Kraven the Hunter
Sony Pictures hat in den letzten Jahren systematisch das Universum rund um Spider-Man-Nebenfiguren ausgebaut – mit wechselhaftem Erfolg. „Kraven the Hunter“ ist nun der sechste Versuch, eine dieser Randfiguren ins Zentrum zu rücken. Aaron Taylor-Johnson übernimmt die Titelrolle des Sergei Kravinoff, eines Jagenden, der sich selbst zum Rächer stilisiert. Ob das reicht, um ein Franchise zu tragen, ist die eigentliche Frage hinter diesem Film.

| Dauer: | 127 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2024 |
| Kategorien: | Abenteuer, Action |
| Regie: | J.C. Chandor |
| Produzenten: | David B. Householter, Avi Arad, Matt Tolmach |
| Hauptdarsteller: | Aaron Taylor-Johnson, Ariana DeBose, Fred Hechinger |
| Nebendarsteller: | Alessandro Nivola, Christopher Abbott, Russell Crowe, Juri Kolokolnikow |
| Studio: | Columbia Pictures, Matt Tolmach Productions, Arad Productions, TSG Entertainment II |
Superheldenfilme ohne klassischen Helden folgen einer eigenen Logik. Sie brauchen eine Figur, die im moralischen Graubereich überzeugt, deren Brüche glaubwürdig wirken und deren Motivation mehr ist als bloße Herkunft. Sony hat dieses Konzept mit Venom bereits erprobt, dort mit beachtlichem Publikumserfolg trotz gemischter Kritiken. Mit Kraven steht nun eine Figur im Mittelpunkt, die in den Comics als obsessiver Gegenspieler von Spider-Man gilt. Doch was passiert, wenn dieser weiße Wal fehlt – und bleibt das Ganze dann noch eine Geschichte mit echtem Antrieb?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Kraven the Hunter“ entstand unter der Regie von J. C. Chandor, der mit „All is Lost“ und „Triple Frontier“ zuvor kompaktere, atmosphärisch dichte Werke inszeniert hatte. Das Drehbuch schrieben Richard Wenk, Art Marcum und Matt Holloway gemeinsam. Produziert wurde der Film von Avi Arad, Matt Tolmach und David B. Householter für Columbia Pictures in Zusammenarbeit mit Marvel Studios. Die Kamera lag in den Händen von Ben Davis, der Schnitt bei Craig Wood und Chris Lebenzon. Für die Musik zeichneten Evgueni Galperine, Sacha Galperine und Benjamin Wallfisch verantwortlich.
Die Titelrolle spielt Aaron Taylor-Johnson, dem zur Seite Russell Crowe als Patriarch Nikolai Kravinoff steht. Fred Hechinger verkörpert Dmitri, den Halbbruder des Protagonisten, Alessandro Nivola übernimmt die Rolle des körperlich transformierten Schurken Aleksei Sytsevich alias Rhino. Ariana DeBose spielt Calypso, Christopher Abbott den Auftragskiller The Foreigner. Der junge Sergei wird von Levi Miller dargestellt, während Chi Lewis Parry als Big Rhino zu sehen ist.
Der Film hat eine Laufzeit von 127 Minuten und trägt in Deutschland die Altersfreigabe FSK 16. Uraufgeführt wurde er am 10. Dezember 2024 in New York City; der reguläre Kinostart in den USA folgte am 13. Dezember 2024. Die Goldene Himbeere 2025 nominierte den Film in drei Kategorien, darunter für das Schlechteste Drehbuch und die Schlechteste Neuverfilmung.
Handlung & Inhalt vom Film „Kraven the Hunter“
Die Geschichte beginnt mit dem Suizid der Mutter, einem Verlust, der zwei Söhne – Sergei und seinen Halbbruder Dmitri – in die Obhut eines Vaters treibt, der Stärke als einzige Währung kennt. Nikolai Kravinoff, wohlhabender Patriarch und Kopf eines kriminellen Imperiums, nimmt seine Söhne zur Großwildjagd nach Tansania mit. Die Absicht ist klar: Sie sollen lernen, zu dominieren. Doch der Ausflug endet brutal. Sergei stellt sich schützend vor seinen Bruder, als ein Löwe auf ihn zukommt. Er schießt nicht. Der Löwe reißt ihn nieder. Ein Mädchen namens Calypso rettet ihn mit einem Serum ihrer Großmutter und hinterlässt die Tarotkarte „Die Kraft“. Als Nikolai enthüllt, dass er den Löwen nachträglich selbst tötete, bricht Sergei mit seinem Vater und flüchtet in die russische Taiga.
Sechzehn Jahre später ist aus Sergei ein Selbstjustizler geworden, der sich Kraven nennt. Seine Kräfte, die das Serum ihm verliehen hat, schärfen seine Sinne und steigern seine körperliche Leistungsfähigkeit ins Übermenschliche. Er tötet einen Waffenhändler in einem russischen Gefängnis und reist danach nach London, um Dmitris Geburtstag zu besuchen. Das Wiedersehen dauert kaum, denn Söldner entführen den Bruder. Nikolai verweigert das Lösegeld – Schwäche zeigen kommt für ihn nicht infrage. Kraven sucht daraufhin Calypso auf, die inzwischen als Anwältin arbeitet, und überredet sie zur Zusammenarbeit.
Jagd, Verrat und Abrechnung
Hinter der Entführung steckt Aleksei Sytsevich, der durch ein Experiment enorme Kräfte und ein nashornartiges Aussehen erhielt. Allerdings benötigt er Medikamente, um seine Verwandlung zu kontrollieren. Gleichzeitig will er Nikolais Territorium übernehmen und lockt Kraven deshalb in einen Hinterhalt. Dieser scheitert jedoch, woraufhin Aleksei und der Auftragskiller The Foreigner die Verfolgung fortsetzen.
Schließlich setzt The Foreigner Kraven mit einem Neurotoxin außer Gefecht. Währenddessen tötet Calypso den Killer und erweckt Kraven mit einem Serum. Daraufhin entdeckt Kraven Alekseis Schwachstelle: den Medikamentenschlauch. Kurz darauf stirbt Aleksei während einer Büffelstampede. Anschließend erfährt Kraven, dass sein Vater Nikolai hinter dem Anschlag steckt. Deshalb entlädt er heimlich alle Gewehre und überlässt seinen Vater einem Bären.
Ein Jahr später besucht Kraven seinen Bruder Dmitri. Inzwischen hat dieser das Imperium des Vaters übernommen und kann als Chamäleon sein Aussehen verändern. Außerdem erklärt er, dass Kraven und Nikolai sich ähnlicher seien, als dieser glaubt. Schließlich erhält Kraven eine Weste aus der Haut des Löwen, der ihn einst verletzte. Er zieht sie an und nimmt damit sein ikonisches Erscheinungsbild aus den Comics an.
Filmkritik und Fazit zum Film „Kraven the Hunter“
„Kraven the Hunter“ leidet an einem grundlegenden Konstruktionsproblem: Das Drehbuch will zu viele Figuren einführen und gleichzeitig eine Origin Story erzählen, die emotional trägt. Beides gelingt nur eingeschränkt. J. C. Chandor, der in seinen früheren Arbeiten Stärke in Konzentration bewies, verliert hier den Fokus. Die Dialogszenen dehnen sich, das Mittelteil hängt spürbar durch. Aaron Taylor-Johnson liefert physisch eine glaubwürdige Präsenz, wirkt jedoch in den ruhigeren Momenten seltsam ungreifbar, fast monoton in seiner Knurrigkeit. Russell Crowe hingegen füllt jede seiner Szenen mit einer brodelnden Energie, die den Rest des Ensembles in den Schatten stellt.
Visuell zeigt der Film eine deutliche Zweiklassengesellschaft. Die praktischen Stunts, besonders eine Verfolgungsjagd durch Londoner Straßen, entwickeln echte Dynamik und körperliche Wucht. Sobald aber der Computer übernimmt, schwankt die Qualität erheblich. Computeranimierte Doubles bei Parkourszenen an Hauswänden stören den Fluss, und die digitalen Tiere zeigen ein ungleichmäßiges Niveau. Die Actionszenen selbst sind ungewöhnlich brutal für einen Marvel-nahen Film, bleiben aber zu selten und zu kurz, um den langatmigen Mittelteil aufzuwiegen. Der tierische Aspekt der Figur, ihre Kommunikation mit Tieren, ihre verschärften Sinne, bleibt dramaturgisch weitgehend ungenutzt – eine verpasste Möglichkeit zur Differenzierung.
Für Fans des Genres, die mit den Figuren aus den Comics vertraut sind, hält der Film zumindest im Finale einen stimmigen Augenblick bereit. Die Schlussszene, Weste, Stuhl, Spiegel, besitzt eine ikonische Qualität, die man sich früher im Film gewünscht hätte. Wer Antiheldenfilme mit brutalem Einschlag sucht und mit Erzählschwächen umgehen kann, findet hier ein leidlich unterhaltsames, aber strukturell enttäuschendes Werk.