Drive
Nicolas Winding Refns „Drive“ ist ein Film, der sich weigert, das zu sein, was sein Titel verspricht. Kein Rausch aus Metall und Asphalt, kein Spektakel der Überwältigung. Stattdessen herrscht hier eine eigentümliche Stille – getragen, bedrohlich, fast meditativ. Der dänische Regisseur kam 2011 mit diesem Werk nach Hollywood und brachte seinen Stil kompromisslos mit. Es ist ein Film über Schweigen als Sprache, über Gewalt als letztes Argument und über eine Zuneigung, die keine Zukunft haben kann.

| Dauer: | 100 Min. |
|---|---|
| FSK: | 18 (DE) |
| Jahr: | 2011 |
| Kategorien: | Action, Drama |
| Regie: | Nicolas Winding Refn |
| Produzenten: | Michel Litvak, John Palermo, Adam Siegel, Gigi Pritzker, Marc Platt |
| Hauptdarsteller: | Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston |
| Nebendarsteller: | Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks, Ron Perlman |
| Studio: | FilmDistrict, Bold Films, Marc Platt Productions, OddLot Entertainment, Motel Movies, Newbridge Film Capital |
Was bedeutet es, einen Film zu machen, der sich dem Actionkino äußerlich bedient, innerlich aber näher an einem Gedicht steht als an einem Drehbuch? „Drive“ stellt diese Frage nicht explizit, beantwortet sie jedoch mit jeder Einstellung. Das Publikum wird nicht geführt, sondern ausgesetzt – in eine Welt, die ihre Regeln nicht erklärt. Ob man in dieser Stille Schönheit findet oder Leere, dürfte kaum ein zweites Mal dieselbe Antwort ergeben.
Besetzung, Regie und Drehorte
„Drive“ ist ein US-amerikanischer Thriller aus dem Jahr 2011, inszeniert von Nicolas Winding Refn, der damit sein Hollywood-Debüt gab. Das Drehbuch stammt von Hossein Amini, der den gleichnamigen Roman von James Sallis aus dem Jahr 2005 adaptierte. Die Kamera führte Newton Thomas Sigel, den Schnitt übernahm Matthew Newman. Die Filmmusik, eine Mischung aus Ambient-Score und Synthwave-Songs, komponierte Cliff Martinez.
Ryan Gosling spielt den namenlosen Fahrer – wortkarg, präzise, schwer zu fassen. An seiner Seite agieren Carey Mulligan als Irene, Bryan Cranston als Shannons loyaler Freund, sowie Albert Brooks in einer gegen sein übliches Image besetzten Rolle als Gangsterboss Bernie Rose. Oscar Isaac gibt Standards Rolle als aus dem Gefängnis entlassener Ehemann, Ron Perlman verkörpert den Gangster Nino, und Christina Hendricks ist in der kurzen, aber wirkungsvollen Rolle der Blanche zu sehen.
Der Film läuft 100 Minuten und ist in Deutschland mit FSK 18 freigegeben. Beim Filmfestival Cannes 2011 erhielt Refn den Preis für die Beste Regie. Weitere Nominierungen folgten bei den BAFTAs, den Golden Globes, den Independent Spirit Awards sowie dem César. Albert Brooks wurde für den Golden Globe als Bester Nebendarsteller nominiert und gewann den New York Film Critics Circle Award in derselben Kategorie.
Handlung & Inhalt vom Film „Drive“
Los Angeles, irgendwann in der Gegenwart. Der Fahrer – einen Namen hat er nicht, zumindest keinen, der je genannt wird – führt ein doppeltes Leben. Tagsüber arbeitet er in der Autowerkstatt seines Bekannten Shannon und steht als Stuntfahrer für Filmproduktionen zur Verfügung. Nachts vermietet er seine Dienste an Kriminelle. Sein Angebot ist klar definiert: ein Fahrzeug, ein Zeitfenster von fünf Minuten, kein persönlicher Kontakt, keine Wiederholung. Er hilft nicht bei den Taten selbst. Er fährt.
Die Ordnung in seinem Leben bricht auf, als er seine Nachbarin Irene kennenlernt, eine alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Sohn namens Benicio. Shannon plant unterdessen, ein Rennteam aufzubauen, und leiht sich dafür Geld beim Gangster Bernie Rose, dessen Geschäftspartner Nino der Kosher Nostra angehört. Als Irenes Mann Standard aus dem Gefängnis entlassen wird, bringt er eine Schuld mit, die schnell zur Bedrohung für die gesamte Familie wird. Ein albanischer Gangster namens Cook fordert seinen Tribut – und droht Irene und Benicio, sollte Standard nicht liefern.
Wenn die Ordnung kippt: Eskalation, Verrat und Gewalt
Um die Familie zu schützen, bietet der Fahrer Standard seine Hilfe an. Gemeinsam mit einer Frau namens Blanche soll ein Pfandhaus ausgeraubt werden – der Fahrer übernimmt das Steuer. Der Überfall verläuft zunächst planmäßig, doch Standard wird auf dem Rückweg erschossen. Blanche gelangt mit einer ungewöhnlich großen Beute ins Fluchtauto. Als sich die beiden in einem Motelzimmer verstecken, stellt sich heraus, dass weit mehr als eine Million Dollar gestohlen wurde – zu viel für ein gewöhnliches Pfandhaus.
Blanche enthüllt unter Druck, dass Cook einen Hinterhalt geplant hatte, um das Geld selbst zu behalten. Kurz darauf dringen bewaffnete Männer in das Motelzimmer ein. Blanche wird erschossen, der Fahrer verletzt, überlebt jedoch und tötet die Angreifer. Er sucht Cook auf und erfährt durch Gewalt, dass Nino das Geld der Ostküstenmafia aus dem Pfandhaus stehlen ließ, um die Konkurrenz zu schwächen. Bernie Rose, der von dem Coup erfahren hat, beschließt nun, alle Zeugen zu beseitigen – Cook wird erstochen, Shannon in seiner Werkstatt getötet.
Der Fahrer verfolgt Nino, drängt seinen Wagen von der Straße und lässt ihn an einem Strand im Pazifik ertrinken. Danach ruft er Irene an und sagt ihr, dass er Los Angeles verlassen muss – die Zeit mit ihr und Benicio sei das Bedeutsamste gewesen, was er kannte. Er trifft sich mit Bernie auf einem Restaurantparkplatz, übergibt das Geld und erhält im Gegenzug Bernies Versprechen, Irene und Benicio zu schützen. Bernie sticht ihn nieder, wird selbst schwer verletzt und stirbt. Der Fahrer sitzt reglos im Auto – dann startet er den Motor. Irene steht vor seiner leeren Wohnung. Er fährt allein in die Nacht.
Filmkritik und Fazit zum Film „Drive“
Was „Drive“ von den meisten Thrillern seiner Zeit unterscheidet, lässt sich schwer in einzelne Elemente zerlegen – es ist das Zusammenspiel. Refn inszeniert mit einer Disziplin, die im Hollywoodkino selten ist: Kaum ein Schnitt, der nicht sitzt, kaum eine Einstellung, die sich erklärt. Ryan Gosling spielt den Fahrer mit einer Ökonomie, die im ersten Akt fast kühl erscheint, dann aber an Gewicht gewinnt. Seine Mimik verhandelt mehr als jeder Dialog es könnte. Carey Mulligan hält dem Stand, obwohl ihre Rolle strukturell wenig Spielraum bietet. Albert Brooks überrascht als Gangster, der tötet, weil die Umstände es von ihm verlangen – nicht aus Lust, sondern aus Kalkül.
Cliff Martinez‘ Score setzt den Rhythmus des Films: Ambient-Flächen, die Spannung nicht steigern, sondern halten. Dieser Soundtrack fühlt sich nicht nach Untermalung an, sondern nach Textur. Die Fahrszenen – insbesondere die Eröffnung in der Parkgarage des Staples Centers – verzichten auf Übersteuerung. Keine explodierten Karosserien, kein Crescendo aus CGI. Stattdessen: Funktionalität als Ästhetik, Kontrolle als Spannung. Newton Thomas Sigels Kamera hält das nächtliche Los Angeles in einem Licht, das zwischen Verheißung und Gefahr nicht entscheiden will. Wer hingegen Handlungsdichte erwartet, könnte sich mit dem bewusst zögerlichen Erzähltempo schwertun – Refn nimmt sich Zeit für Gesten, nicht für Explikation.
„Drive“ ist ein Film für ein Publikum, das bereit ist, Stille als Aussage zu akzeptieren. Wer Thrill durch Tempo definiert, wird hier auf Widerstand stoßen. Wer jedoch an der Schnittstelle von Arthouse und Genre das Kino ernst nimmt, findet in diesem Film ein Werk, das nachwirkt – nicht wegen seiner Antworten, sondern wegen seiner Haltung. Für Thriller-Liebhaber, die Inszenierung über Spektakel stellen, ist er kaum zu umgehen.