Barton Fink

Hollywood hat sich selbst stets gern porträtiert, zumeist als goldenen Käfig, in dem das Talent zugrunde geht. Die Coen-Brüder fügen dieser Galerie mit „Barton Fink“ 1991 ein Stück hinzu, das sich keiner Schublade fügt. Der Film wurde in Cannes mit allen drei Hauptpreisen bedacht, eine Konstellation, die das Festival danach sogar reglementieren ließ. Seine Wucht entzieht sich dennoch jeder Preistrophäe. Sie entsteht aus Reibung, aus der Kollision von Idealismus und Industrie.

Barton Fink
Dauer: 116 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 1991
Kategorien: Komödie, Thriller
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Produzenten: Ethan Coen
Hauptdarsteller: John Turturro, John Goodman, Judy Davis
Nebendarsteller: Michael Lerner, John Mahoney, Tony Shalhoub, Jon Polito
Studio: Working Title Films, Circle Films

Zwischen Broadway-Pathos und Hollywood-Kalkül entfaltet sich eine unbehagliche Studie über den schreibenden Menschen. Das Hotel Earle wird dabei zum Echoraum des Scheiterns, zur klaustrophobischen Bühne eines inneren Zusammenbruchs. Roger Deakins fängt diese Räume in einer Bildsprache ein, die von Zerfall und Schweiß durchdrungen ist. Carter Burwells spärliche Partitur verstärkt die Leere, anstatt sie zu füllen. Wer den Film zu entschlüsseln versucht, wird bald merken, dass die Rätsel Teil des Designs sind. Lässt sich ein solches Werk überhaupt mit herkömmlichen Maßstäben beurteilen?

Besetzung, Regie und Drehorte

Joel und Ethan Coen führten bei „Barton Fink“ nicht nur gemeinsam Regie, sondern verantworteten auch Drehbuch, Produktion und Schnitt. Für den Schnitt firmierten sie unter dem Pseudonym Roderick Jaynes. Die Kamera übernahm Roger Deakins, der hier erstmals mit den Brüdern zusammenarbeitete. Die Musik stammt von Carter Burwell, dem langjährigen Stammkomponisten der Coens. Ethan Coen fungierte offiziell als Produzent. Die Dreharbeiten begannen im Juni 1990 und dauerten rund acht Wochen.

In der Titelrolle ist John Turturro zu sehen, für den das Drehbuch eigens geschrieben wurde. John Goodman verkörpert den Versicherungsvertreter Charlie Meadows mit verstörender Doppelbödigkeit. Michael Lerner gibt den Studioboss Jack Lipnick, Judy Davis die Sekretärin Audrey Taylor. John Mahoney spielt den alkoholkranken Schriftsteller W. P. Mayhew, Tony Shalhoub den Produzenten Ben Geisler. In Nebenrollen treten Steve Buscemi als Hotelpage und Jon Polito als Lipnicks Adlatus in Erscheinung.

Die Produktion kostete etwa neun Millionen US-Dollar, spielte aber nur sechs Millionen ein. Der Film hat eine Laufzeit von 116 Minuten und trägt in Deutschland eine Freigabe ab 16 Jahren. In Cannes 1991 gewann er die Goldene Palme, den Preis für die beste Regie sowie den Darstellerpreis für Turturro. Drei Oscar-Nominierungen folgten.

Handlung & Inhalt vom Film „Barton Fink“

New York, 1941. Der junge Dramatiker Barton Fink feiert mit einem Stück über das Milieu der einfachen Leute einen Überraschungserfolg am Broadway. Daraufhin lockt ihn ein lukratives Angebot des Hollywood-Studios Capitol Pictures widerwillig an die Westküste. Dort bezieht er schließlich ein Zimmer im heruntergekommenen Hotel Earle, das wie ausgestorben wirkt. Nur der unterirdisch auftauchende Hotelpage Chet und ein greisenhafter Liftführer scheinen das Haus überhaupt zu beleben. Studioboss Jack Lipnick empfängt ihn dagegen überschwänglich und beauftragt ihn mit dem Drehbuch zu einem billigen Catcher-Film. Finks erste Begegnung mit seinem Zimmernachbarn Charlie Meadows, einem gutmütigen Versicherungsvertreter, führt dabei zu einer zaghaften Freundschaft. Währenddessen lösen sich die Tapeten schmatzend von den Wänden, und zudem plagen Moskitos den Autor.

Auf der Herrentoilette des Studios lernt Fink anschließend den einst gefeierten Autor W. P. Mayhew kennen. Eine Einladung in dessen Bungalow führt ihn schließlich zu Audrey Taylor, Mayhews Geliebter und Assistentin. Mayhew selbst entpuppt sich jedoch als zynischer Alkoholiker, der seine Sekretärin ohrfeigt und seine Werke längst nicht mehr selbst verfasst. Gleichzeitig setzt der Produzent Ben Geisler Fink unter Druck: Das Exposé müsse bereits am nächsten Morgen stehen. In seiner Verzweiflung ruft der Autor deshalb Audrey an, die ihm schließlich nächtlich Beistand leistet. Dabei offenbart sie ihm, dass sie die eigentliche Autorin hinter Mayhews Ruhm sei. Anschließend verbringen beide die Nacht miteinander.

Der Kopf in der Schachtel

Am Morgen erwacht Fink jedoch neben Audreys blutüberströmter Leiche. Charlie Meadows erscheint daraufhin auf sein Schreien hin, hindert ihn an einem Anruf bei der Polizei und verspricht zugleich, alles zu regeln. Wenig später verabschiedet sich Charlie schließlich in Richtung New York und hinterlässt dem verstörten Autor eine Pappschachtel, in der sich angeblich alles befinde, was ihm etwas bedeute. Kurz darauf suchen zwei Kriminalbeamte mit den sprechenden Namen Mastrionotti und Deutsch Fink heim. Sie offenbaren ihm schließlich, dass sein Nachbar in Wahrheit der Serienmörder Carl „Madman“ Mundt sei, der seine Opfer enthauptet. Damit ist Fink wieder allein mit seinem leeren Blatt.

Unter dem Blick der Frau auf dem Strandfoto und mit der Schachtel vor sich schreibt Fink daraufhin das Drehbuch in einem Zug herunter. Anschließend feiert er auf einer Tanzveranstaltung der USO ausgelassen das Ende seiner Schreibhemmung. Zurück im Hotel trifft er jedoch erneut auf die beiden Polizisten, die ihn nun der Mittäterschaft beschuldigen. Plötzlich steht der Flur in Flammen. Am Ende des langen Korridors erscheint schließlich Mundt mit einer Schrotflinte, erschießt beide Beamte und befreit Fink anschließend aus seinen Fesseln. Der Mörder rechtfertigt sich dabei als Erlöser seiner Opfer und verschwindet danach in sein brennendes Zimmer.

Lipnick empfängt Fink schließlich ein letztes Mal, nun allerdings in einer Phantasie-Uniform. Das Drehbuch sei kalter Kaffee, der Autor bleibe zwar unter Vertrag, seine Arbeit werde jedoch niemals produziert. Daraufhin versucht Fink vergeblich, seine Familie in New York telefonisch zu erreichen. Schließlich geht er an den Strand, während die rätselhafte Schachtel weiterhin an seiner Seite bleibt. Dort nähert sich ihm eine Frau im Badeanzug und fragt nach dem Inhalt des Pakets. Fink antwortet jedoch, er wisse es nicht. Anschließend setzt sie sich in den Sand und nimmt dabei exakt die Pose der Frau aus seinem Hotelzimmerbild ein.

Filmkritik und Fazit zum Film „Barton Fink“

Was „Barton Fink“ so hartnäckig im Gedächtnis bleiben lässt, ist die Präzision seiner Inszenierung. Roger Deakins verleiht dem Hotel Earle eine fiebrige Physiognomie: Die gelblich-grünen Tapeten schwitzen, die Flure dehnen sich ins Unendliche, das Licht trägt stets die Farbe verstopfter Poren. Carter Burwells Musik arbeitet mit hohen, insektenartigen Streicherfiguren, die sich mit dem Summen der Moskitos verschränken. Turturro spielt den Titelhelden zwischen pathetischer Selbstgefälligkeit und panischer Taubheit. Goodman wiederum gelingt eine Doppelnatur, die aus Gemütlichkeit und apokalyptischer Drohung eine einzige Figur formt.

Der Rhythmus des Films ist langsam, fast meditativ, und kippt erst spät in puren Schrecken. Gerade diese Verzögerung verleiht der Feuerszene im Hotelflur ihre infernalische Wucht, weil das brennende Haus zuvor nur als schwüle Ahnung existierte. Der schwarze Humor arbeitet mit Absurdität statt mit Pointen, etwa wenn Lipnick seinem Schützling theatralisch die Schuhe küsst. Manche Zuschauer werden die bewusst offen gelassenen Rätsel als Koketterie empfinden. Die Coens verweigern Deutungshoheit, doch sie verweigern keine Bedeutung. Diese Differenz trägt den Film.

Wer sich auf die Unschärfe einlässt, findet einen der klügsten Filme über kreative Ohnmacht. Der Thriller-Anteil in dem Film bleibt verhalten, die Komik ist schwärzer als pechschwarz, das Horror-Element arbeitet mit Atmosphäre statt mit Schockmomenten. Für Liebhaber konventioneller Genre-Dramaturgie ist das wenig. Wer jedoch Filme schätzt, die sich wie Fieberträume ins Gedächtnis schleichen, erhält hier ein Werk von bleibender Wirkung.

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