Die Welle

Was passiert, wenn ein Experiment gelingt – zu gut? „Die Welle“ stellt diese Frage mit beunruhigender Konsequenz. Dennis Gansel inszenierte 2008 einen deutschen Schuldrama-Film, der das reale sozialpsychologische Versuchsarrangement aus Kalifornien in die Gegenwart einer wohlhabenden deutschen Mittelstandsgesellschaft verlegte. Das Ergebnis ist kein gemächlicher Unterrichtsfilm, sondern ein mit hartem Schnitt und treibendem Soundtrack vorangetriebenes Jugendkino.

Die Welle
Dauer: 107 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2008
Kategorien: Drama
Regie: Dennis Gansel
Produzenten: Christian Becker
Hauptdarsteller: Jürgen Vogel, Frederick Lau, Max Riemelt
Nebendarsteller: Jennifer Ulrich, Christiane Paul, Elyas M'Barek, Cristina do Rego
Studio: Rat Pack Filmproduktion, B.A. Produktion, Constantin Film, Celluloid Dreams

Was den Film von einem pädagogischen Lehrbeispiel unterscheidet, ist sein erklärtes Konzept: Das Publikum soll die Verführung der Bewegung nicht analysieren, sondern miterleben. Gansel wollte keinen distanzierten Kommentar liefern. Er wollte, dass man sich kurzzeitig mitreißen lässt – und dann erschrickt. Ob dieses Kalkül aufgeht, ist die eigentlich interessante Frage.

Besetzung, Regie und Drehorte

Die Welle“ entstand unter der Regie von Dennis Gansel, der gemeinsam mit Peter Thorwarth auch das Drehbuch verfasste. Produziert wurde der Film von Christian Becker, Nina Maag und Anita Schneider; die Musik stammt von Heiko Maile. Torsten Breuer übernahm die Kamera, den Schnitt verantwortete Ueli Christen. Das Budget betrug 4,5 Millionen Euro bei 38 Drehtagen, der Verleih lag bei Constantin Film.

Die Hauptrolle des Lehrers Rainer Wenger spielt Jürgen Vogel. Als Schüler sind unter anderem Frederick Lau, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Elyas M’Barek, Jacob Matschenz und Cristina do Rego zu sehen – eine Besetzung, aus der viele der Darsteller in den folgenden Jahren zu festen Größen des deutschen Kinos wurden. Christiane Paul spielt Wengers Frau Anke. In einer kurzen Gastrolle ist auch der reale Ron Jones zu sehen, auf dessen Erfahrungsbericht das Drehbuch beruht.

Gedreht wurde im Juli und August 2007 an verschiedenen Schauplätzen in Brandenburg und Berlin. Hauptdrehort für die Schulszenen war der Neubau des Marie-Curie-Gymnasiums in Dallgow-Döberitz. Wasserballszenen entstanden im Paracelsus-Bad in Berlin-Reinickendorf, Außenaufnahmen rund um das Berliner Hansaviertel sowie in Potsdam. Der Film läuft 107 Minuten und trägt eine FSK-12-Freigabe.

Handlung & Inhalt vom Film „Die Welle“

Die Geschichte spielt in einer namentlich nicht genannten deutschen Mittelstadt, in gehobenen sozialen Verhältnissen, an einem modernen Gymnasium. Rainer Wenger ist ein beliebter Lehrer: locker im Auftreten, von seinen Schülern geduzt, einst selbst Hausbesetzer. Als er in der Projektwoche statt seines bevorzugten Themas Anarchie das Thema Autokratie zugeteilt bekommt, trifft er auf wenig Begeisterung. Die Klasse ist der Nationalsozialismus-Thematik überdrüssig. Sie glaubt, das alles zu kennen. Sie glaubt, immun zu sein.

Wenger entschließt sich zu einem Selbstversuch. Er ändert die Sitzordnung, verlangt straffes Aufstehen beim Reden, führt schnelle Antworten als Norm ein, lässt die Schüler im Gleichschritt marschieren. Statt Widerstand erntet er Zustimmung. Die Disziplin gibt der Klasse etwas, das sie vorher nicht hatte: ein Wir-Gefühl. Aus dem Experiment wird eine Bewegung, die Wenger zunächst noch bewusst steuert. Prinzipien werden formuliert, weiße Hemden als Erkennungsmerkmal eingeführt, ein Name per Abstimmung gewählt – „Die Welle“. Ein Schüler entwirft ein Logo, eine gemeinsame Grußgeste entsteht.

Wenn die Bewegung das Klassenzimmer verlässt

Was als pädagogisches Arrangement begann, entwickelt eine Eigendynamik, die Wenger zunehmend überfordert. Die Welle verlässt den Unterrichtsraum. Schüler aus anderen Kursen schließen sich an. Nachts werden Wände der Stadt mit dem Logo besprüht, spontane Feten gefeiert. Das Wasserballteam, von Wenger trainiert, gewinnt mehr Zuschauer. Der Zusammenhalt wächst. Wer nicht dazugehört, wird ausgegrenzt. Karo, von Beginn an skeptisch, weigert sich und zahlt den Preis in Form zunehmender Anfeindungen. Tim, einst ein Außenseiter ohne Ansehen, wird zum fanatischsten Anhänger der Bewegung und erklärt sich kurzerhand zu Wengers persönlichem Leibwächter.

Wengers Frau, selbst Lehrerin an der Schule, warnt ihn früh und direkt: Er genieße die Führerrolle, mehr als ihm bewusst sei. Er hört nicht zu. Das Experiment entgleitet ihm, und als Gewalt gegen Andersdenkende einsetzt, beschließt er, alles zu stoppen. Er lädt die Anhänger am Samstag zu einer Vollversammlung. Zunächst befeuert er die Menge noch einmal, hetzt sie gegen einen opponierenden Schüler auf, lässt ihn auf die Bühne bringen und als Verräter beschimpfen.

Dann bricht Wenger das Experiment ab und erklärt, dass alles nur ein Versuch gewesen sei. Der Schock sitzt tief. Für Tim aber war die Welle kein Experiment – sie war sein Leben. Er zieht eine Pistole, schießt einen Mitschüler an und erschießt sich schließlich selbst. Wenger wird von der Polizei abgeführt. Im Polizeiwagen sitzt er schweigend, das Ausmaß dessen, was er ausgelöst hat, langsam begreifend. Die Schüler bleiben traumatisiert zurück.

Filmkritik und Fazit zum Film „Die Welle“

Die Welle“ ist ein formal konsequent durchgearbeiteter Film, dessen Stärke weniger in der Tiefe einzelner Figuren liegt als in der Architektur des Ganzen. Gansels Kameraarbeit nutzt durchgehend Auf- und Untersichten, um Machtverhältnisse sichtbar zu machen – mal orientiert an Nazi-Wochenschauen, wenn die Kamera während Wengers Schlussrede knapp hinter seinem Nacken platziert ist und auf die geometrisch sitzende Schülermasse hinunterblickt; mal am Musikvideo, wenn Welle-Anhänger nachts das Logo an Fassaden sprühen. Diese Bildsprache ist kein Zufall, sondern Programm.

Der Schnitt ist hart und die Kameraführung rasant, der Soundtrack treibend und jugendlich. Das erzeugt ein Tempo, das die Verführbarkeit der Figuren körperlich erfahrbar macht – und das Publikum in denselben Sog zieht. Die Figurenzeichnung bleibt dabei bewusst schematisch: Stereotypen als Stellvertreter einer ganzen Gesellschaftsbreite. Dieses Konzept hat Logik, denn die These lautet, dass niemand immun ist. Dennoch bleibt die Figur Wengers selbst eigentümlich unscharf: Seine innere Entwicklung – das wachsende Genießen der Macht – wird kaum ausgearbeitet, obwohl sie dramaturgisch der eigentliche Kern wäre.

Für ein kulturinteressiertes Publikum, das bereit ist, diese dramaturgischen Vereinfachungen als Kalkül zu lesen, bietet der Film mehr als sein Ruf als Schulkinostoff vermuten lässt. Die Inszenierung ist zu präzise, das Ende zu drastisch, um es als brav abzutun. Wer sich auf das Verführungsangebot einlässt, das Gansel bewusst konstruiert hat, versteht am Ende, warum zweieinhalb Millionen Kinobesucher betroffen nach Hause gegangen sein dürften.

X