Ziemlich beste Freunde
Zwei Menschen, die einander eigentlich nie begegnet wären – und die sich dennoch finden. „Ziemlich beste Freunde“ ist ein französischer Film, der vom Unwahrscheinlichen handelt: von einer Freundschaft, die alle sozialen Koordinaten sprengt. Dass Olivier Nakache und Éric Toledano dabei auf eine wahre Geschichte zurückgreifen konnten, gibt dem Film eine Bodenhaftung, die ihn vor dem Vorwurf der Sentimentalität schützt. Die Realität ist, so zeigt sich hier, bisweilen das radikalste Drehbuch.

| Dauer: | 112 Min. |
|---|---|
| FSK: | 6 (DE) |
| Jahr: | 2011 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | Éric Toledano, Olivier Nakache |
| Produzenten: | Nicolas Duval Adassovsky, Laurent Zeitoun, Yann Zenou |
| Hauptdarsteller: | François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny |
| Nebendarsteller: | Audrey Fleurot, Joséphine de Meaux, Clotilde Mollet, Alba Gaïa Bellugi |
| Studio: | Gaumont, Quad Productions, Chaocorp, Ten Films, TF1 Films Production |
Was der Film erzählt, ist im Kern schlicht: Ein privilegierter Mann liegt am Boden, ein anderer hilft ihm auf – und beide verändern sich dabei. Doch die Frage, die den Film antreibt, ist keine dramaturgische, sondern eine moralische: Wer darf wen berühren, und auf welche Weise verändert diese Berührung die Berührenden selbst? Das ist die eigentliche Spannung, die „Ziemlich beste Freunde“ über seine 112 Minuten trägt.
Besetzung, Regie und Drehorte
„Ziemlich beste Freunde“ (Originaltitel: Intouchables) wurde 2011 in Frankreich produziert. Regie führten Olivier Nakache und Éric Toledano, die auch das Drehbuch verfassten. Die Produktion lag bei Nicolas Duval, Yann Zenou und Laurent Zeitoun; die Kameraarbeit übernahm Mathieu Vadepied. Den Schnitt verantwortete Dorian Rigal-Ansous, die Musik stammt von Ludovico Einaudi. Gedreht wurde an verschiedenen Schauplätzen in und um Paris, darunter Seine-Saint-Denis, Savoie und das Seebad Cabourg am Ärmelkanal.
Die Hauptrollen spielen François Cluzet als der wohlhabende, gelähmte Philippe und Omar Sy als der junge Driss. Cluzet, dem breiten Publikum durch seine Rolle in Guillaume Canets „Kleine wahre Lügen“ bekannt, spielt den Tetraplegiker mit großer mimischer Präzision. Sy, damals in Deutschland noch weitgehend unbekannt, verleiht Driss eine physische Präsenz und Leichtigkeit, die die Figur weit über ein soziales Klischee hinaushebt. Beide agieren auf Augenhöhe; das Zusammenspiel ist das dramatische Rückgrat des Films.
Der Film läuft 112 Minuten und ist ab FSK 6 freigegeben. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den César für Omar Sy als Bester Hauptdarsteller bei der 37. Verleihung 2012 sowie den Tokyo Sakura Grand Prix. Nominierungen für Golden Globe, BAFTA und den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film folgten. Mit über 426 Millionen US-Dollar Einspielergebnis weltweit zählt er zu den kommerziell erfolgreichsten europäischen Produktionen der Filmgeschichte.
Handlung & Inhalt vom Film „Ziemlich beste Freunde“
Der Film beginnt mit einem Vorgriff in die Handlung: Durch das nächtliche Paris jagt ein Maserati Quattroporte, am Steuer Driss, auf dem Beifahrersitz der querschnittsgelähmte Philippe. Die Polizei setzt ihnen nach. Als der Wagen gestoppt wird, rettet ein vorgetäuschter epileptischer Anfall Philippe die Situation – und beide werden von der Polizei sogar ins Krankenhaus eskortiert. Diese Eröffnung setzt den Ton: Was folgt, ist keine Geschichte des Leidens, sondern des Lebens.
Dann setzt die eigentliche Handlung ein. Philippe ist Tetraplegiker – seit einem Paragleitunfall vom dritten Halswirbelkörper abwärts gelähmt. Er lebt in einem Palais im Pariser Stadtteil Saint-Germain-des-Prés, umgeben von Hausangestellten, aber tief isoliert. Als er eine neue Pflegekraft sucht, erscheint unter den Bewerbern auch Driss: gerade aus einer sechsmonatigen Haft entlassen, nur auf der Suche nach einer Unterschrift für das Arbeitsamt, ohne jede Absicht, die Stelle anzunehmen. Philippes Entscheidung, ausgerechnet ihn einzustellen, ist das Scharnier der Geschichte.
Zumutung als Zuneigung: Freundschaft unter Druck
Driss zieht ein. Er kennt weder die Gepflogenheiten der wohlhabenden Klasse noch die unausgesprochenen Regeln des Pflegebetriebs. Das führt zu Reibungen – mit dem Hauspersonal, mit Philippes engstem Umfeld. Doch genau diese Reibung interessiert Philippe. Driss begegnet ihm ohne Mitleid, ohne die übliche Schonhaltung. Er amüsiert sich über die körperliche Situation seines Arbeitgebers, statt sie zu umgehen. Philippe, erschöpft von der wohlmeinenden Distanz seiner Umgebung, erlebt das als Befreiung. Beide beginnen, sich gegenseitig zu formen. Philippe führt Driss in klassische Musik und Malerei ein.
Driss hingegen drängt Philippe, seiner Brieffreundin Éléonore endlich ein Foto zu schicken und sie anzurufen. Das geplante Treffen scheitert: Philippe verlässt kurz vorher aus Angst das Lokal und verpasst Éléonore. Frustriert über sich selbst, reist er mit Driss in einem Privatjet in den Süden. Dort offenbart Philippe, dass Driss für ein Gemälde 11.000 Euro erhalten hat – und übergibt ihm das Geld. Gemeinsam steigen sie zum Gleitschirmflug an. Die Freundschaft wird auf die Probe gestellt, als Driss‘ Cousin Adama in der Villa auftaucht und sich als Belastung erweist. Driss verlässt Philippe. Die Trennung fällt beiden sichtlich schwer.
Driss nimmt eine Stelle als Kurierfahrer an. Philippe stellt mehrere Pfleger auf Probe ein – keiner kann ihn überzeugen, keiner ersetzt, was Driss repräsentiert hat. Die Hausdame Yvonne wendet sich schließlich an Driss und bittet ihn zurückzukehren. Driss kommt. Gemeinsam entkommen sie der Polizei – jene Szene, mit der der Film begonnen hatte. Dann fährt Driss mit Philippe unter dem Vorwand eines Restaurantbesuchs an die Kanalküste. Er lässt Philippe am Tisch zurück, verspricht, er werde nicht allein essen. Wenig später erscheint Éléonore – Driss hat das Treffen arrangiert. Der Film schließt mit einer kurzen Aufnahme der realen Philippe Pozzo di Borgo und seines Freundes Abdel Yasmin Sellou.
Filmkritik und Fazit zum Film „Ziemlich beste Freunde“
„Ziemlich beste Freunde“ lebt von einem dramaturgischen Grundprinzip, das deceptiv einfach wirkt: Zwei Menschen begegnen sich auf Augenhöhe, gerade weil die Verhältnisse sie eigentlich voneinander trennen. Nakache und Toledano inszenieren das mit sicherer Hand. Sie vermeiden Kitsch nicht durch Ironie, sondern durch Präzision – durch Szenen, in denen das Unbequeme nicht ausgespart wird. Wenn Driss Philippe bei der Körperpflege unterstützt oder wenn Philippe einen Phantomschmerz durchleidet, ohne dass Driss wegschaut, entsteht eine Art Intimität, die stärker wirkt als jede Dialogzeile.
Die Kamera von Mathieu Vadepied hält sich zurück. Sie beobachtet mehr als sie inszeniert. Das Tempo des Films ist ruhig, gelegentlich fast episodisch – was dem Stoff entgegenkommt, aber stellenweise die dramatische Spannung mindert. Die Musik Ludovico Einaudis, ätherisch und zurückgenommen, unterstreicht die emotionalen Bögen, ohne sie zu übersteuern. Was dem Film echte Stärke verleiht, sind die Darstellerleistungen: Cluzet spielt mit reduzierter Körperlichkeit und umso präziserer Mimik, Sy bewegt sich mit einer Natürlichkeit durch die Figur, die jede Distanz zum Zuschauer aufhebt. Beide tragen den Film ohne jede Schwere.
Wer Tragikomödien schätzt, die ihren Figuren vertrauen statt sie zu überexponieren, findet hier ein Paradebeispiel des Genres. Der Film kalkuliert mit Vorhersehbarkeit – und gewinnt dabei dennoch. Sein größter Verdienst liegt vielleicht darin, dass er Behinderung weder zum Objekt des Mitleids noch zur bloßen Kulisse macht, sondern zur Bedingung einer Begegnung, die ohne sie nicht möglich gewesen wäre. Das ist selten genug.