Der Rausch

Was bedeutet es, lebendig zu sein? Diese Frage stellt sich selten in ruhigen Zeiten. „Der Rausch“ des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg schickt vier Männer auf die Suche nach genau dieser Antwort, und der Weg, den sie einschlagen, ist denkbar unkonventionell. Ein Selbstversuch mit Alkohol soll das Feuer zurückbringen, das der Alltag längst gelöscht hat. Was folgt, ist ein Film, der zwischen Euphorie und Erschöpfung pendelt, ohne je moralisierend den Finger zu heben.

Der Rausch
Dauer: 117 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2020
Kategorien: Komödie
Regie: Thomas Vinterberg
Produzenten: Sisse Graum Jørgensen, Kasper Dissing
Hauptdarsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang
Nebendarsteller: Lars Ranthe, Maria Bonnevie, Helene Reingaard Neumann, Susse Wold
Studio: Zentropa Entertainments, Film i Väst, Topkapi Films, Zentropa International Sweden, Zentropa International Netherlands

Vinterberg inszeniert diese Geschichte nicht als Warnung, aber auch nicht als Freibrief. Er hält aus, was viele Filme nicht aushalten: die Gleichzeitigkeit von Gewinn und Verlust. Vier Männer mittleren Alters, feststeckend in Routinen, die sich längst gegen sie gewendet haben, wagen ein Experiment, das ihnen kurzzeitig alles zurückgibt, was sie vermisst haben, und sie am Ende mit Fragen entlässt, auf die der Film keine bequemen Antworten bereithält. Was also suchen diese Männer wirklich, wenn sie das Glas heben?

Besetzung, Regie und Drehorte

Der Rausch“ ist eine schwedisch-dänisch-niederländische Koproduktion aus dem Jahr 2020, Regie führte Thomas Vinterberg nach einem Drehbuch, das er gemeinsam mit Tobias Lindholm verfasste. Kameramann Sturla Brandth Grøvlen verantwortet die visuelle Gestaltung, den Schnitt übernahmen Anne Østerud und Janus Billeskov Jansen, die Musik stammt von Mikkel Maltha. Der Film entstand an realen Schauplätzen in Kopenhagen, darunter jene Schule, an der Vinterbergs Tochter Ida unterrichtete wurde.

Mads Mikkelsen trägt die Hauptrolle des Geschichtslehrers Martin, an seiner Seite stehen Thomas Bo Larsen als Sportlehrer Tommy, Magnus Millang als Philosophielehrer Nikolaj und Lars Ranthe als Musiklehrer Peter. Die vier Darsteller bilden ein Ensemble, das über weite Strecken wie ein eingeschliffenes Quartett wirkt. Maria Bonnevie spielt Martins Ehefrau Anika, Helene Reingaard Neumann Nikolajs Frau Amalie, Susse Wold die Schuldirektorin.

Der Film läuft 116 Minuten und ist ab zwölf Jahren freigegeben. Er wurde mit vier Europäischen Filmpreisen ausgezeichnet, gewann den Oscar für den besten internationalen Film sowie den British Academy Film Award in der Kategorie Bester nicht-englischsprachiger Film. Eine Oscar-Nominierung für Vinterbergs Regie folgte ebenso. In Dänemark entwickelte sich der Film zur meistgesehenen Produktion des Kinojahres 2020.

Handlung & Inhalt vom Film „Der Rausch“

An einem Gymnasium in Kopenhagen unterrichten vier Freunde, die einmal mehr gewollt haben vom Leben. Martin, Geschichtslehrer, hält seinen Unterricht kaum noch zusammen. Seine Schüler schlafen ein, ihre Eltern drängen auf einen Lehrerwechsel. Privat hat er sich von seiner Frau Anika entfremdet, die nachts arbeitet und tagsüber eine Distanz aufrechthält, die keiner von beiden mehr benennen mag. Nikolaj kämpft zuhause mit drei kleinen Kindern und dem Gefühl, unsichtbar zu sein. Tommy und Peter teilen ähnliche Erschöpfung, jeder auf seine Weise, jeder still damit.

Beim Abendessen zu Nikolajs vierzigstem Geburtstag taucht eine These auf, die den Abend verändert. Der norwegische Psychiater Finn Skårderud, so Nikolaj, behaupte, dass Menschen mit einem Blutalkoholdefizit von 0,5 Promille zur Welt kämen. Ein konstant leicht erhöhter Pegel entspräche demnach dem eigentlichen Optimum. Die vier Lehrer beschließen, diese Theorie im Selbstversuch zu prüfen. Sie einigen sich auf Regeln: werktags tagsüber ein halbes Promille, kein Alkohol nach 20 Uhr, keine Wochenenden. Das Experiment beginnt, ohne dass Familien oder Schüler etwas ahnen. Und zunächst scheint tatsächlich etwas aufzugehen.

Vom Aufblühen zum Absturz

Martin betritt das Klassenzimmer neu. Sein Unterricht gewinnt Rhythmus, er stellt Fragen, auf die er selbst neugierig wirkt, und die Schüler folgen ihm. Zuhause nähert er sich Anika an, vorsichtig, dann leidenschaftlicher. Tommy verbucht mit seiner Fußballmannschaft Erfolge. Peter empfiehlt einem prüfungsängstlichen Schüler sogar leisen Alkoholkonsum, gestützt auf eigene Beobachtungen. Ermutigt von diesen Ergebnissen, beschließen die vier, die Promillegrenze nach oben zu verschieben, um ihr persönliches Optimum zu finden. Die zweite Phase des Experiments beginnt mit ähnlicher Zuversicht, doch der Untergrund ist bereits mürber geworden.

Nach einer Nacht, in der alle vier bis zur Erschöpfung trinken, kehrt der Morgen mit Konsequenzen zurück. Martin kommt verkatert nach Hause, und im folgenden Streit gesteht Anika eine vergangene Affäre. Nikolajs Frau Amalie verlässt ihn, weil sein Konsum längst die Grenzen des Experiments überschritten hat. Die vier Freunde beschließen, den Versuch abzubrechen. Der Rahmen, der alles zusammengehalten hat, löst sich auf.

Drei der vier Lehrer halten durch. Tommy nicht. Er erscheint schwer betrunken im Lehrerzimmer, wird vom Unterricht suspendiert und versinkt in der Sucht. Eines Abends fährt er mit seinem Boot auf die Bucht hinaus. Sein Hund ist dabei. Er kehrt nicht zurück. Ob es ein Unfall war oder eine Entscheidung, lässt der Film offen. Bei seiner Beerdigung findet sich heraus, dass Nikolaj und Amalie wieder zusammenleben, und auch Martin und Anika tasten sich langsam aufeinander zu. Die verbleibenden drei Freunde feiern anschließend mit ihren Abiturienten. Martin, einst Jazzballettänzer, tanzt unter freiem Himmel, enthemmt und körperlich präzise zugleich, und springt schließlich in das Hafenbecken, in dem Tommy umgekommen ist.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der Rausch“

Der Rausch“ verdankt seine emotionale Wucht einer Entstehungsgeschichte, die den Film von innen heraus verändert hat. Vier Tage nach Drehbeginn starb Vinterbergs Tochter Ida bei einem Verkehrsunfall. Was ursprünglich ein Lobgesang auf die befreiende Kraft des Alkohols werden sollte, wurde zu etwas Komplexerem: einem Film, der das Leben ernst nimmt, ohne es zu schonen. Mads Mikkelsens Darstellung des Martin trägt diesen Wandel. Ob er stumm in einer Schulstunde vor sich hindöst oder im Finale jeden Muskel dem Tanz überantwortet, er spielt mit einer körperlichen Präzision, die selten ist.

Kameramann Sturla Brandth Grøvlen setzt auf eine Handkamera, die nahe an den Figuren bleibt, ohne aufdringlich zu werden. In den Rauschphasen atmet das Bild leichter, die Einstellungen werden beweglicher. In den Absturzszenen zieht sich das Licht zurück. Diese visuelle Dramaturgie verzichtet auf Kommentar und überlässt dem Rhythmus des Schnitts die Bewertung. Der diegetische Ton, Schulchöre, Kneipengesang, Stille auf offener See, ersetzt konsequent eine konventionelle Filmmusik und verleiht dem Werk eine Authentizität, die keine aufgesetzte Dramaturgie erzeugen könnte. Dass das Drehbuch in seiner mittleren Phase den Figuren wenig Überraschungen gönnt, ist der einzige Einwand, der standhält.

Wer schwarze Komödien schätzt, die ihren Figuren die Würde lassen, auch wenn sie straucheln, findet hier einen Film, der diese Balance selten verlässt. Vinterberg hat aus persönlichem Schmerz kein Trostwerk gemacht, sondern einen Film über das Weitermachen. Das ist das Eigentliche an diesem Rausch.

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