Der Vorleser

Schuld ist selten eindeutig. Sie verteilt sich, lagert sich ab, hüllt sich in Schweigen – und sucht sich die unwahrscheinlichsten Träger. „Der Vorleser“ von Regisseur Stephen Daldry erzählt von einem solchen Fall: einer Liebesgeschichte, die sich rückwirkend in eine moralische Falle verwandelt, und von einem Mann, der ein Leben lang mit dem Wissen umzugehen lernen muss, das er nie hätte tragen wollen.

Der Vorleser
Dauer: 124 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2008
Kategorien: Drama, Historisch
Regie: Stephen Daldry
Produzenten: Donna Gigliotti, Anthony Minghella, Sydney Pollack, Redmond Morris
Hauptdarsteller: Ralph Fiennes, Kate Winslet, David Kross
Nebendarsteller: Lena Olin, Bruno Ganz, Jeanette Hain, Hannah Herzsprung
Studio: The Weinstein Company, Mirage Enterprises, Studio Babelsberg

Was bedeutet es, jemanden geliebt zu haben, der Schuld auf sich geladen hat, die weit über jeden persönlichen Fehler hinausgeht? Diese Frage stellt der Film mit ruhiger Entschiedenheit. Sie ist nicht laut. Sie stellt sich nicht selbst aus. Und genau darin liegt ihre eigentliche Wucht.

Besetzung, Regie und Drehorte

Der Vorleser“ ist eine deutsch-amerikanische Koproduktion aus dem Jahr 2008, entstanden unter der Regie von Stephen Daldry nach dem Drehbuch von David Hare, das auf dem gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink aus dem Jahr 1995 basiert. Die Produktion wurde von Mirage Enterprises und The Weinstein Company verantwortet, mit einem Budget von 32 Millionen US-Dollar. Gedreht wurde fast ausschließlich in Deutschland, unter anderem in Berlin, Görlitz, Potsdam und Köln sowie in der Sächsischen Schweiz.

Die weibliche Hauptrolle der Hanna Schmitz übernahm Kate Winslet, nachdem Cate Blanchett und Nicole Kidman aus persönlichen Gründen absagen mussten. Ralph Fiennes spielt den erwachsenen Michael Berg, während David Kross die jüngere Version der Figur verkörpert. Weitere tragende Rollen übernahmen Bruno Ganz als Professor Rohl, Lena Olin als Ilana Mather sowie Alexandra Maria Lara als deren jüngeres Pendant. Die Kamera lag zunächst bei Roger Deakins, ab der zweiten Drehphase bei Chris Menges. Die Musik stammt von Nico Muhly.

Der Film hat eine Laufzeit von 124 Minuten und trägt eine Altersfreigabe ab FSK 12. Kate Winslet erhielt für ihre Darstellung den Oscar als Beste Hauptdarstellerin sowie den Golden Globe als Beste Nebendarstellerin, den BAFTA Award, den SAG Award und den Europäischen Filmpreis. Darüber hinaus war der Film in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch und Beste Kamera für den Oscar nominiert.

Handlung & Inhalt vom Film „Der Vorleser“

Deutschland, 1958. Der fünfzehnjährige Michael Berg bricht auf dem Heimweg zusammen. Eine fremde Frau hilft ihm – Hanna Schmitz, Mitte dreißig, Straßenbahnschaffnerin. Drei Monate später, nach überstandenem Scharlach, sucht er sie auf, um sich zu bedanken. Was er vorfindet, überwältigt ihn. Zwischen dem Jungen und der Frau entsteht eine Liebesbeziehung, die sich rasch um ein festes Ritual herum organisiert: Michael liest vor, aus Romanen, Gedichten, Theaterstücken – Hanna hört zu. Dass dieser Wunsch mehr als eine Vorliebe ist, ahnt er nicht.

Der Sommer verläuft in einem Takt aus Intimität und Distanz. Hanna hält Michael auf Abstand, nennt ihn „Jungchen“, lässt Nähe nur in Ausnahmemomenten zu. Die Beziehung kühlt ab, Michael wendet sich wieder seinen Gleichaltrigen zu. Dann ist Hanna eines Tages fort. Keine Erklärung, kein Abschied, kein Wort. Die Wohnung leer. Erst Jahre später, im Rahmen seines Jurastudiums, sieht Michael sie wieder – auf der Anklagebank eines Prozesses gegen frühere KZ-Aufseherinnen.

Schuld, Schweigen und das Gewicht des Wissens

Was Michael nun erfährt, erschüttert ihn in seinen Grundfesten. Denn Hanna Schmitz war KZ-Aufseherin und trägt die Mitverantwortung für den Tod von dreihundert jüdischen Häftlingen, die in einer brennenden Kirche eingesperrt wurden. Vor Gericht gibt sie banale Erklärungen, während sie das Unvertretbare mit Fragen der Ordnung und Zuständigkeit rechtfertigt. Als die Mitangeklagten ihr die Hauptverantwortung zuschieben und eine Schriftprobe verlangen, bestätigt sie die Anschuldigungen, schweigt jedoch über ihr eigentliches Geheimnis – sie kann weder lesen noch schreiben. Michael erkennt es sofort und entscheidet sich daher, ebenfalls zu schweigen.

Daraufhin verurteilt das Gericht Hanna zu lebenslanger Haft, während die Mitangeklagten nur wenige Jahre erhalten. Jahre später beginnt Michael, ihr Kassetten zuzuschicken, auf denen er Lesungen aus Büchern aufnimmt – genau wie einst in ihrer Beziehung. Während sie mithilfe dieser Aufnahmen eigenständig Lesen und Schreiben lernt, schreibt Hanna ihm kurze Briefe. Allerdings antwortet Michael nie, obwohl er ihre Fortschritte beobachtet. Schließlich, als ihre Entlassung nach mehr als zwanzig Jahren bevorsteht, bittet die Gefängnisleitung Michael, sich ihrer anzunehmen und diese Verantwortung zu übernehmen.

Michael besucht Hanna kurz vor der Entlassung. Die Begegnung ist kühl. Er teilt ihr mit, dass er eine Wohnung und eine Stelle für sie organisiert hat, und kündigt an, sie in einer Woche abzuholen. Doch Hanna nimmt sich in der Nacht vor ihrer Entlassung das Leben. Sie hinterlässt eine blecherne Teedose mit Erspartem und die Bitte, das Geld einer der Überlebenden des Kirchenbrandes zu übergeben. Michael reist nach New York zu Ilana Mather, die das Geld ablehnt, da sie darin keine Absolution sehen kann. Schließlich einigen sie sich: Das Geld soll in Hannas Namen einer Organisation für Alphabetisierung gespendet werden. Die Teedose behält Ilana für sich.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der Vorleser“

Der Vorleser“ trägt eine Last, die er nur bedingt trägt. Stephen Daldry inszeniert mit Bedacht und handwerklicher Sorgfalt, doch selten mit jenem inneren Druck, den der Stoff verlangte. Die Kamera – in der zweiten Drehphase von Chris Menges geführt – findet Bilder von ruhiger Schönheit: das Licht der Nachkriegsjahre, die karge Stille der Gefängnisflure. Doch die Inszenierung hält Distanz, wo sie Nähe bräuchte. Kate Winslet trägt diese Distanz mit bemerkenswerter Dichte: In ihrer Darstellung der Hanna Schmitz verbergen sich Verletzlichkeit und Gefühllosigkeit dicht nebeneinander – das ist nuanciert gespielt und überzeugend bis in die Stille.

Das Drehbuch von David Hare entscheidet sich für eine nicht-chronologische Erzählstruktur, die jedoch kaum dramaturgischen Mehrwert erzeugt. Die Zeitsprünge erschweren den emotionalen Zugang, ohne tiefere Perspektive zu gewinnen. Ralph Fiennes spielt den älteren Michael mit gedämpfter Introvertiertheit – er vermittelt den Eindruck eines Mannes, der lange geschwiegen hat, doch bleibt die moralische Erschütterung der Figur eher behauptet als spürbar. David Kross gelingt es in einzelnen Szenen, die Zerrissenheit des Jungen zu zeigen – etwa im Gerichtssaal, als ihm Hannas Geheimnis aufgeht – doch die Anbindung an den Zuschauer bleibt fragil.

„Der Vorleser“ ist ein Film, der wichtige Fragen stellt und sie zugleich auf Abstand hält. Wer Schlinks Roman kennt, wird Vertrautes wiederfinden, doch das moralische Schwindeln, das die Vorlage erzeugt, überträgt sich nur ansatzweise. Für ein Publikum, das sich für Schuld, Schweigen und die Geschichte der Tätergeneration interessiert, lohnt sich der Film dennoch – vor allem wegen Kate Winslets Leistung, die dem Ganzen ein Zentrum gibt, das der Regie allein nicht gelungen wäre.

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