Vincent will Meer

Ein deutsches Road Movie, das sich traut, drei psychisch erkrankten Figuren die Bühne zu überlassen, ohne sie zur Pointe zu degradieren – das ist die seltene Konstellation, die „Vincent will Meer“ aus dem Jahr 2010 aufmacht. Florian David Fitz schrieb sich die Hauptrolle selbst auf den Leib. Regisseur Ralf Huettner fand einen Ton zwischen Tragik und Leichtigkeit. Die Tragikomödie bewegt sich zwischen Allgäu und Adria. Sie tut das mit erstaunlich sicherem Gespür für Zwischentöne.

Vincent will Meer
Dauer: 96 Min.
FSK: 6 (DE)
Jahr: 2010
Kategorien: Drama, Komödie
Regie: Ralf Huettner
Produzenten: Viola Jäger, Harald Kügler
Hauptdarsteller: Florian David Fitz, Karoline Herfurth, Johannes Allmayer
Nebendarsteller: Katharina Müller-Elmau, Heino Ferch, Karin Thaler, Tim Seyfi
Studio: OLGA FILM

Im Zentrum steht Vincent, ein junger Mann mit Tourette-Syndrom, der nach dem Tod seiner Mutter in eine Klinik abgeschoben wird. Dort begegnet er Marie und Alexander. Aus dieser Zwangsgemeinschaft wird eine Flucht. Aus der Flucht wird eine Selbstfindung. Der Film sucht nicht die große Geste, sondern den kleinen, oft schmerzhaften Moment zwischen Menschen, die mit sich selbst im Unreinen sind. Wie weit kann ein Film gehen, der Krankheit nicht als Spektakel, sondern als Ausgangspunkt für echte Begegnung versteht?

Besetzung, Regie und Drehorte

Vincent will Meer“ entstand 2010 unter der Regie von Ralf Huettner, produziert von Viola Jäger und Harald Kügler für die Olga Film GmbH, einem Tochterunternehmen der Constantin Film. Das Originaldrehbuch stammt von Florian David Fitz, der die Idee während seiner Teilnahme an der Drehbuchwerkstatt München 2008 entwickelte. Für die Bildgestaltung zeichnet Andreas Berger verantwortlich. Den Schnitt übernahm Kai Schröter. Die Musik komponierten Ralf Hildenbeutel und Stevie B-Zet, ergänzt durch Songs von Train, The Script, Clueso und Maria Mena.

Florian David Fitz spielt Vincent, der an Tourette erkrankt ist. Karoline Herfurth verkörpert die magersüchtige Marie und bereitete sich durch Gespräche mit Psychologen auf die Rolle vor. Johannes Allmayer stieß als einziger Hauptdarsteller über ein Casting zur Produktion. Er übernahm die Rolle des zwangsneurotischen Alexander. Heino Ferch spielt Vincents distanzierten Vater Robert. Katharina Müller-Elmau verleiht der Therapeutin Dr. Rose kühle Souveränität. Ergänzt wird das Ensemble durch Karin Thaler, Tim Seyfi und weitere Nebendarsteller.

Gedreht wurde von Ende Juli bis Mitte September 2009 in München, Berchtesgaden, im Allgäu rund um Oberstdorf sowie in Monfalcone und Triest. Die 96 Minuten lange Tragikomödie erhielt die FSK-Freigabe ab sechs Jahren und das FBW-Prädikat besonders wertvoll. Ausgezeichnet wurde sie mit dem Bambi, zwei Bayerischen Filmpreisen, zwei Deutschen Filmpreisen und dem Jupiter Award.

Handlung & Inhalt vom Film „Vincent will Meer“

Vincent, ein junger Mann Ende zwanzig, lebt bis zum Tod seiner alkoholkranken Mutter weitgehend zurückgezogen bei ihr. Sein Vater Robert, ein ehrgeiziger Kommunalpolitiker, hat sich dagegen kaum um seinen Sohn gekümmert und bringt ihn unmittelbar nach der Beerdigung in eine Fachklinik im Allgäu. Dort soll sich die Therapeutin Dr. Rose seines Tourette-Syndroms annehmen. Vincent teilt sich ein Zimmer mit dem pedantischen Zwangsneurotiker Alexander und begegnet außerdem der magersüchtigen Marie, die mit provokanter Offenheit auftritt. Die Asche seiner Mutter trägt er in einer Bonbondose bei sich, denn ihr letzter Wunsch war, das Meer wiederzusehen.

Marie überredet Vincent zu einer spontanen Flucht, woraufhin beide den unverschlossenen Wagen von Dr. Rose entwenden. Alexander will sie zwar stoppen und Alarm schlagen, wird jedoch gezwungen mitzukommen. So sitzen drei Menschen mit unterschiedlichen Diagnosen gemeinsam in einem Auto auf dem Weg nach Italien. Als Dr. Rose den Diebstahl bemerkt, informiert sie Vincents Vater, der zunächst vor allem seinen politischen Ruf bedroht sieht. Gemeinsam brechen Robert und die Ärztin auf, um die drei einzuholen und Vincent zurück in die Klinik zu bringen.

Zwischen Alpen und Adria

Die Reise führt die drei Patienten über die bayerischen Alpen bis ins norditalienische Grenzgebiet, wobei ihre Konflikte bald über die jeweiligen Krankheitsbilder hinausgehen. Alexander warnt Vincent vor Marie, weil er sie für nicht liebesfähig hält, doch Vincent hat sich längst in sie verliebt. Während sich die Rollen zwischen ihnen ständig verschieben, führen sie einander abwechselnd oder halten sich gegenseitig zurück. Parallel dazu kommen sich Robert und Dr. Rose auf ihrer Verfolgungsfahrt näher, als beiden lieb ist. Dadurch beginnt der distanzierte Politiker, sein Verhältnis zu seinem Sohn neu zu betrachten.

Am italienischen Mittelmeer erreichen die drei schließlich ihr Ziel, wo Vincent die Asche seiner Mutter dem Wasser übergeben möchte. Bevor es dazu kommt, bricht Marie jedoch zusammen, denn ihr durch die unbehandelte Magersucht geschwächtes Herz hält der Belastung nicht stand. Sie wird deshalb in ein Krankenhaus in Triest gebracht. Dort zeigt sich, dass die gemeinsame Reise für Marie von Beginn an auch einen selbstzerstörerischen Zug hatte. Vincent und Alexander erkennen nun, wie nah sie dem eigenen Ende bereits gekommen war.

Robert und Dr. Rose treffen schließlich am Meer ein, wo Vincent die Asche seiner Mutter wie gewünscht verstreut. Danach lösen sich die bisherigen Fronten, sodass Vater, Sohn, Therapeutin und Alexander gemeinsam die Rückfahrt in zwei Autos antreten. Unterwegs übergibt Vincent seinem Vater die leere Bonbondose und bittet ihn, aussteigen zu dürfen, weil er zu Marie ins Krankenhaus zurückkehren möchte. Alexander entscheidet sich daraufhin, ihn zu begleiten. Der Film endet offen und zeigt zwei Männer, die nicht länger fliehen, sondern endlich ankommen wollen.

Filmkritik und Fazit zum Film „Vincent will Meer“

Vincent will Meer“ gelingt etwas, woran deutsche Produktionen häufig scheitern: Das Ensemblespiel trägt den Film, nicht die Diagnose. Florian David Fitz spielt Vincent mit auffallender körperlicher Präzision, ohne in das Ticmimikry-Schauspiel zu verfallen, das solche Rollen oft beschädigt. Karoline Herfurth verleiht Marie eine brüchige Härte, hinter der die eigentliche Krankheit erst nach und nach sichtbar wird. Johannes Allmayer umgeht die Falle, Alexander zum komischen Sidekick zu verkürzen. Heino Ferch und Katharina Müller-Elmau balancieren ihre Figuren klug zwischen Klischee und Korrektur.

Ralf Huettners Inszenierung hält die schwierige Balance zwischen Schwermut und Leichtigkeit. Die Kamera von Andreas Berger findet ruhige, oft panoramische Bilder, die das Road-Movie-Genre respektieren, ohne in die Postkartenästhetik abzugleiten. Der Soundtrack von Hildenbeutel und B-Zet, ergänzt durch eingespielte Pop- und Indie-Titel, setzt akustische Akzente, ohne die Szenen emotional zu überzuckern. Das Tempo bleibt moderat, die Montage gönnt den Figuren Raum zum Atmen. Eine inszenatorische Besonderheit ist die 360-Grad-Einstellung am Gipfelkreuz, die vor Greenscreen entstand und dennoch natürlich wirkt.

Wer nach großer formaler Kühnheit sucht, wird den Film konventionell finden. Huettner erzählt im Rahmen des Genres, nicht gegen es. Das offene Ende entlastet den Film jedoch von jeder Versöhnungsgeste und verleiht ihm eine erwachsene Haltung. Für Zuschauer, die deutsche Tragikomödien mit psychologischem Ernst schätzen, ist das Road Movie eine klare Empfehlung. Es bleibt eine der stilsichersten Arbeiten seiner Art aus jenem Kinojahr.

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