder Pilze sammeln.
Alma bereitet ein Omelett mit den giftigen Pilzen zu, genau so wie Reynolds es nicht mag – mit viel Butter. Sie informiert ihn, dass sie ihn schwach und verletzlich haben will, dann wieder stark, nachdem sie sich um ihn gekümmert hat. Reynolds erkennt, dass das Omelett vergiftet ist, isst jedoch ostentativ davon und bittet sie, ihn zu küssen, bevor ihm übel wird. Während er erneut schwer erkrankt, stellt sich Alma ihre gemeinsame Zukunft vor: Kinder, ein reiches gesellschaftliches Leben, eine größere Rolle für sie im Geschäft. Sie weiß, dass Herausforderungen bevorstehen, doch ihre Liebe und ihre sich ergänzenden Bedürfnisse können diese überwinden.
Filmkritik und Fazit zum Film „Der seidene Faden“
„Der seidene Faden“ demonstriert Paul Thomas Andersons technische Meisterschaft, wobei seine Arbeit als Kameramann besonders hervorsticht. Die statischen, fast theaterhaften Einstellungen verwandeln viele Szenen in regelrechte Leinwandgemälde. Daniel Day-Lewis verkörpert Reynolds Woodcock mit äußerster Präzision, bleibt dabei jedoch merkwürdig distanziert. Vicky Krieps überzeugt in den Momenten des Aufbegehrens, kämpft allerdings mit der deutschen Selbstsynchronisation. Jonny Greenwoods Score umschmeichelt die Ereignisse mit wechselnden Stimmungen – von spielerisch bis bedrückend.
Das Tempo des Films erinnert an Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut„, wobei Anderson selbst kleinste Details zum dramatischen Höhepunkt stilisiert. Die Auseinandersetzungen zwischen Reynolds und Alma werden mit trockenem Humor inszeniert, etwa wenn er sie wegen zu lauten Essens beim Frühstück tadelt. Die Ausstattung ist rauschend, die Kostüme preiswürdig, doch die emotionale Kälte des Films steht im Kontrast zu seinem Thema. Die Figuren bleiben dem Publikum fremd, Empathie stellt sich kaum ein. Anderson scheint sich seiner eigenen Stärken nicht bewusst zu sein, wenn er im Finale die aufgebaute Ambiguität mit einer platten Auflösung untergräbt.
Der Film fasziniert durch sein Machtspiel zweier Provokateure, die einander immer wieder testen. Die formale Brillanz ist unbestritten, die Bildkomposition makellos. Dennoch bleibt das Erlebnis seltsam kühl, fast wie die Betrachtung eines schönen Gemäldes, dessen Hintergründe verschlossen bleiben. Für Liebhaber von kunstvollem Arthouse-Kino mit unbequemen Themen bietet der Film durchaus Reiz, wer jedoch emotionale Nähe sucht, wird enttäuscht. Day-Lewis‘ vermeintlich letzte Rolle liefert handwerkliche Perfektion, berührt aber selten.