Der Medicus
Ein Waisenjunge aus England, der sich im fernen Persien als Jude ausgibt, um Medizin zu studieren – die Prämisse von „Der Medicus“ klingt wie ein Stoff, der schon beim Lesen Appetit macht. Noah Gordons Weltbestseller aus dem Jahr 1986 begeisterte in Deutschland mehr als sechs Millionen Leser, bevor Regisseur Philipp Stölzl den Stoff 2013 für die große Leinwand adaptierte. Das Ergebnis ist ein Historienspektakel mit opulenten Bildern, einem internationalen Ensemble und dem ehrgeizigen Anspruch, europäisches Blockbusterkino zu definieren.

| Dauer: | 155 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2013 |
| Kategorien: | Action |
| Regie: | Philipp Stölzl |
| Produzenten: | Nico Hofmann, Wolf Bauer |
| Hauptdarsteller: | Tom Payne, Stellan Skarsgård, Olivier Martinez |
| Nebendarsteller: | Emma Rigby, Ben Kingsley, Elyas M'Barek, Fahri Yardım |
| Studio: | Pixomondo, CinePostproduction, Cine Mobil, ARD, ARD Degeto, UFA |
Der Film bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen aufwendiger Geschichtserzählung und zugänglichem Abenteuerfilm. Zwei Welten prallen aufeinander: das düstere, medizinisch rückständige England des 11. Jahrhunderts und das pulsierende persische Isfahan unter Ibn Sina, dem größten Universalgelehrten seiner Zeit. Was die Geschichte antreibt, ist weniger politisches Kalkül als menschliche Sehnsucht – die nach Wissen, nach Würde, nach einem Leben, das mehr bedeutet als das, in das man hineingeboren wurde. Doch kann ein Film von zweieinhalb Stunden diesem Anspruch wirklich gerecht werden?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Der Medicus“ entstand 2013 unter der Regie von Philipp Stölzl, der bereits mit „Nordwand“ und „Goethe!“ seine Fähigkeit zu großformatigen Produktionen unter Beweis gestellt hatte. Das Drehbuch verfasste Jan Berger, die Kamera verantwortete Hagen Bogdanski, der Schnitt lag bei Sven Budelmann. Komponist Ingo Ludwig Frenzel schrieb die Filmmusik, die vom Deutschen Filmorchester Babelsberg eingespielt wurde. Produziert wurde der Film von Wolf Bauer und Nico Hofmann für die UFA Cinema in Koproduktion mit ARD Degeto und Beta Cinema, mit einem Budget von 26 Millionen Euro.
Die Titelrolle des Rob Cole spielt Tom Payne in seiner ersten großen Kinorolle. Als sein Lehrmeister, der fahrende Bader, ist Stellan Skarsgård zu sehen, während Ben Kingsley die Figur des Ibn Sina mit Würde und Präsenz verkörpert. Emma Rigby übernimmt die Rolle der Rebecca, Olivier Martinez spielt den Schah Ala ad-Daula. Elyas M’Barek und Fahri Yardım sind in weiteren tragenden Rollen zu erleben, beide sprechen ihre Figuren auch selbst in der deutschen Synchronfassung.
Die Dreharbeiten erstreckten sich über rund 60 Drehtage. Das mittelalterliche England entstand in Mitteldeutschland, mit Kulissen in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der persische Schah-Palast und das Bimarestan wurden in den MMC Studios Köln nachgebaut. Außenaufnahmen in Marokko und der Filmstadt Ouarzazate lieferten die orientalischen Schauplätze. Die Effektfirma Pixomondo ergänzte die Stadt Isfahan sowie weitere Kulissen digital. Der Film erhielt 2014 den Bogey Award in Silber sowie die Goldene Leinwand für drei Millionen Besucher.
Handlung & Inhalt vom Film „Der Medicus“
England im 11. Jahrhundert: Zunächst besitzt der junge Robert Cole eine ungewöhnliche Gabe. Er spürt sofort, wenn ein Mensch dem Tod nahekommt. Gleichzeitig erlebt er als Kind den Tod seiner Mutter und kann nichts dagegen tun. Danach schließt er sich einem fahrenden Bader an und lernt dort erste Heilkunde. Außerdem lernt er Aderlass, Zähneziehen und Kräuterbehandlungen kennen, erkennt jedoch schnell deren Grenzen. Als der Bader später erblindet, reisen beide gemeinsam zu einer jüdischen Siedlung. Dort heilt ein Medicus den Bader durch einen Starstich, und Rob erkennt erstmals die Möglichkeiten echter Medizin. Anschließend hört er beim Schabbatmahl von Ibn Sina und fasst sofort einen Entschluss.
Daraufhin entscheidet sich Rob für eine lange Reise nach Persien. Außerdem nimmt er eine neue Identität an und nennt sich Jesse Ben Benjamin. Gleichzeitig unterzieht er sich einer Beschneidung und verlässt England Richtung Osten. In Ägypten schließt er sich einer Karawane an und trifft dort Rebecca. Währenddessen liest sie Geschichten aus alten Büchern vor und begleitet die Reise. Doch ein Wüstensturm zerstört die Karawane fast vollständig, sodass Rob als Einziger Isfahan erreicht. Dort nimmt Ibn Sina ihn zunächst nicht auf, doch nach einer Verletzung erkennt er Robs Talent und bildet ihn aus.
Zwischen Wissen und Verbot
Im Bimarestan lernt Rob systematisch wissenschaftliche Medizin. Außerdem beobachtet er Patienten, untersucht Symptome und entwickelt ein neues Verständnis von Krankheit. Gleichzeitig erkennt er während einer Pestepidemie die Rolle der Rattenflöhe. Dadurch hilft er aktiv, die Ausbreitung einzudämmen. Parallel dazu trifft er Rebecca wieder und heilt sie nach ihrer Erkrankung. Zwischen beiden entsteht eine Beziehung, und Rebecca wird schwanger.
Danach fordert Rob mehr Wissen und drängt auf anatomische Forschung. Obwohl die Religion Obduktionen verbietet, findet er einen Ausweg über einen zoroastrischen Leichnam. So führt er heimlich eine Sektion durch und entdeckt die Ursache der Krankheit. Allerdings verraten ihn Gegner, und die Herrscher verurteilen ihn und Ibn Sina zum Tod. Dennoch rettet eine Operation am Schah ihr Leben und verschafft ihnen kurzfristige Freiheit.
Schließlich bricht der politische Konflikt erneut aus und zerstört Isfahan. Religiöse Fanatiker verbrennen die Bibliothek, und Ibn Sina stirbt durch Vergiftung. Gleichzeitig rettet Rob viele Menschen aus der Stadt, darunter auch Rebecca. Danach kehrt er nach England zurück und gründet in London ein Krankenhaus. Schließlich folgt ihm sein alter Lehrmeister, der Bader, und macht sich auf den Weg zu ihm.
Filmkritik und Fazit zum Film „Der Medicus“
Was „Der Medicus“ am stärksten auszeichnet, ist sein visuelles Selbstbewusstsein. Philipp Stölzl inszeniert den Kontrast zwischen dem grauen, schlammigen England und dem lichtdurchfluteten Isfahan mit einem Gespür für Bildwirkung, das selten schiefgeht. Kameramann Hagen Bogdanski holt aus den Drehorten in Marokko und Mitteldeutschland maximale atmosphärische Dichte heraus. Tom Payne trägt den Film mit einer Mischung aus jugendlichem Enthusiasmus und ruhiger Entschlossenheit. Ben Kingsley verleiht Ibn Sina eine natürliche Autorität, ohne in Heiligenpose zu verfallen. Schwächer bleibt Emma Rigbys Rebecca – eine Figur, die das Drehbuch nie wirklich aus ihrer dienenden Funktion entlässt.
Das Narrativ überzeugt nur teilweise und wirkt oft ungleich. Die englischen Anfangsszenen mit Stellan Skarsgård als Bader wirken dicht und lebendig, während die Reise nach Persien deutlich abfällt. Ingo Ludwig Frenzels Musik begleitet die epischen Momente zuverlässig, setzt aber keine eigenen Akzente. Zudem nutzt der Film historische Freiheiten, die die Glaubwürdigkeit schwächen, etwa bei Pest und Tower. Dennoch arbeitet er einen interessanten medizinischen Blick auf das Mittelalter heraus und stellt die Frage nach Wissenschaft versus Religion.
„Der Medicus“ ist ein Film für Zuschauer, die opulentes Historienspektakel schätzen und bereit sind, erzählerische Unebenheiten dafür in Kauf zu nehmen. Wer Gordons Roman kennt und die thematische Tiefe der Vorlage erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich auf das visuelle Abenteuer einlässt und Paynes Protagonisten folgt, findet knapp zweieinhalb Stunden solides, bisweilen mitreißendes Kino – das mehr kann, als es manchmal will.