Im Westen nichts Neues

Der Kriegsfilm verlangt nach einer präzisen Sprache. Bilder ersetzen Worte, Details tragen Bedeutung. „Im Westen nichts Neues“ reiht sich in diese Tradition ein, bleibt dabei aber bewusst reduziert. Statt heldenhafter Narrative steht das Funktionieren des Krieges im Mittelpunkt. Inmitten kalter Mechanik und strategischer Sinnlosigkeit spiegelt der Film die Auslöschung individueller Identität. Gerade deshalb wirkt seine formale Strenge so zeitgemäß – sie verweigert Trost.

Im Westen nichts Neues
Dauer: 148 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2022
Kategorien: Drama
Regie: Edward Berger
Produzenten: Edward Berger, Malte Grunert, Daniel Marc Dreifuss
Hauptdarsteller: Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer
Nebendarsteller: Moritz Klaus, Adrian Grünewald, Edin Hasanović, Daniel Brühl
Studio: Amusement Park Films, Gunpowder Films

Im Zentrum steht ein junger Soldat, der gemeinsam mit Gleichaltrigen an die Front zieht. In Nordfrankreich trifft die Gruppe auf einen erfahrenen Kameraden, der rasch zum Fixpunkt wird. Zwischen Schützengräben, Hunger und Rückzugsgefechten verschwimmen Nähe und Pflicht. Während politische Verhandlungen anlaufen, spitzt sich die Situation an der Front weiter zu. Das System fordert Opfer, noch als der Waffenstillstand bereits unterschrieben ist. Wie lange lässt sich ein Krieg führen, wenn niemand mehr weiß, wofür?

Besetzung, Regie und Drehorte

Im Westen nichts Neues“ ist ein Kriegsdrama von Edward Berger, das 2022 veröffentlicht wurde. Die Verfilmung basiert auf dem gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque und ist die erste deutsche Adaption des Werks. Für das Drehbuch zeichneten Lesley Paterson, Edward Berger und Ian Stokell verantwortlich. Die Musik stammt von Volker Bertelmann, die Kamera führte James Friend. Sven Budelmann übernahm den Schnitt. Produziert wurde der Film von Malte Grunert und Daniel Marc Dreifuss.

In der Hauptrolle als Paul Bäumer ist Felix Kammerer zu sehen. Albrecht Schuch spielt Stanislaus Katczinsky, Aaron Hilmer verkörpert Albert Kropp. Weitere Rollen übernahmen Daniel Brühl als Matthias Erzberger, Moritz Klaus als Franz Müller, Edin Hasanović als Tjaden Stackfleet und Devid Striesow als General Friedrichs. Gedreht wurde an 52 Tagen überwiegend in Tschechien, unter anderem in Prag, Milovice, Libušín, Benátky nad Jizerou und auf der Burg Točník. Weitere Szenen entstanden in Belgien und Deutschland. Das Szenenbild stammt von Christian M. Goldbeck, die Kostüme von Lisy Christl.

Der Film dauert 148 Minuten und erhielt eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Bei den Oscars 2023 wurde er neunfach nominiert und gewann vier Auszeichnungen, darunter bester internationaler Film und beste Kamera. Auch bei den BAFTAs und dem Deutschen Filmpreis war er äußerst erfolgreich. Mit insgesamt neun Lolas sowie sieben BAFTA-Auszeichnungen stellte das Werk Rekorde für nicht englischsprachige Produktionen auf.

Handlung & Inhalt vom Film „Im Westen nichts Neues“

Paul Bäumer ist siebzehn, als er sich voller Überzeugung gemeinsam mit seinen Klassenkameraden freiwillig für den Kriegsdienst meldet, weil sie an Ruhm und Ehre glauben. Die Gruppe folgt patriotischen Parolen aus dem Klassenzimmer, ohne deren Konsequenzen zu hinterfragen. Doch kaum angekommen, prallen sie auf bittere Realität. In Nordfrankreich geraten sie direkt in die Hölle des Stellungskriegs, denn der Krieg kennt keine Schonzeit. Noch in der ersten Nacht reißt ein Artillerietreffer ihren Freund Ludwig aus dem Leben, weshalb ihre Begeisterung schnell bröckelt. Stattdessen breitet sich das Grauen aus, das keinen Heldenmut duldet. Die Jugendlichen müssen erkennen, dass Mut im Schlamm der Schützengräben nichts zählt.

Mit der Zeit wächst Paul eine enge Verbindung zum erfahrenen Frontsoldaten Katczinsky, denn gemeinsame Erlebnisse schweißen sie zusammen. Zusammen mit den anderen überleben sie Hunger, Kälte und Angst, obwohl die Bedingungen unmenschlich bleiben. Als sie eine Gans stehlen, schaffen sie sich dadurch einen Moment der Wärme. Zwischen den Kämpfen versuchen sie, trotz aller Grausamkeit, Menschlichkeit zu bewahren. Kat, der nicht lesen kann, bittet Paul, ihm Briefe von seiner Frau vorzulesen, damit ihm wenigstens ihre Worte nahebleiben. Währenddessen führt der Politiker Matthias Erzberger erste Gespräche über einen Waffenstillstand, weil die Verluste unaufhaltsam steigen. In dieser Zwischenzeit genießt Franz einen kurzen Moment mit einer Französin – ein Hauch von Leben im Schatten des Todes.

Letzte Stunden inmitten des Chaos

Doch die Hoffnung auf Frieden trügt. General Friedrichs lehnt eine Kapitulation ab und plant eine letzte Offensive. Paul und seine Einheit übernehmen eine verlustreiche Mission: Sie suchen 60 vermisste Rekruten, doch das Giftgas hat bereits alle getötet. Während Erzberger verhandelt, rückt Pauls Truppe erneut in einen brutalen Angriff vor. Panzer rollen an, Flammenwerfer brennen, Grabenkämpfe reißen unzählige Menschen aus dem Leben. Albert verbrennt, Franz verschwindet. In einem Granattrichter sticht Paul im Überlebenskampf auf einen Franzosen ein – der Moment erschüttert ihn tief.

Die Nachricht vom Waffenstillstand bringt Erleichterung, erreicht Tjaden jedoch zu spät. Schwer verletzt und ohne Hoffnung nimmt er sich das Leben. Paul bleibt mit Kat zurück, gemeinsam stehlen sie ein letztes Mal Essen vom Bauernhof. Doch ein Junge feuert und trifft Kat tödlich, Paul schleppt ihn noch zum Lazarett – vergeblich. Am Morgen des 11. November schweigen fast alle Waffen, nur einer befiehlt noch: General Friedrichs erzwingt einen letzten Angriff. Die letzten Minuten bringen keine Wende mehr. Ein Bajonettstoß tötet Paul Sekunden vor elf Uhr.

Ein neuer Rekrut, dem Paul einst das Leben rettete, findet später seine Leiche. Er nimmt den Schal, den Franz einst mitbrachte, doch die Erkennungsmarke bleibt im Dreck. Pauls Name wird nicht notiert, sein Tod nicht dokumentiert. Der Krieg ist vorbei, aber das Ende bleibt ohne Trost. Die Toten verlieren sich im Schlamm, ihr Opfer bleibt anonym. Was bleibt, ist ein stilles Symbol der Sinnlosigkeit.

Filmkritik und Fazit zum Film „Im Westen nichts Neues“

Im Westen nichts Neues“ setzt auf kompromisslose Bildsprache und ein druckvolles Klangkonzept. Edward Berger inszeniert das Kriegsgeschehen mit formaler Präzision, ohne pathetische Effekte. Die Kamera bleibt nahe an den Körpern, fängt Erschöpfung, Schmerz und Sprachlosigkeit mit klinischer Genauigkeit ein. Gleichzeitig arbeitet der Ton auf mehreren Ebenen, schafft Dichte, ohne je zu überinszenieren. Der Film gewinnt dadurch an Unmittelbarkeit. Einzelne erzählerische Erweiterungen, insbesondere die politischen Nebenstränge, bremsen jedoch phasenweise den dramaturgischen Fluss und mindern die emotionale Konzentration.

Eine Szene gegen Ende zeigt, wie ein Soldat im letzten Moment vor Waffenstillstand noch kämpft – als gäbe es kein Morgen. Diese Entscheidung wirkt exemplarisch für die Haltung des Film: Krieg wird nicht durch Worte beendet, sondern durch Erschöpfung. Die Schauspieler liefern differenzierte Leistungen, allen voran Felix Kammerer mit stoischer Körperlichkeit und Albrecht Schuch mit nüchterner Intensität. Diese darstellerische Klarheit trägt die Inszenierung, ohne in Sentimentalität zu verfallen. Die formale Handschrift bleibt über weite Strecken prägnant, auch wenn strukturelle Brüche die emotionale Stringenz stellenweise schwächen.

„Im Westen nichts Neues“ spricht Zuschauer an, die filmische Konsequenz schätzen und eine ungeschönte Darstellung suchen. Der Verzicht auf emotionale Führung, gepaart mit präziser Gestaltung, erzeugt eine bedrückende Wirkung. Wer klassische Erzählmuster oder psychologische Tiefe erwartet, wird weniger abgeholt. Der Film funktioniert besonders dort, wo er Bild, Ton und Rhythmus engführt und den Blick nicht abwendet. Seine Stärke liegt im Unausweichlichen – nicht in der Erklärung, sondern in der Konfrontation.

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