A Serious Man

Es gibt Filme, die einen Mann zeigen, und es gibt Filme, die einen Mann zerlegen. Die Coen-Brüder haben mit „A Serious Man“ Letzteres getan. Ihr Werk aus dem Jahr 2009 siedelt sich im Minneapolis des Jahres 1967 an. Es ist ein Film über einen Physikprofessor, dessen Gleichungen ihn im Stich lassen. Die Kamera Roger Deakins fängt eine Vorstadt ein, die ebenso beschaulich wie beklemmend wirkt. Hinter jeder gepflegten Rasenkante lauert eine Zumutung.

A Serious Man
Dauer: 102 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2009
Kategorien: Drama, Komödie
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Produzenten: Ethan Coen, Joel Coen
Hauptdarsteller: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed
Nebendarsteller: Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, Peter Breitmayer
Studio: Focus Features, StudioCanal, Relativity Media, Working Title Films, Mike Zoss Productions

Der Film ist das wohl persönlichste Werk der beiden Regisseure und zugleich ihr am schwersten zugängliches. Zwischen jiddischer Folklore, jüdischer Gelehrsamkeit und amerikanischer Spießbürgerlichkeit spannt sich ein schmaler Grat. Carter Burwells sparsame Musik lässt dem Ensemble Raum. Michael Stuhlbarg trägt die Hauptlast mit einer Präzision, die verblüfft. Das Drehbuch verweigert dem Zuschauer jede Erlösung. Wohin führt eine Sinnsuche, wenn jede Antwort sich als neue Frage entpuppt?

Besetzung, Regie und Drehorte

A Serious Man“ ist eine schwarze Komödie aus dem Jahr 2009, bei der Joel und Ethan Coen sowohl Regie als auch Drehbuch und Produktion verantworteten. Den Schnitt übernahmen sie unter dem gemeinsamen Pseudonym Roderick Jaynes. An der Kamera stand Roger Deakins, sein zehnter Film mit den Brüdern. Die Musik komponierte Carter Burwell, ein langjähriger Weggefährte der Coens. Die Kostüme gestaltete Mary Zophres in ihrer neunten Zusammenarbeit mit den Regisseuren. Gedreht wurde in Minnesota, dem Heimatstaat der Filmemacher.

Die Hauptrolle des Physikprofessors Larry Gopnik spielt Michael Stuhlbarg. An seiner Seite agieren Richard Kind als Bruder Arthur und Sari Lennick als Ehefrau Judith. Fred Melamed verleiht dem Nebenbuhler Sy Ableman eine beunruhigende Präsenz. Aaron Wolff und Jessica McManus verkörpern die Kinder Danny und Sarah. In weiteren Rollen treten Alan Mandell, George Wyner und Simon Helberg als drei Rabbiner auf. Die Coens setzten bewusst auf Darsteller jüdischen Glaubens und verzichteten auf bekannte Namen.

Mit 105 Minuten Laufzeit ist der Film ab zwölf Jahren freigegeben. Er erhielt zwei Oscar-Nominierungen: Bester Film und Bestes Originaldrehbuch. Stuhlbarg wurde für einen Golden Globe nominiert und gewann den Chaplin Virtuoso Award. Das National Board of Review und das American Film Institute setzten den Film auf ihre Bestenlisten. Bei einer BBC-Umfrage aus dem Jahr 2016 belegte er Platz 82 der bedeutendsten Filme des 21. Jahrhunderts.

Handlung & Inhalt vom Film „A Serious Man“

Der Film beginnt mit einem Prolog in einem osteuropäischen Schtetl vergangener Zeiten. Velvel kehrt in einer Winternacht heim zu seiner Frau Dora. Dort erzählt er von einem Mann, der ihm bei einer Panne geholfen habe. Dora erstarrt jedoch, denn dieser Mann sei laut ihrer Auskunft seit drei Jahren tot. Als der Fremde an der Tür erscheint, verdächtigt sie ihn deshalb, ein Dibbuk zu sein. Sie sticht ihm einen Eispickel in die Brust. Der Alte wankt dennoch lachend hinaus in den Schnee, ohne Spuren zu hinterlassen. Velvel fürchtet daraufhin, die Familie sei verflucht, während Dora sich hingegen sicher ist, Unheil abgewehrt zu haben.

Die Haupthandlung setzt 1967 in der Kleinstadt St. Louis Park bei Minneapolis ein. Larry Gopnik arbeitet als Physikprofessor und wartet auf die Entscheidung über seine Festanstellung. Er lebt mit seiner Frau Judith und den zwei Kindern Danny und Sarah in einer Vorstadtsiedlung. Sein arbeitsloser Bruder Arthur hat sich jedoch im Haus eingenistet und arbeitet an einem mysteriösen Notizbuch namens Mentaculus. Danny kümmert sich unterdessen vor allem um den Fernsehempfang und kifft heimlich. Sarah ist dagegen mit sich selbst beschäftigt. Außerdem versucht ein südkoreanischer Student, Larry mit einem Geldumschlag zu bestechen.

Der Lauf der Katastrophen

Judith eröffnet Larry unvermittelt, dass sie sich scheiden lassen und den verwitweten Kollegen Sy Ableman heiraten will. Gleichzeitig treffen bei Larrys Arbeitgeber anonyme Briefe ein, die seine Festanstellung gefährden. Arthur gerät zudem wegen illegalen Glücksspiels ins Visier der Behörden. Larry muss deshalb aus dem eigenen Haus ausziehen und bezieht mit Arthur ein Motel. Einen Anwalt kann er außerdem kaum noch bezahlen. Das Familienauto landet anschließend bei einem selbstverschuldeten Unfall auf dem Schrott. Zeitgleich verunglückt Sy Ableman tödlich. Dennoch soll ausgerechnet Larry die Beerdigungskosten übernehmen.

Larry sucht daraufhin seelsorgerlichen Rat bei drei Rabbinern. Zwei von ihnen speisen ihn jedoch mit leeren Floskeln und kuriosen Allegorien ab. Zum weisesten, dem alten Rabbi Marshak, wird er dagegen gar nicht erst vorgelassen. Arthur droht außerdem eine weitere Anzeige. Eine Nachbarin, deren Mann oft reist, beginnt Larry unterdessen zu interessieren. Im Büro seines Anwalts stirbt ein Mitarbeiter plötzlich an einem Herzinfarkt. Nachts plagen Larry schließlich Albträume, die sich zunächst als reale Szenen tarnen.

Für einen Moment scheint sich das Blatt zu wenden. Danny absolviert seine Bar Mitzwa sichtlich bekifft, jedoch erfolgreich. Larry und Judith nähern sich außerdem wieder an. Dabei verrät sie ihm, dass Sy Ableman die anonymen Briefe verfasst hatte. Die Festanstellung scheint somit gesichert. Larry beschließt daraufhin, den koreanischen Studenten durchfallen zu lassen und dann doch zu bestehen, um mit dem Bestechungsgeld seinen Anwalt zu bezahlen. Daraufhin ruft der Arzt an und bittet um ein sofortiges persönliches Gespräch. Gleichzeitig zieht am Horizont ein Tornado auf Dannys Schule zu, während der Schulwart die Tür zum Schutzraum nicht aufbekommt.

Filmkritik und Fazit zum Film „A Serious Man“

Joel und Ethan Coen führen in „A Serious Man“ vor, wie präzise sich Verzweiflung choreografieren lässt. Roger Deakins findet für die Vorstadtmorgen ein Licht, das die Häuser gleichzeitig warm und fahl erscheinen lässt. Michael Stuhlbarg spielt den schicksalsgeplagten Larry mit einer gebremsten Intensität. Seine Augenbrauen leisten mehr Arbeit als in anderen Filmen ganze Monologe. Fred Melamed verwandelt den Rivalen Sy Ableman mit honigsüßer Stimme in eine ebenso höfliche wie erbarmungslose Figur. Das Drehbuch verweigert jede konventionelle Erlösung.

Das Tempo dieser Tragikomödie verlangt Geduld, belohnt sie jedoch mit feinem Humor. Carter Burwells Musik hält sich zurück und überlässt den Dialogen die Hauptarbeit. Der jiddische Prolog wirkt zunächst wie ein Fremdkörper und entfaltet erst später seine Funktion als ironisches Motto. Die Gleichnisse der drei Rabbiner gehören zu den stärksten Szenen. Der Zahnarzt mit hebräischen Zähnen im Mund eines Patienten ist ein Geniestreich der Nonsens-Tiefgründigkeit. Das abrupte Finale wird polarisieren, doch seine Konsequenz ist bemerkenswert.

Für Liebhaber der schwarzen Komödie ist dieser Film ein Muss. Wer bei den Coens Tempo und klare Pointen erwartet, wird sich umgewöhnen müssen. Die Rezeption verlangt Aufmerksamkeit und den Mut, offen zu bleiben. Seine Kraft gewinnt das Werk im Nachhall, nicht im unmittelbaren Genuss. Ein kleines, bitteres Meisterstück mit langer Halbwertszeit.

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