Contra

Wenn deutsche Filmkomödien französische Vorlagen adaptieren, schwingt stets die Frage mit, was bleibt, was verschwindet und was neu entsteht. Sönke Wortmann hat bereits bewiesen, dass er dieses Terrain beherrscht. Mit „Contra“ wagt er sich nun an einen Stoff, der sprachliche Macht und soziale Herkunft gegeneinander ausspielt. Die Ausgangslage klingt nach feinem Kammerspiel. Tatsächlich aber entfaltet der Film eine überraschend zugängliche Erzählökonomie.

Contra
Dauer: 104 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2020
Kategorien: Drama, Komödie
Regie: Sönke Wortmann
Produzenten: Christoph Müller, Tom Spiess
Hauptdarsteller: Nilam Farooq, Christoph Maria Herbst, Hassan Akkouch
Nebendarsteller: Ernst Stötzner, Meriam Abbas, Mohamed Issa, Stefan Gorski
Studio: Constantin Film, SevenPictures Film

Im Zentrum steht ein Duett aus rhetorischem Zynismus und stiller Entschlossenheit. Die Reibung zwischen beiden Polen trägt die Handlung. Zugleich verhandelt der Film Themen, die weit über den universitären Mikrokosmos hinausweisen. Diskriminierung, Bleiberecht, Klassenschranken – all das verdichtet sich in einem Debattierwettbewerb. Die Inszenierung setzt dabei auf pointierte Dialoge und überlegtes Tempo. Wie gelingt es Wortmann, ernste Themen und komödiantische Leichtigkeit in Balance zu halten?

Besetzung, Regie und Drehorte

Das Drehbuch zu „Contra“ stammt von Doron Wisotzky und basiert auf Yvan Attals französischer Vorlage Le brio aus dem Jahr 2017. Sönke Wortmann führte Regie bei der deutschen Neuverfilmung. Produziert wurde der Film von Christoph Müller und Tom Spieß. Die Kamera übernahm Holly Fink, den Schnitt verantwortete Martin Wolf. Für die musikalische Gestaltung zeichnet Martin Todsharow verantwortlich. Der Soundtrack enthält neun Stücke, darunter Use Me der Soulsängerin Joy Denalane.

In der Hauptrolle des Juraprofessors Richard Pohl überzeugt Christoph Maria Herbst. Ihm zur Seite steht Nilam Farooq als Naima Hamid, deren Figur den emotionalen Ankerpunkt bildet. Hassan Akkouch verkörpert Naimas Freund Mo, Ernst Stötzner den Universitätspräsidenten Lambrecht. Stefan Gorski ist als Pohls Sohn Benjamin zu sehen. Meriam Abbas, Mo Issa und Nassiem A-Sheikh Mustafa spielen Mitglieder der Familie Hamid. Weitere Rollen übernahmen Cathleen Baumann, Lieke Hoppe und Cristiano Papasimos.

Die Dreharbeiten fanden im Sommer 2019 in Köln, Bonn, Berlin und Frankfurt statt. Mit einer Laufzeit von 104 Minuten und einer FSK-Freigabe ab zwölf Jahren richtet sich der Film an ein breites Publikum. Für ihre Darstellung erhielt Nilam Farooq den Bayerischen Filmpreis 2020. Beim Ernst-Lubitsch-Preis 2022 wurden Farooq und Herbst gemeinsam ausgezeichnet.

Handlung & Inhalt vom Film „Contra“

Naima Hamid lebt mit ihrer Mutter und ihren Brüdern in beengten Verhältnissen in Frankfurt am Main. Die Familie marokkanischer Herkunft kämpft mit finanziellen Sorgen. Auch das Bleiberecht ist ungeklärt. Naima aber hat einen klaren Plan. Sie hat ein Studium der Rechtswissenschaft an der Goethe-Universität aufgenommen, als einzige aus ihrem direkten Umfeld. Ihre Bewerbungen für Praktika in großen Kanzleien bleiben dennoch erfolglos. Der Verdacht liegt nahe, dass ihr ausländisch klingender Familienname dabei eine Rolle spielt. Im Hörsaal sitzt Professor Richard Pohl, bekannt für seinen schneidenden Sarkasmus. Die erste Begegnung wird zum Desaster.

Als Naima zu spät zur Vorlesung erscheint, maßregelt Pohl sie öffentlich. Aus ihrer Sicht fallen rassistische Bemerkungen. Später stellt sich die Szene als Missverständnis heraus, doch der Schaden ist angerichtet. Videos der Begegnung kursieren im Internet und lösen eine Welle der Empörung aus. Pohl droht ein Disziplinarverfahren und der Verlust seiner Professur. Universitätspräsident Alexander Lambrecht, ein alter Freund, unterbreitet einen pragmatischen Vorschlag. Pohl solle Naima für einen bundesweiten Debattierwettbewerb vorbereiten. Der Erfolg der Studentin könnte sein Ansehen retten.

Zwischen Ehrgeiz und verschwiegener Wahrheit

Pohl nimmt das Angebot widerstrebend an. Auch Naima lässt sich überreden, wenngleich sie die wahren Motive ihres Professors nicht kennt. Das Training beginnt mit harten Bandagen. Sehr bald jedoch zeigt sich Naimas sprachliches Talent. Sie arbeitet sich durch die Etappen des Wettbewerbs und argumentiert mit zunehmender Souveränität. Zwischen Mentor und Schülerin entsteht eine vorsichtige Wertschätzung. Pohl verrät ihr sogar seinen persönlichen Trick gegen Lampenfieber: Er tanzt. Die verschwiegene Tatsache des drohenden Disziplinarverfahrens aber hängt wie ein Schatten über dem Geschehen.

Kurz vor dem Finale erfährt Naima durch einen Kommilitonen, dass sie instrumentalisiert wurde. Die Kränkung sitzt tief. Sie beschließt, dem Wettbewerb fernzubleiben. Erst ihr Freund Mo und ihre Familie bewegen sie dazu, die Chance für sich selbst zu ergreifen. Naima macht sich auf den Weg, erreicht die Universität jedoch zu spät. Nur Pohl sitzt noch im Saal. Er prognostiziert ihr eine große juristische Zukunft.

Wenige Tage später findet das Disziplinarverfahren gegen Pohl statt. Die Beweislage erscheint erdrückend. Naima verschafft sich Zutritt zum Saal und ergreift unaufgefordert das Wort. Ihr Plädoyer beginnt scheinbar verurteilend und wandelt sich zu einer Würdigung. Sie spricht von einem unangepassten Menschen, der sie, die Migrantin, ermutigt und gefördert habe. Der rhetorische Kniff rettet Pohl vor der Entlassung. In der Schlussszene steht Naima selbst als Anwältin vor ihrem ersten Prozess. Sie tanzt ihre Nervosität weg.

Filmkritik und Fazit zum Film „Contra“

Wortmanns Inszenierung von „Contra“ setzt auf rhythmisch gebaute Dialogszenen und eine zurückhaltende Kameraführung von Holly Fink. Die Stärke des Films liegt in den Wortgefechten zwischen Herbst und Farooq, die wie choreografierte Fechtszenen wirken. Herbst verleiht seinem Zyniker einen unterschwelligen Charme, der die Figur vor bloßer Unsympathie bewahrt. Farooq kontert mit stiller Präsenz und einem Blick, der ganze Szenen trägt. Martin Todsharows Musik bleibt dezent und stört die Dialogdichte nie. Holly Finks Bildsprache nutzt die universitären Räume als rhetorische Arenen.

Tempo und Tonfall sind auf Zugänglichkeit geeicht, was Chancen und Schwächen zugleich eröffnet. Die dramaturgische Glättung des französischen Originals nimmt der Figur Pohl einiges an Gefährlichkeit. Der Kunstgriff mit der verstorbenen Tochter wirkt als emotionaler Katalysator etwas berechnend. Dafür gelingen dem Film in der Milieuzeichnung rund um Naima erstaunlich unklischeehafte Momente. Die Szenen mit Mo und der Clique atmen eine warme Beiläufigkeit. Die Debatten selbst sind scharfzüngig geschrieben, auch wenn Schopenhauers eristische Dialektik nur angerissen wird.

Wer eine intelligente Wohlfühl-Komödie mit gesellschaftlichem Unterfutter sucht, wird hier fündig. Der Film verzichtet auf die bittere Ambivalenz der Vorlage, bietet dafür präzise geführte Dialoge und zwei hervorragende Hauptdarsteller. Für Liebhaber pointierter Gesprächskomödien lohnt sich der Abend. Wer die französische Schärfe bevorzugt, wird einige Kanten vermissen. Ein sehenswerter Film mit klugen Momenten und offenkundigen Kompromissen.

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