Wenn ich bleibe
Ein Moment genügt, damit ein ganzes Leben kippt. Zwischen zwei Atemzügen liegt bei R. J. Cutlers „Wenn ich bleibe“ jene Grenze, an der sich Biografien entscheiden. Der Film aus dem Jahr 2014 greift nach einem großen Stoff. Er fragt, was bleibt, wenn alles verloren ist. Und er stellt eine junge Frau ins Zentrum, deren Körper reglos daliegt, während ihr Bewusstsein wandert.

| Dauer: | 107 Min. |
|---|---|
| FSK: | 6 (DE) |
| Jahr: | 2014 |
| Kategorien: | Drama |
| Regie: | R. J. Cutler |
| Produzenten: | Alison Greenspan |
| Hauptdarsteller: | Chloë Grace Moretz, Jamie Blackley, Liana Liberato |
| Nebendarsteller: | Mireille Enos, Joshua Leonard, Stacy Keach, Gabrielle Rose |
| Studio: | New Line Cinema, Metro-Goldwyn-Mayer, Di Novi Pictures |
Chloë Grace Moretz trägt dieses Drama mit einer Zurückhaltung, die vieles offen lässt. Das Cello wird zum akustischen Anker, die Rockmusik zum Kontrapunkt. Cutler, zuvor vor allem als Dokumentarist tätig, sucht einen Mittelweg zwischen Indie-Ästhetik und Mainstream-Gefühl. Die Rückblenden tragen die Last der Erinnerung. Sie kollidieren mit einem Krankenhausflur, der keine Antworten kennt. Wie weit lässt sich ein solches Konzept tragen, ohne in Sentimentalität zu kippen?
Besetzung, Regie und Drehorte
Bei dem Film „Wenn ich bleibe“ führte R. J. Cutler Regie, der zuvor mit Dokumentarfilmen wie „The September Issue“ bekannt geworden war. Das Drehbuch stammt von Shauna Cross, die den gleichnamigen Bestseller der US-amerikanischen Autorin Gayle Forman für die Leinwand adaptierte. Hinter der Kamera arbeitete John de Borman, dessen Handschrift bereits „An Education“ prägte. Für den Schnitt zeichnete Keith Henderson verantwortlich. Die Musik komponierte Heitor Pereira. Produziert wurde der Film von Alison Greenspan im Auftrag von Summit Entertainment. Die Dreharbeiten begannen im Oktober 2013 in Vancouver.
In der Hauptrolle der Mia Hall ist Chloë Grace Moretz zu sehen, die zuvor in „Kick-Ass“ Aufsehen erregt hatte. Jamie Blackley verkörpert ihren Freund Adam Wilde, einen jungen Bandleader. Mireille Enos und Joshua Leonard spielen Mias Eltern Kat und Denny, während der junge Jakob Davies den Bruder Teddy gibt. Stacy Keach übernahm die Rolle des Großvaters. Weitere Rollen besetzen Liana Liberato als Mias beste Freundin Kim und Aisha Hinds als Krankenschwester Ramirez. Lauren Lee Smith ist als Willow zu sehen.
Der Film „Wenn ich bleibe“ kam am 18. September 2014 in die deutschen Kinos und trägt eine Freigabe ab sechs Jahren. Die Laufzeit beträgt 106 Minuten. Die deutsche Synchronfassung entstand unter der Dialogregie von Ursula von Langen bei der FFS Film- & Fernseh-Synchron GmbH. Moretz übte sieben Monate vor Drehbeginn Cello, obwohl für die Spielszenen am Ende ein Musikdouble eingesetzt wurde.
Handlung & Inhalt vom Film „Wenn ich bleibe“
Ein stürmischer Wintermorgen in Portland legt den Schulbetrieb lahm. Mia Hall, ihr Vater Denny, der selbst unterrichtet, und der kleine Bruder Teddy nutzen den unerwartet freien Tag. Mutter Kat meldet sich bei der Arbeit krank, um die Familie zu den Großeltern begleiten zu können. In ruhigen Rückblenden erzählt der Film von Mias Kindheit. Der Vater war einst Rockmusiker, die Mutter eine begeisterte Punkfanatikerin. Schon früh nahmen die Eltern ihre Tochter mit zu lauten Konzerten. Eines Tages jedoch wünschte sich Mia ausgerechnet ein Cello, nicht die erwartete E-Gitarre. Jahre später beherrscht sie das Instrument meisterhaft.
Der Mitschüler Adam Wilde, selbst Sänger einer aufstrebenden Band, beobachtet Mia beim Spielen und ist fasziniert. Er lädt sie zu einem klassischen Konzert ein. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zärtliche Liebesgeschichte, die jedoch früh auf unterschiedliche Welten stößt. Während Adam mit seiner Band Willamette Stone erste Erfolge feiert, zieht Mias Weg Richtung klassische Musik. Zurück in der Gegenwart rast das Familienauto auf einer verschneiten Straße in einen entgegenkommenden Lastwagen. Der Aufprall reißt alles entzwei. Mia erlebt eine außerkörperliche Erfahrung und sieht, wie ihr verletzter Körper ins Krankenhaus gebracht wird.
Zwischen zwei Welten
Im Krankenhaus erfährt Mia nach und nach die Wahrheit über ihre Familie. Ihre Mutter Kat starb bereits am Unfallort. Der Vater Denny verlor sein Leben während der Operation. Der kleine Teddy liegt zunächst in einer Art Koma, erliegt jedoch später einer Hirnblutung. Eine Krankenschwester flüstert der bewusstlosen Mia zu, dass sie kämpfen müsse. Adam versucht verzweifelt, zu ihr zu gelangen, wird jedoch wegen fehlender Familienbindung abgewiesen. Parallel öffnen Rückblenden Mias Erinnerungen an die Bewerbung bei der renommierten Juilliard-Musikakademie. Zwischen Karriere und Liebe entstand bereits vor dem Unfall eine tiefe Zerrissenheit.
Der Großvater sucht Mia am Krankenbett auf. Er erzählt ihr jene Geschichte, die sie nie kannte. Ihr Vater hatte seine Rockband aufgegeben, um der Familie Halt zu bieten. Sein verkauftes Schlagzeug finanzierte einst Mias erstes Cello. Der alte Mann sagt ihr, sie dürfe gehen, wenn sie es wolle. Diese Erlaubnis zum Loslassen trifft Mia mit voller Wucht. Innerlich entscheidet sie sich für den Weg auf die andere Seite, zu ihren verstorbenen Eltern und dem Bruder.
Gerade als Mia dem Licht entgegengehen will, dringt vertrauter Klang an ihr Ohr. Adam hat es ins Zimmer geschafft und setzt ihr Kopfhörer auf. Musik von Ludwig van Beethoven, ihrem Lieblingskomponisten, erfüllt den Raum. Er bringt auch einen Brief mit: Mia wurde an der Juilliard-Musikakademie angenommen. Mit brüchiger Stimme verspricht er ihr alles, wenn sie nur bleibe. Vor Mias innerem Auge zieht ein Panorama glücklicher Momente vorüber. Dann öffnet sie langsam die Augen und erwidert Adams Blick.
Filmkritik und Fazit zum Film „Wenn ich bleibe“
R. J. Cutlers „Wenn ich bleibe“ lebt von einer erzählerischen Konstruktion, die Chance und Risiko zugleich ist. Die fortwährenden Sprünge zwischen Krankenhausgegenwart und Rückblende erzeugen einen Rhythmus, der den Überlebenskampf symbolisch verdoppelt. John de Bormans Kameraarbeit meidet den Hochglanz konventioneller Hollywood-Dramen und sucht stattdessen eine zurückgenommene, beinahe dokumentarische Bildsprache. Chloë Grace Moretz trägt das Gewicht der Hauptrolle mit stiller Präsenz. Ihre Szenen am Cello wirken konzentriert, selbst wenn die Fingertechnik auf einem Musikdouble ruht. Stacy Keach liefert als Großvater einen der emotional tragenden Momente des Films.
Die Inszenierung gerät jedoch an ihre Grenzen, wo dramaturgische Klarheit gefragt wäre. Das Drehbuch von Shauna Cross neigt dazu, vertraute Motive der Coming-of-Age-Erzählung zu reihen, statt einen klaren Spannungsbogen zu formen. Heitor Pereiras Filmmusik unterstützt die Stimmung zuverlässig, gleitet stellenweise jedoch in die Nähe gefälliger Stimmungsuntermalung. Der Gegensatz zwischen Rock und Klassik, zwischen Adams Bühne und Mias Konzertsaal, wirkt zuweilen zu sauber konstruiert. Andererseits verleiht genau diese Zuspitzung dem Film einen jugendlich fiebrigen Charakter, der zur Zielgruppe passt.
Wer feinfühliges Jugenddrama mit romantischem Kern schätzt, findet hier einen ehrlich gespielten Vertreter des Genres. Die übersinnliche Rahmung bleibt zurückhaltend und verweigert sich dem billigen Effekt. Moretz und Jamie Blackley erden das Geschehen mit spürbarer Chemie. Tiefgreifende Originalität darf man allerdings nicht erwarten. Für Anhänger klassischer Tränendrücker-Romanzen ist der Film gleichwohl ein sehenswertes, sauber gebautes Zwischenstück.