Die versunkene Stadt Z
Es gibt Filme, die sich dem Rhythmus ihrer Epoche entziehen und stattdessen eine eigene Zeitrechnung behaupten. James Grays „Die versunkene Stadt Z“ gehört zweifellos in diese Kategorie. Der Regisseur verweigert sich dem Takt moderner Blockbuster und folgt stattdessen der Obsession eines Mannes, der im Dschungel mehr als nur Geografie suchte. Celluloid statt digitaler Sensoren, Originalschauplätze statt Greenscreen. Das Ergebnis ist ein Abenteuerfilm, der nach Schweiß, Feuchtigkeit und verblasster Ehre riecht.

| Dauer: | 140 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2017 |
| Kategorien: | Abenteuer |
| Regie: | James Gray |
| Produzenten: | Anthony Katagas, Dede Gardner, Dale Armin Johnson, James Gray, Jeremy Kleiner |
| Hauptdarsteller: | Charlie Hunnam, Robert Pattinson, Sienna Miller |
| Nebendarsteller: | Tom Holland, Angus Macfadyen, Edward Ashley, Clive Francis |
| Studio: | Northern Ireland Screen, Plan B Entertainment, Sierra/Affinity, MICA Entertainment, MadRiver Pictures, Keep Your Head Productions |
Percy Fawcett, der reale Forscher, starb 1925 irgendwo zwischen den Flüssen Brasiliens. Seine Geschichte hat Generationen von Schriftstellern und Abenteurern beschäftigt. Gray nähert sich dem Stoff mit einer Ruhe, die in ihrer Kompromisslosigkeit beinahe anachronistisch wirkt. Der Film verzichtet auf laute Effekte und setzt auf das, was zwischen den Figuren schwelt. Wie kann eine 141-minütige Reise in den Regenwald so still und gleichzeitig so fiebrig sein?
Besetzung, Regie und Drehorte
Regie und Drehbuch zu „Die versunkene Stadt Z“ stammen beide von James Gray, der den Stoff aus David Granns Sachbuch von 2009 adaptierte. Die Produktion verantworteten unter anderem Dede Gardner, Anthony Katagas und Jeremy Kleiner, wobei Brad Pitt als Executive Producer im Hintergrund wirkte. Die Kamera führte Darius Khondji, der zuvor für seine Arbeit an „Sieben“ international bekannt wurde. Christopher Spelman komponierte die Filmmusik und griff zusätzlich auf klassische Stücke von Strawinsky, Ravel und Beethoven zurück. Für den Schnitt zeichneten John Axelrad und Lee Haugen verantwortlich.
In der Hauptrolle des Percy Fawcett ist Charlie Hunnam zu sehen, der ursprünglich vorgesehene Brad Pitt hatte die Rolle abgegeben. Robert Pattinson verkörpert den Assistenten Henry Costin, nahezu unkenntlich unter einem dichten Vollbart. Sienna Miller übernimmt die Rolle der Ehefrau Nina Fawcett, während Tom Holland den erwachsenen Sohn Jack spielt. Weitere Rollen besetzen Angus Macfadyen als Mitstreiter Murray, Ian McDiarmid als Sir George Goldie sowie Franco Nero als Baron De Gondoriz. Edward Ashley und Pedro Coello ergänzen das Ensemble.
Die Dreharbeiten begannen am 19. August 2015 in Belfast und führten das Team später in die kolumbianische Sierra Nevada de Santa Marta sowie an den Rio Don Diego. Der Film feierte seine Premiere am 15. Oktober 2016 beim New York Film Festival. In Deutschland ist er ab zwölf Jahren freigegeben und lief am 30. März 2017 in den Kinos an. Bei den International Cinephile Society Awards wurde er als bester Film des Jahres 2016 ausgezeichnet.
Handlung & Inhalt vom Film „Die versunkene Stadt Z“
London, im Jahre 1906. Die Royal Geographical Society wird gebeten, in einem schwelenden Grenzkonflikt zwischen Brasilien und Bolivien zu vermitteln. Für diese heikle Aufgabe wählt sie Percival Harrison Fawcett aus, einen kartografisch geschulten Offizier von makelloser Disziplin. Seine Mission führt ihn in eine Region, die auf keiner Karte vollständig verzeichnet ist. Begleitet wird er von seinem Assistenten Henry Costin und einer kleinen Truppe ortskundiger Helfer. Der britische Aristokratensohn verabschiedet sich von seiner Frau Nina und dem kleinen Sohn Jack. Was als nüchterner Vermessungsauftrag beginnt, verwandelt sich bald in eine existenzielle Reise ins Ungewisse.
Während der mehrjährigen Expedition stößt Fawcett auf Tonscherben und Artefakte, die er einer untergegangenen Zivilisation zuordnet. Ein indigener Häuptling erzählt ihm von einer verborgenen Stadt im Dickicht. Fawcett ist elektrisiert und gibt diesem mutmaßlichen Ort den Namen „Z“. Zurück in London präsentiert er seine Funde vor der versammelten Fachwelt und wird zunächst als Entdecker gefeiert. Die etablierten Geografen reagieren jedoch mit Spott und Häme auf seine Thesen. Fawcett gelingt es dennoch, eine eigene Expedition zu organisieren. Der mitreisende Finanzier Murray ist den Strapazen des Dschungels nicht gewachsen und verliert schließlich den Verstand.
Zwischen Fronten und Fieberträumen
Die gescheiterte Unternehmung hinterlässt Fawcett gezeichnet, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs reißt ihn aus seinen Plänen. Er kehrt in den aktiven Militärdienst zurück und erlebt die Hölle der Schützengräben. Nach dem Krieg zieht er sich mit seiner Familie ins Private zurück und altert sichtbar. Jahre später melden sich amerikanische Journalisten mit einem verlockenden Angebot bei ihm. Ein Konsortium von Zeitungsverlagen will eine weitere Expedition finanzieren. Fawcett zögert lange, bevor er zusagt. Sein inzwischen erwachsener Sohn Jack besteht darauf, ihn zu begleiten.
Im Jahre 1925 brechen Vater und Sohn gemeinsam nach Südamerika auf. Die Expedition führt sie tiefer in den Regenwald als jede zuvor. Unterwegs begegnen sie verschiedenen indigenen Gruppen mit wechselnder Gastfreundschaft. Schließlich geraten die beiden zwischen die Fronten einer kriegerischen Auseinandersetzung rivalisierender Stämme. Die siegreiche Kriegspartei verschleppt sie in ein abgelegenes Lager. Dort erwartet sie eine nächtliche Zeremonie, deren Bedeutung ihnen verborgen bleibt.
Während dieser Zeremonie werden Percy und Jack mit bewusstseinsverändernden Substanzen betäubt. Die Bilder verschwimmen, die Grenzen zwischen Wachen und Träumen lösen sich auf. Danach verliert sich jede Spur der beiden Männer im Dickicht. Keine Nachricht erreicht mehr die Heimat, keine Leiche wird je gefunden. In England wartet Nina vergeblich auf ein Lebenszeichen ihres Mannes und ihres Sohnes. Ihre letzte Reise bleibt bis heute eines der großen ungelösten Rätsel der Forschungsgeschichte.
Filmkritik und Fazit zum Film „Die versunkene Stadt Z“
James Gray erzählt in „Die versunkene Stadt Z“ gegen den Strom moderner Sehgewohnheiten. Die Kamera von Darius Khondji arbeitet mit natürlichem Licht und bewahrt dadurch eine körnige, fast haptische Qualität. Der Dschungel wirkt nie wie Kulisse, sondern wie eine eigenständige Figur. Besonders eindrücklich ist die eröffnende Hirschjagd, in der Gray binnen Minuten Fawcetts gesellschaftliche Stellung und seinen inneren Antrieb etabliert. Auch die kurze Schlachtensequenz aus dem Ersten Weltkrieg setzt sich als Fremdkörper im Abenteuerfilm ins Gedächtnis. Charlie Hunnam verleiht dem Forscher eine zurückgenommene Würde, die jede fiebrige Manier verweigert.
Das Tempo des Films fordert Geduld und belohnt sie mit atmosphärischer Dichte. Christopher Spelmans Musik flicht klassische Motive in die dschungelnahen Klanglandschaften und verstärkt die melancholische Grundierung. Gray inszeniert das Unerforschte mit feuilletonistischem Ernst, nicht mit exotistischem Schauder. Schwächen zeigt das Drehbuch in der Figurenzeichnung: Sienna Millers Nina bleibt trotz starker Einzelszenen unterbelichtet, und auch Costin verschwindet zuweilen hinter seinem Bart. Dennoch gelingen gerade die familiären Szenen zwischen Vater und Sohn mit bemerkenswerter Zurückhaltung. Das offene Ende ist kein dramaturgischer Defekt, sondern eine konsequente Haltung.
Der Film ist ein Abenteuerkino, das sich seiner eigenen Tradition bewusst ist und sie selbstsicher fortschreibt. Wer bereit ist, sich auf das gemessene Tempo einzulassen, erhält ein seltenes Stück Filmkunst. Liebhaber klassischer Historien- und Entdeckerdramen finden hier ihr Terrain, während Anhänger spektakulärer Effekte womöglich ungeduldig werden. Der Mut zum analogen Bild zahlt sich aus. Grays Werk ist eine Einladung, im Dickicht selbst zum Beobachter zu werden.