Legend

Wenn das Kino sich dem organisierten Verbrechen zuwendet, folgt es meist einem vertrauten Muster: charismatische Täter, elegante Gewalt, ein Aufstieg, der unweigerlich in den Fall mündet. „Legend“ von Brian Helgeland kennt dieses Muster – und entscheidet sich dennoch für einen anderen Weg. Nicht die Mythologisierung zweier Gangsterbrüder steht im Mittelpunkt, sondern die Spannung zwischen ihnen. Was dabei entsteht, ist ein Film, der sein eigentliches Sujet in einer einzigen Hauptdarstellerleistung findet.

Legend
Dauer: 132 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2015
Kategorien: Krimi, Thriller
Regie: Brian Helgeland
Produzenten: Tim Bevan, Chris Clark, Quentin Curtis, Eric Fellner, Brian Oliver
Hauptdarsteller: Tom Hardy, Emily Browning, Christopher Eccleston
Nebendarsteller: David Thewlis, Taron Egerton, Chazz Palminteri, Colin Morgan
Studio: Working Title Films, Anton Capital Entertainment, StudioCanal, Cross Creek Pictures

Das London der frühen Sechzigerjahre war ein Nährboden für genau jene Figuren, die das East End zu ihrem Territorium erklärten. Die Kray-Zwillinge gehörten dazu – berüchtigt, gefürchtet, bewundert. Helgeland stellt von Beginn an klar: Es geht ihm nicht um die Rekonstruktion historischer Fakten allein, sondern um das psychologische Geflecht zweier Brüder, die einander brauchen und sich doch unaufhörlich zerstören. Wohin führt ein Doppelleben, das nicht aus zwei Identitäten besteht, sondern aus zwei Menschen?

Besetzung, Regie und Drehorte

Legend“ ist eine britisch-französische Koproduktion aus dem Jahr 2015, verfasst und inszeniert von Brian Helgeland, der bereits mit „Payback“ und „L.A. Confidential“ sein Gespür für düstere Milieus unter Beweis gestellt hatte. Das Drehbuch basiert auf John Pearsons Biografie „The Profession of Violence“ über die Kray-Zwillinge. Als Kameramann fungierte Dick Pope, der Schnitt lag in den Händen von Peter McNulty, die Filmmusik komponierte Carter Burwell.

Tom Hardy übernimmt in einer technisch wie darstellerisch anspruchsvollen Doppelrolle beide Hauptfiguren: den geschäftsorientierten Reggie und seinen paranoid-schizophrenen Bruder Ronnie Kray. Emily Browning verkörpert Frances Shea, Reggies Frau und emotionalen Anker der Geschichte. David Thewlis spielt Leslie Payne, Christopher Eccleston den ermittelnden Detective Superintendent Nipper Read. Taron Egerton, Paul Bettany und Chazz Palminteri bereichern das Ensemble in markanten Nebenrollen.

Der Film feierte seine Premiere am 3. September 2015 in London und wurde im September 2015 beim Toronto International Film Festival gezeigt. In die deutschen Kinos kam er am 7. Januar 2016. Hardy wurde für seine Doppelrolle mit dem British Independent Film Award als Bester Darsteller und dem Toronto Film Critics Association Award als Bester Schauspieler ausgezeichnet. Carter Burwell erhielt bei den World Soundtrack Awards 2016 den Preis als Film Composer of the Year.

Handlung & Inhalt vom Film „Legend“

Im London der frühen Sechzigerjahre haben die Kray-Zwillinge das organisierte Verbrechen im East End fest im Griff. Reggie, der geschäftstüchtige der beiden, führt Clubs und Schutzgelderpressungen mit kühlem Kalkül. Sein Bruder Ronnie sitzt in einer psychiatrischen Anstalt – bis Reggie seine vorzeitige Entlassung erzwingt. Gemeinsam bauen sie ihr kriminelles Netzwerk weiter aus, profitieren vom Wegfall der rivalisierenden Richardson-Gang und verankern sich tiefer im Londoner Untergrund. Reggie verliebt sich in Frances Shea, die Schwester seines Fahrers, und beginnt ernsthaft über ein Leben jenseits der Kriminalität nachzudenken.

Die ersten Risse zeigen sich schnell. Ronnie, dessen Paranoia und Jähzorn jeden geordneten Betrieb untergraben, treibt die gemeinsamen Clubs an den Rand des Ruins. Als Reggie für eine frühere Verurteilung ins Gefängnis muss, hinterlässt er ein bereits angeschlagenes Imperium. Frances, nun weitgehend allein, leidet unter Ronnies kaum verhohlener Feindschaft ihr gegenüber. Die Ehe, die einst Hoffnung auf Normalität versprach, trägt von Anfang an das Gewicht zweier unvereinbarer Welten. Reggie kehrt zurück – und die Brüder prügeln sich in einem wüsten Handgemenge, das zugleich Ausdruck ihrer Nähe und ihrer Erschöpfung füreinander ist.

Eskalation, Mord und der Anfang vom Ende

Das Netzwerk der Krays reicht bis in die Vereinigten Staaten. Angelo Bruno, Vertreter der Philadelphia-Familie, vermittelt eine Zusammenarbeit mit Meyer Lansky – ein Fifty-fifty-Deal über Londons illegale Spieleinnahmen. Die Geschäfte florieren, doch Ronnies Instabilität nagt an jedem Fundament. Er erschießt George Cornell, einen Vertrauten der Richardson-Gang, in aller Öffentlichkeit. Scotland Yard, unter der Leitung von Detective Superintendent Nipper Read, verstärkt die Ermittlungen. Der Mord ist kein Ausrutscher – er ist Ausdruck einer Persönlichkeit, die jede strategische Rücksicht verweigert.

Frances trägt die Last einer Ehe, die ihr immer weniger gibt. Reggies Versprechen, das kriminelle Leben aufzugeben, bleibt eine Geste ohne Folgen. Ronnie sabotiert gezielt ihren Platz an Reggies Seite. Sie beginnt, Medikamente zu missbrauchen. Nach einer Gewalttat Reggies verlässt sie ihn. Als eine Aussöhnung greifbar scheint und beide eine Reise nach Ibiza planen, nimmt sie sich mit einer Überdosis das Leben. Reggie, zerrissen zwischen Schuld und dem Sog der Unterwelt, findet keinen Ausweg aus der Bahn, die er längst nicht mehr steuert.

Der Verrat kommt von innen. Ronnie beauftragt den Kleinkriminellen Jack „The Hat“ McVitie, Reggies Geschäftspartner Leslie Payne zu töten. McVitie versagt – Payne überlebt und wendet sich an Read. Als Reggie erfährt, was geschehen ist, ersticht er McVitie während einer Party mit mehreren Messerstichen. Das Ende folgt rasch und ohne Dramatik: Read bricht die Türen auf, Reggie wird verhaftet, noch mit zwei Ibiza-Tickets in der Tasche. Ronnie wird für den Mord an Cornell verurteilt. Beide Brüder verbüßen lebenslange Haftstrafen. Ronnie stirbt 1995 an einem Herzinfarkt, Reggie im Jahr 2000 an Blasenkrebs.

Filmkritik und Fazit zum Film „Legend“

Legend“ trägt seinen schwächsten Punkt im Kern seines stärksten: Tom Hardy füllt beide Rollen mit einer Präzision, die den Film gleichzeitig trägt und erdrückt. Als Ronnie – kehliger Akzent, schwerfälliger Gang, ein Blick, der zwischen Kindlichkeit und Bedrohung oszilliert – erschafft er eine Figur, die in jeder Szene die Luft verdrängt. Als Reggie ist er kontrollierter, glatter, aber dennoch erkennbar das zweite Gesicht derselben Welt. Dick Popes Kamera folgt beiden mit einem kühlen, eleganten Blick, der das schäbige und glamouröse London der Sechziger gleichermaßen einfängt.

Helgelands Drehbuch setzt dagegen weniger klare Akzente. Der Film bewegt sich zwischen Gangsterchronik und Liebesgeschichte, ohne in einem der beiden Genres vollständig Fuß zu fassen. Frances‘ Erzählung – aus dem Off gesprochen, melancholisch gefärbt – verleiht dem Ganzen einen elegischen Ton, der nicht immer zur Brutalität der Haupthandlung passt. Carter Burwells Musik unterstreicht diese Zwischenzone, ohne sie aufzulösen. Das Tempo des Films ist uneinheitlich: Szenen mit echtem Drive, etwa der erste Auftritt Ronnies im Nachtclub oder das Gespräch mit Angelo Bruno, stehen neben trägen Passagen, in denen das Drehbuch die Orientierung verliert.

Für Genre-Liebhaber bleibt „Legend“ ein sehenswerter, wenn auch unerfüllter Film. Wer Tom Hardy in einer technisch außergewöhnlichen Doppelrolle erleben möchte, findet hier reichlich Stoff. Wer ein konsequentes Gangsterepos sucht, wird feststellen, dass der Film lieber Portrait als Panorama ist. Das ist keine Schwäche, solange man die Erwartungen entsprechend justiert – und bereit ist, sich von einem Hauptdarsteller tragen zu lassen, der das allein stemmt.

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