Inglourious Basterds
2009 schlug Quentin Tarantino mit einem Film zurück, der Geschichte umschrieb – im buchstäblichen Sinne. „Inglourious Basterds“ spielt im von Nazis besetzten Frankreich des Zweiten Weltkriegs, doch er beugt sich keiner Pflicht zur historischen Treue. Stattdessen entwirft Tarantino ein kontrafaktisches Szenario, das mit dem Kino selbst als Waffe operiert. Das Ergebnis ist ein Film, der sich keinem Genre fügt und gerade darin sein Eigentlichstes findet.

| Dauer: | 148 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2009 |
| Kategorien: | Action |
| Regie: | Quentin Tarantino |
| Produzenten: | Lawrence Bender |
| Hauptdarsteller: | Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz |
| Nebendarsteller: | Eli Roth, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl |
| Studio: | Universal Pictures, The Weinstein Company, A Band Apart, Zehnte Babelsberg Film, Visiona Romantica |
Der Zweite Weltkrieg als Kulisse für Rache, Intrige und Sprachspiel – das klingt provokant, fast anstößig. Tarantino setzt diese Spannung absichtsvoll ein. Er verweigert die Andacht des Historienfilms und schreibt stattdessen eine Fabel, in der Macht durch Sprache ausgeübt wird und Kino die Geschichte korrigieren darf. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht nur das Leben der Figuren, sondern die Frage nach dem Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit. Kann Film mehr sein als Abbild? Und was passiert, wenn man ihm das Recht einräumt, die Vergangenheit neu zu erzählen?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Inglourious Basterds“ ist eine US-amerikanisch-deutsche Koproduktion aus dem Jahr 2009, entstanden unter der Regie von Quentin Tarantino. Das Drehbuch verfasste Tarantino selbst, die Kamera führte Robert Richardson, den Schnitt verantwortete Sally Menke. Produziert wurde der Film von Lawrence Bender und Tarantino gemeinsam, mit Beteiligung der Studio Babelsberg AG. Die Dreharbeiten fanden überwiegend in Deutschland statt, darunter in Sachsen, Berlin-Brandenburg, Görlitz und in den Ateliers des Studio Babelsberg in Potsdam.
Die Hauptrolle des jüdisch-amerikanischen Guerillakommandeurs Lieutenant Aldo Raine übernahm Brad Pitt. Christoph Waltz spielte den SS-Standartenführer Hans Landa, Mélanie Laurent die jüdische Kinobetreiberin Shosanna Dreyfus. Zu den weiteren Darstellern zählen Michael Fassbender als britischer Lieutenant Archie Hicox, Diane Kruger als Doppelagentin Bridget von Hammersmark sowie Daniel Brühl als der deutsche Kriegsheld Fredrick Zoller. Til Schweiger und Gedeon Burkhard vervollständigten die deutschsprachige Riege unter den Basterds.
Der Film wurde für acht Oscars nominiert, darunter in den Kategorien Bester Film und Beste Regie. Christoph Waltz gewann 2010 den Oscar als Bester Nebendarsteller sowie zuvor den Darstellerpreis der 62. Filmfestspiele von Cannes. Die Laufzeit beträgt 154 Minuten, die Altersfreigabe ist FSK 16. Weltweit spielte der Film rund 321,5 Millionen US-Dollar ein und entwickelte sich zu Tarantinos bis dahin erfolgreichstem Kinofilm.
Handlung & Inhalt vom Film „Inglourious Basterds“
Frankreich, 1941: SS-Standartenführer Hans Landa, bekannt als „Judenjäger“, besucht den Milchbauern Perrier LaPadite auf seinem abgelegenen Hof. Landa vermutet, dass LaPadite die jüdische Familie Dreyfus unter den Fußbodendielen seines Hauses versteckt. Das Gespräch beginnt höflich, fast zeremoniell, doch Landa lenkt es mit kalter Präzision in eine Richtung, aus der es kein Entrinnen gibt. Schließlich verrät der Bauer das Versteck. Landas Männer eröffnen das Feuer. Als einzige Überlebende flieht die junge Shosanna Dreyfus über ein Feld ins Ungewisse, während Landa ihr gelassen nachsieht.
Parallel dazu stellt Lieutenant Aldo Raine in einer britischen Kaserne eine Einheit jüdisch-amerikanischer Soldaten zusammen, die hinter den feindlichen Linien in Frankreich operieren soll. Ihre Aufgabe: Nazis töten, skalpieren und durch gezielte Guerillaaktionen Angst im deutschen Heer verbreiten. Einige Überlebende lässt Raine mit einem in die Stirn geritzten Hakenkreuz laufen, damit sie nie vergessen, was sie waren. Diese Gruppe, bekannt als die „Basterds“, wird rasch zur Legende unter deutschen Soldaten.
Zwei Pläne, ein Ziel
Jahre später betreibt Shosanna unter dem Decknamen Emmanuelle Mimieux ein Kino in Paris. Sie hat überlebt, sie hat sich neu erfunden. Als der deutsche Kriegsheld und Propagandastar Fredrick Zoller seine Bekanntschaft mit ihr sucht und Propagandaminister Goebbels überzeugt, die Uraufführung des Films „Stolz der Nation“ in ihrem Kino zu veranstalten, erkennt Shosanna ihre Chance. Sie plant, gemeinsam mit ihrem Geliebten Marcel, dem Filmvorführer, das Kino während der Vorstellung in Brand zu setzen und die anwesende NS-Führung, darunter Adolf Hitler selbst, zu vernichten.
Zur selben Zeit erhalten die Basterds den Auftrag, sich in die Premiere einzuschleusen und das Kino zu sprengen. Der britische Lieutenant Archie Hicox trifft sich mit der deutschen Schauspielerin und Doppelagentin Bridget von Hammersmark, um die Details zu koordinieren. Das Treffen in einer Pariser Kellertaverne endet in einem Blutbad, nachdem ein SS-Offizier die Tarnung der Gruppe durchschaut. Schwer angeschossen entkommt von Hammersmark. Landa sichert am Tatort Beweise, die sie als Verräterin entlarven.
Beim Premierenabend laufen beide Pläne parallel. Landa, der das Ende des Krieges kommen sieht, konfrontiert von Hammersmark, erwürgt sie und lässt Raine gefangen nehmen. Er unterbreitet dem alliierten Oberkommando ein Angebot: Amnestie, materielle Güter, amerikanische Staatsbürgerschaft und den Status als Initiator der Operation – im Gegenzug gewährt er den im Kino verbliebenen Basterds freie Hand. Das Angebot wird akzeptiert. Marcel zündet das Archiv der Nitrofilmrollen. Shosannas Gesicht erscheint überdimensional auf der brennenden Leinwand. Die Basterds stürmen Hitlers Loge und erschießen ihn. Das Kino explodiert.
Filmkritik und Fazit zum Film „Inglourious Basterds“
„Inglourious Basterds“ ist kein Kriegsfilm, der Krieg zeigt – er ist ein Kinofilm über die Macht des Kinos, verkleidet als Kriegsfilm. Tarantino inszeniert fünf nahezu theatralische Kapitel, die jeweils eine eigene Welt entfalten, bevor sie sich im finalen Inferno verbinden. Christoph Waltz dominiert das Geschehen mit einer Präzision, die Hans Landa nie zur Karikatur werden lässt: Er ist Analytiker, kein Fanatiker, und gerade deshalb unheimlicher als jede plakative Bedrohung. Mélanie Laurent hält dem in stiller Entschlossenheit stand. Brad Pitt setzt dagegen auf ikonische Überzeichnung – wirksam, jedoch bewusst im Kontrast zum Rest des Ensembles angelegt.
Die Kamera von Robert Richardson arbeitet mit extremen Raumstaffelungen und ungewöhnlichen Perspektiven, die Szenen wie Bühnenbilder wirken lassen. Der Soundtrack, der Morricone-Klassiker aus Italowestern mit Bowie und französischen Chansons verschränkt, verweigert konsequent jede Einheitlichkeit – und erzeugt gerade damit eine eigentümlich stimmige Atmosphäre. Das Tempo ist lang und gedehnt, stellenweise fast provozierend. Wer Kontraktion und klassische Dramaturgie erwartet, stößt an Grenzen. Wer sich dem Rhythmus hingibt, erlebt, wie Spannung aus Sprache entsteht, nicht aus Schnittfolge.
„Inglourious Basterds“ ist ein Film, der seinen Zuschauern nichts schenkt und ihnen dafür umso mehr zurückgibt. Er verlangt Geduld, Bereitschaft zur Überzeichnung und die Fähigkeit, historische Verantwortungslosigkeit als künstlerische Haltung zu lesen. Wer Tarantino als Autorenfilmer versteht, findet hier sein konsequentestes Werk bis zu diesem Zeitpunkt. Wer einen klassischen Kriegsfilm sucht, sieht in den falschen Saal.