Erschütternde Wahrheit
Amerika hat eine Liebesgeschichte mit dem Schmerz – solange er im Trikot stattfindet. „Erschütternde Wahrheit“ erzählt davon, was passiert, wenn ein Außenseiter diese Liebesgeschichte mit dem Skalpell in der Hand betritt. Peter Landesman verfilmt 2015 den Fall des nigerianischen Neuropathologen Bennet Omalu, der Anfang der 2000er Jahre eine medizinische Wahrheit entdeckte, die eine ganze Nation nicht hören wollte. Will Smith trägt den Film mit ruhiger, unaufdringlicher Intensität.

| Dauer: | 123 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2015 |
| Kategorien: | Drama |
| Regie: | Peter Landesman |
| Produzenten: | Ridley Scott, David Wolthoff, Elizabeth Cantillon, Larry Shuman, Giannina Facio |
| Hauptdarsteller: | Will Smith, Alec Baldwin, Albert Brooks |
| Nebendarsteller: | Gugu Mbatha-Raw, David Morse, Arliss Howard, Mike O'Malley |
| Studio: | Village Roadshow Pictures, Columbia Pictures, The Cantillon Company, LStar Capital, The Shuman Company, Cara Films, Scott Free Productions |
Die Chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz CTE, galt nicht als unbekanntes Phänomen, doch zugleich schirmte der Sport sich stets als gefährlich geschützter Raum ab. Was bedeutet es also konkret, wenn ein Arzt mit afrikanischen Wurzeln, sieben akademischen Abschlüssen und zugleich ungebremster Neugier genau in diesen Raum eindringt und dabei Befunde vorlegt, die das Fundament eines milliardenschweren Unterhaltungsimperiums erschüttern? Wem gehört dabei die Wahrheit, und wer darf sie am Ende tatsächlich aussprechen?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Erschütternde Wahrheit“ ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 2015. Regie führte Peter Landesman, der auch das Drehbuch verfasste, basierend auf dem GQ-Artikel „Game Brain“ von Jeanne Marie Laskas aus dem Jahr 2009. Produziert wurde der Film u.a. von Ridley Scott und Giannina Facio-Scott; die Kamera lag in den Händen von Salvatore Totino, den Schnitt verantwortete William Goldenberg. James Newton Howard komponierte den Soundtrack, der zwanzig Stücke umfasst und eine Laufzeit von über einer Stunde erreicht.
Will Smith übernimmt die Hauptrolle des Dr. Bennet Omalu und verleiht der Figur einen vollkommen natürlich wirkenden nigerianischen Akzent sowie unaufdringlichen Charme. An seiner Seite agieren Gugu Mbatha-Raw als seine Frau Prema, Albert Brooks als Bezirkspathologe Dr. Cyril Wecht und Alec Baldwin als der ehemalige Steelers-Teamarzt Dr. Julian Bailes. David Morse ist in einer eindrücklichen Nebenrolle als der frühere NFL-Star Mike Webster zu sehen.
Die Hauptdreharbeiten begannen am 27. Oktober 2014 in Pittsburgh, Pennsylvania, und dauerten bis Mitte Januar 2015. Gedreht wurde u.a. im Altius Restaurant im Stadtteil Mt. Washington, in der Braddock Carnegie Library sowie in einer Kirche im Hill District. Der Film erhielt 14,3 Millionen US-Dollar an Steuererstattungen des Bundesstaates Pennsylvania. Die FSK-Freigabe liegt bei 12 Jahren; Will Smith wurde für seine Darstellung mit einer Golden-Globe-Nominierung bedacht.
Handlung & Inhalt vom Film „Erschütternde Wahrheit“
Pittsburgh, 2002. Der nigerianische Pathologe Dr. Bennet Omalu arbeitet im Leichenschauhaus von Allegheny County und nimmt seinen Beruf mit einer Ernsthaftigkeit ernst, die seine Kollegen bisweilen befremdet. Er spricht aktiv mit den Toten. Er behandelt sie konsequent mit Würde. Als der ehemalige Steelers-Star Mike Webster – viermaliger Super-Bowl-Sieger, legendärer Center, „Iron Mike“ – obdachlos und geistig zerstört in seinem Pick-up-Truck stirbt, bringt man seinen Leichnam direkt auf Omalus Seziertisch. Omalu reagiert verwirrt: Ein körperlich gesunder Mann, der sich die eigenen Zähne ausschlug und mit Sekundenkleber wieder befestigte.
Omalu investiert eigenes Geld und finanziert aufwendige neuropathologische Analysen von Websters Gehirn. Dabei entdeckt er charakteristische Tau-Protein-Ablagerungen – ein Befund wie bei Demenzkranken, obwohl Webster erst fünfzig war. Omalu definiert das Krankheitsbild klar: Chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz CTE, ausgelöst durch wiederholte Schädelerschütterungen. Mit Unterstützung des früheren Steelers-Teamarztes Dr. Julian Bailes, des Neurologen Steven DeKosky und seines Vorgesetzten Dr. Cyril Wecht veröffentlicht er seine Ergebnisse aktiv im Fachmagazin „Neurosurgery“. Die NFL weist diese Befunde umgehend zurück.
System gegen Wahrheit – der Preis des Wissens
Kurz darauf kommt der ehemalige Spieler Justin Strzelczyk bei einer Verfolgungsjagd ums Leben, und zugleich zeigen zwei weitere NFL-Veteranen ähnliche Symptome wie Webster. Dadurch erhärtet sich Omalus Diagnose deutlich, und zudem erkennt er ein klares Muster. Gleichzeitig reagiert die NFL mit institutionellem Druck: Ihr medizinisches Komitee verweigert Omalu den Zutritt zu einer Anhörung über Spielersicherheit, sodass Bailes an seiner Stelle sprechen muss. Zudem konfrontiert Dave Duerson, ehemaliger NFL-Spieler und Verbandsvertreter, Omalu feindselig und fordert ihn auf, „nach Afrika zurückzukehren.“
Daraufhin eskaliert der Druck weiter, und gleichzeitig wird Dr. Wecht in einem politisch motivierten Verfahren angeklagt. Außerdem droht man Omalu selbst mit Abschiebung und fadenscheinigen Strafverfolgungen, sodass sich die Lage weiter zuspitzt. Währenddessen wird seine schwangere Frau Prema von einem fremden Fahrzeug verfolgt, und infolgedessen erleidet sie eine Fehlgeburt. Schließlich verlässt die Familie Pittsburgh und zieht nach Lodi, Kalifornien, wo Omalu eine Stelle als Leichenbeschauer im San Joaquin County annimmt. Damit erfolgt eine erzwungene Kapitulation und kein freiwilliger Rückzug.
Drei Jahre später nimmt sich Dave Duerson das Leben, und zugleich hinterlässt er einen Abschiedsbrief. Darin bestätigt er Omalus Diagnose und vermacht außerdem der Wissenschaft sein Gehirn. Daraufhin wird Omalu zur NFLPA-Konferenz über CTE eingeladen und hält eine Rede ohne Bitterkeit. Gleichzeitig appelliert er an die NFL, sich selbst zu vergeben und Frieden zu finden. Parallel dazu erhöht der Kongress den Druck auf den Verband, und zudem wächst die öffentliche Aufmerksamkeit. Im Jahr 2011 klagen daraufhin tausende ehemaliger Spieler gegen die NFL. Anschließend zeigt eine abschließende Montage Junior Seaus Suizid 2012 sowie weitere Entwicklungen. Zudem folgen daraus Massenverfahren gegen die Liga, und die juristische Dynamik nimmt weiter zu. Im Februar 2015 wird Bennet Omalu schließlich amerikanischer Staatsbürger, und zugleich erreicht er einen persönlichen Meilenstein.
Filmkritik und Fazit zum Film „Erschütternde Wahrheit“
„Erschütternde Wahrheit“ vermittelt mehr Wissen, als er offen ausspricht. Landesman gestaltet die erste Filmhälfte mit kühler, klinischer Präzision: Die Autopsie-Sequenzen erscheinen sachlich und verstören gerade dadurch, und in Momenten wie dem, in dem Omalu die Auflösung von Websters Geist nur durch mikroskopische Gewebeschnitte erkennt, entfaltet der Film eine unterschwellige Sogwirkung. Salvatore Totinos Kamera hält bewusst Distanz, analysiert kühl und richtet sich konsequent an der Figur aus. James Newton Howards Score trägt diese Zurückhaltung mit elegischen Flächen und vermeidet konsequent jede Überemotionalisierung.
Die zweite Hälfte verliert an Kontur, sobald der Film in ein klassisches David-gegen-Goliath-Muster wechselt. Der Antagonist NFL bleibt schemenhaft; Landesman vermeidet den direkten Konfrontationskurs, als fürchte er selbst die Macht seines Sujets. Die Paranoia-Szene, in der Prema verfolgt wird, wirkt formal kompetent, entfaltet jedoch emotional kaum Wirkung – der Film behauptet Thriller-Spannung, entwickelt jedoch keinen echten Thriller-Körper. Will Smith stabilisiert das Konstrukt dennoch. Seine Darstellung Omalus bleibt nuanciert und zurückhaltend: Er verzichtet auf Imitationsgesten und stellt keinen Starappeal über die Figur. Er verleiht selbst ruhigen Momenten spürbare Präsenz.
Wer ein kompromissloses Systemdrama erwartet, wird jedoch von „Erschütternde Wahrheit“ nicht vollständig bedient. Denn der Film funktioniert vielmehr am stärksten als medizinisches Enthüllungsdrama. Zugleich ist er auch das Porträt eines Mannes, der eben Wahrheit über Bequemlichkeit stellt. Er ist jedoch nicht als politisches Pamphlet zu verstehen. Für Zuschauer, die wiederum das stille Ringen um wissenschaftliche Integrität zu schätzen wissen, ist er dennoch ein sehenswertes, wenngleich auch unerfülltes Werk.