Thomas Heise Portrait: Dokumentarfilmer und Theaterregisseur
Er ist ein vielseitiger Künstler, der als Regisseur viele interessante Filme schaffen konnte. Dabei hat er einen unverwechselbaren Stil entwickelt, blieb dabei aber immer radikal und kompromisslos. Schon früh hat Thomas Heise, der in der DDR geboren wurde, einen Wahrheitsanspruch an seine Werke angelegt, was auch heute noch der Fall ist. Das hat aber auch in der DDR dazu geführt, dass seine Filme verboten wurden und erst viel später das Licht der Welt erblickt haben.

Eine Besonderheit seines Schaffens war auch immer die Langzeitbeobachtung, sodass Menschen und Orte sogar über Jahrzehnte beobachtet werden konnten. Das gibt den Dokumentarfilmen von Thomas Heise eine besondere Perspektive, die andere Filmemacher nicht vorweisen können. Die künstlerische Freiheit war und ist für Heise oberstes Gebot. Umso interessanter, auf sein bisheriges Schaffen zurückzublicken. Das entsprechende Portrait gibt es in diesem Artikel.
Wer ist Thomas Heise?
1955 in Ost-Berlin und damit in der DDR geboren, wurde Thomas Heise schon früh damit konfrontiert, dass künstlerisch nicht alles möglich ist. Einen Zugang zur Kultur erwarb er früh, da seine Mutter Rosemarie eine Germanistin war, der Vater Wolfgang ein Professor für Philosophie. Zunächst machte Heise eine Ausbildung zum Drucker und leistete seinen Wehrdienst bei den NVA-Luftstreitkräften ab. 1975 dann wurde er Regieassistent im DEFA-Studio für Spielfilme, womit seine Karriere im Bereich Film begann. Unter anderem war er beteiligt an Filmen wie „Der Meisterdieb“ und „Bis daß der Tod euch scheidet“.
1978 begann Heise mit dem Studium der Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg „Konrad Wolf“. Allerdings brach er das Studium nach vier Jahren ab, um seinen künstlerischen Vorstellungen zu folgen. Bereits sein erster Dokumentarfilm aus der Studienzeit wurde verboten, was Heise als Angriff auf seine persönliche künstlerische Freiheit sah. Ab 1982 arbeitete er freiberuflich als Autor und Regisseur für Film und Theater. 2001 trat er der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg bei. In den letzten Jahren arbeitete er zudem als Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und ist jüngst Professor für Kunst und Film an der Akademie der bildenden Künste Wien geworden.
Die Top 5 Filme von Thomas Heise
Im Laufe seiner Karriere hat Thomas Heise einige Filme hervorgebracht, die auch heute noch als wichtig eingestuft werden können. Folgend eine Auswahl seiner wichtigsten Filme.
STAU – Jetzt geht´s los (1992)
Nach dem Fall der Mauer warf Heise einen Blick auf die aufkeimende, rechtsradikale Jugendszene in Halle an der Saale. Es werden in diesem Film Gespräche mit Jugendlichen und ihren Familien geführt. Der Film zielt darauf ab, die Ursachen der Orientierungslosigkeit, der Gewalt und der zunehmenden politischen Radikalisierung zu verstehen. Der Film sorgte dafür, dass Thomas Heise schlagartig bekannt wurde. Heute gilt der Dokumentarfilm als ein wichtiges Zeugnis für die Nachwendezeit. Angesichts der jüngsten Entwicklung lohnt ein Blick auf den Film auch heute noch, um Motivationen und Strukturen verstehen zu können.
Material (2009)
Bei “Material” handelt es sich nicht einfach um einen 2009 erschienenen Film, der in der Zeit davor produziert wurde. Vielmehr steckt dahinter gesammeltes Material aus über zwanzig Jahren. Daher wird das Werk mehr als filmische Collage verstanden, in denen Filmfragmente aus Deutschland zu finden sind, die Heise ab 1988 gedreht hat. Unter anderem gibt es Einblicke in Theaterproben mit Heiner Müller in Ost-Berlin, ebenso aber auch Blicke auf die Großdemonstrationen vom 4. November 1989. Entsprechend schwer ist der Film einzuordnen, der den Grand Prix des Internationalen Filmfestivals von Marseille gewonnen hat.
Das Haus (1984)
Der Film “Das Haus” ist interessant, da der Film zwar 1984 entstand, aber erst 2001 veröffentlicht wurde. Gedreht wurde der Film in der DDR für die Staatliche Filmdokumentation. Der sezierende Blick auf den Alltag in der DDR, der Bürokratie und der allgemeinen gesellschaftlichen Realität in Ostdeutschland ist entlarvend und informativ. Allerdings hat dieser offene Blick auch dafür gesorgt, dass der Film verboten wurde. Umso bedeutender ist das Werk heute, wenn man einen ungeschönten Blick in die Zeit vor der Wende werfen möchte.
Volkspolizei (1985)
Auch dieser Film hatte das Schicksal, erst 2001 veröffentlicht worden zu sein, obwohl er 1985 entstanden ist. In “Volkspolizei” wirft Thomas Heise den Blick auf den Arbeitsalltag der Volkspolizisten der DDR. Dabei gelingt ein interessanter Einblick in die gesellschaftliche Stimmung, die auch schon als Vorbote des Endes des sozialistischen Staates betrachtet werden kann.
Der Blick war so real und kritisch, dass es im Grunde kein Vorbeikommen an der strengen Zensur gab. Umso bedeutender, dass das Werk auch heute noch gesehen werden kann.
Neustadt (Stau – der Stand der Dinge) (2000)
Im Jahr 2000 schloss sich der Kreis, indem Thomas Heise noch einmal einen Blick nach Halle an der Saale warf. In Anlehnung an die Vorgängerdokumentation von 1992 erschien “Neustadt (Stau – Der Stand der Dinge)”. Darin wurden erneut Interviews mit den Personen geführt, die zuvor Jugendliche der rechten Szene waren. Der Film greift auf, was aus diesen Personen geworden ist, wie sich ihre Lebenswege entwickelt haben. Damit hat Heise einmal mehr gezeigt, dass sein Blick auf soziale Milieus nicht nur Momentaufnahmen sind, sondern er auch immer den langfristigen Blick verfolgt.
Fazit
Heise kann als kritischer und unbequemer Dokumentarfilmer gesehen werden, der über die Jahrzehnte wichtige Filme produziert hat. Dabei fällt natürlich vor allem der Blick auf die DDR auf, die Heise aus erster Hand miterlebt hat. Seine Werke waren dabei so realitätsnah, dass sie größtenteils verboten wurden und erst viele Jahre später angeschaut werden konnten. Doch genau hier zeigt sich die künstlerische Integrität von Thomas Heise, die sich über die Jahre auch nicht verändert hat. Neben seinen Tätigkeiten als Autor und Regisseur ist er auch als Professor tätig. Seine Werke sind interessante Zeitzeugnisse für die DDR und auch die Zeit nach der Wende und haben auch heute noch eine hohe Relevanz.