In voller Blüte
Kriegsgedenken und Liebesgeschichte – das sind zwei Motive, die im deutschen Kino selten so eng miteinander verwoben werden wie im britischen Film „In voller Blüte„. Der 2023 erschienene Film von Oliver Parker erzählt von einem alten Mann, der seiner Vergangenheit begegnet. Dabei geht es nicht um Heldenmythen, sondern um die stille Last des Erlebten. Die Frage, wie viel ein Mensch mit sich trägt und was er braucht, um es endlich abzulegen, steht im Mittelpunkt dieser ungewöhnlichen Geschichte.

| Dauer: | 96 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2023 |
| Kategorien: | Drama |
| Regie: | Oliver Parker |
| Produzenten: | Douglas Rae, Robert Bernstein |
| Hauptdarsteller: | Michael Caine, Glenda Jackson, John Standing |
| Nebendarsteller: | Will Fletcher, Laura Marcus, Victor Oshin, Danielle Vitalis |
| Studio: | Ecosse Films, Filmgate Films, Ingenious Media, Film i Väst, Pathé, BBC Film |
Oliver Parker, bekannt für leichtere Unterhaltung, wählt hier einen ungewohnt zurückhaltenden Ton. Das Drehbuch von William Ivory basiert auf wahren Ereignissen aus dem Jahr 2014 – einem Ausbruch, der britische Schlagzeilen machte. Der Film entstand als Koproduktion von Pathé, BBC Film und Ecosse Films mit Drehorten ausschließlich in England. Ob der Film diese wahre Geschichte mit dem nötigen Gewicht trägt oder im Sentimentalen verliert, wird im Zuschauen deutlich.
Besetzung, Regie und Drehorte
„In voller Blüte“ (Originaltitel: The Great Escaper) ist ein britischer Spielfilm aus dem Jahr 2023 unter der Regie von Oliver Parker. Das Drehbuch verfasste William Ivory, die Kamera führte Christopher Ross, und die Filmmusik stammt von Craig Armstrong. Der Schnitt liegt in den Händen von Paul Tothill. Die Dreharbeiten fanden ausschließlich in England statt, unter anderem in Twickenham, Camber Sands in East Sussex sowie in Hastings.
Die Hauptrollen übernahmen Michael Caine als Veteran Bernard „Bernie“ Jordan und Glenda Jackson als seine Frau Irene „Rene“ Jordan. John Standing spielt den Mitreisenden Arthur. Danielle Vitalis verkörpert die Pflegerin Adele, Victor Oshin den Pfleger Scott. Wolf Kahler ist als Heinrich zu sehen, ein ehemaliger Soldat der Wehrmacht. Will Fletcher und Laura Marcus spielen Bernie und Rene in Rückblenden als junge Menschen.
Der Film hat eine Laufzeit von 94 Minuten und trägt eine Altersfreigabe ab FSK 12. Er feierte seine Weltpremiere im September 2023 beim BFI Southbank in London. Der deutsche Kinostart war am 23. November 2023. Für Glenda Jackson, die im Juni 2023 verstarb, war es die letzte Filmrolle. Michael Caine gab mit diesem Film das Ende seiner Filmkarriere bekannt.
Handlung & Inhalt vom Film „In voller Blüte“
Bernard „Bernie“ Jordan lebt gemeinsam mit seiner Frau Irene, genannt Rene, in einem Altersheim an der englischen Küste. Bernie ist Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er war im Juni 1944 einer jener Soldaten, die an den Stränden der Normandie landeten. Die morgendlichen Spaziergänge zum Meer gehören zu seinem Alltag. Sie geben ihm Gelegenheit, in die Vergangenheit zu schauen. Mit Rene verbindet ihn eine Jahrzehnte lange Ehe. Beide sind gebrechlich, doch sie genießen ihre Zweisamkeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
Im Jahr 2014 steht der 70. Jahrestag des D-Days bevor. Bernie möchte an den Gedenkfeiern in der Normandie teilnehmen, um seinen gefallenen Kameraden die letzte Ehre zu erweisen. Eine Pflegerin teilt ihm jedoch mit, dass die Reservierung für die Seniorengruppenreise versäumt wurde. Die Fahrt ist ausgebucht. Rene ermutigt ihn daraufhin, es auf eigene Faust zu versuchen. Bernie zögert, denn er will seine Frau nicht allein zurücklassen. Letztlich lässt er sich von ihr überzeugen. Der Entschluss ist gefasst.
Aufbruch, Begegnung und das Gewicht der Erinnerung
Eines frühen Morgens verlässt Bernie unbemerkt das Pflegeheim. Er nimmt ein Taxi nach Dover und von dort die Fähre nach Frankreich, mit Rollator, Krückstock und Kriegsorden an der Brust. Rene hält das Geheimnis zunächst für sich. Sie lenkt das Pflegepersonal gezielt ab, um Bernie einen zeitlichen Vorsprung zu verschaffen. Erst der Pflegerin Adele gegenüber gibt sie zu, dass Bernie „ausgebrochen“ ist. Dabei vertraut sie Adele auch etwas anderes an: Sie selbst ist unheilbar krank. Die verbleibende Zeit ist knapp. Bernie weiß davon nichts, denn Rene will ihn nicht belasten.
Auf der Fähre trifft Bernie den pensionierten Schulleiter Arthur, der ebenfalls Veteran ist und mit einer Reisegruppe nach Frankreich fährt. Arthur entdeckt, dass Bernie allein reist, und lädt ihn ein, sich seiner Gruppe anzuschließen. Bernie nimmt an. In der Normandie treffen die beiden auch auf Heinrich, einen deutschen Veteranen, der seiner gefallenen Kameraden gedenken möchte. Bernie und Arthur geben ihren Platz bei der Zeremonie ab und überlassen Heinrich die Eintrittskarten. Stattdessen fahren sie auf den Bayeux-Kriegsfriedhof. Dort sucht Arthur das Grab seines Bruders. Bernie besucht das Grab von Douglas Bennett, einem Kameraden, der am D-Day fiel, kurz nachdem Bernie ihn beruhigt hatte.
Auf seiner Rückreise bemerkt Bernie, dass er in England zur Berühmtheit geworden ist. Die Presse feiert ihn als „The Great Escaper“. Die Fährengesellschaft behandelt ihn wie einen Ehrengast. Vor dem Altersheim warten Journalisten. Bernie drängt sich an ihnen vorbei und geht direkt zu Rene. Dort legt er ihr endlich sein Schuldgefühl offen. Er habe Douglas damals dazu gebracht, das Schiff zu verlassen, und gibt sich die Schuld an dessen Tod. Rene widerspricht ihm ruhig. Sie erinnert ihn daran, dass sie beide ihr Leben voll gelebt haben. Am nächsten Morgen stehen sie gemeinsam früh auf, um den Sonnenaufgang zu sehen – so wie einst als junge Liebende. Ein Abspann teilt mit: Bernie starb sechs Monate nach seiner Reise. Rene folgte ihm sieben Tage später.
Filmkritik und Fazit zum Film „In voller Blüte“
„In voller Blüte“ stützt sich auf das Zusammenspiel zweier Darsteller, die ihre Rollen mit körperlich spürbarer Präzision anlegen. Michael Caine gibt Bernie keine aufgesetzte Rüstigkeit, sondern eine brüchige Entschlossenheit, die im Gesicht ablesbar bleibt. Glenda Jackson wiederum verleiht Rene Schärfe und Wärme zugleich – besonders in jenen Szenen, in denen sie das Pflegepersonal mit lakonischen Kommentaren aus dem Gleichgewicht bringt. Oliver Parkers Regie hält sich im Hintergrund. Er vertraut seinen Darstellern und schneidet zwischen zwei Schauplätzen hin und her, ohne dabei einen zu vernachlässigen. Das Drehbuch von William Ivory verbindet Roadmovie und Kammerspiel zu einem strukturell klaren Erzählbogen.
Das Tempo des Films ist bedächtig, mitunter auch zu gleichmäßig. Die Rückblenden in die Kriegszeit sind handwerklich solide, aber gelegentlich zu schematisch platziert – sie erklären mehr, als sie zeigen. Craig Armstrongs Musik begleitet das Geschehen mit Zurückhaltung, unterstreicht Stimmungen, ohne sie zu überlasten. Die Bildsprache von Christopher Ross bleibt realistisch und verzichtet auf dramatisierende Einstellungen. Das entspricht dem Ton des Films. Eine Szene jedoch hat besonderes Gewicht: Bernie auf dem Bayeux-Friedhof, allein vor dem Grab seines Kameraden, ohne Dialog, nur mit der Geste eines alten Mannes, der sich endlich erlaubt, zu trauern. Diese Stille trägt mehr als jeder Monolog.
Der Film richtet sich an ein Publikum, das bereit ist, sich auf langsame Entwicklungen einzulassen. Er verlangt keine große Geduld, aber eine gewisse Offenheit für Figuren, deren Stärke in der Stille liegt. Wer Kino als Erfahrungsraum versteht, in dem Lebenszeit sichtbar wird, findet hier ein Werk, das diesen Anspruch erfüllt. „In voller Blüte“ ist kein Film ohne Schwächen, doch er ist ein aufrichtiger – und ein letzter Auftritt zweier Leinwandlegenden, der diesen Namen verdient.