Solaris
Es gibt Filme, die wir betrachten – und es gibt Filme, die uns betrachten. Andrei Tarkowskis „Solaris“ gehört zur zweiten Sorte. Der Regisseur verlegt seine Erkundung des Unheimlichen nicht in die Weite des Alls, sondern in die geschlossenen Kammern menschlicher Erinnerung. Was als Science-Fiction-Film angekündigt wird, entpuppt sich rasch als meditative Versuchsanordnung. Der Weltraum ist hier kein Schauplatz technischer Eroberung. Er ist ein Resonanzraum für alles, was der Mensch verdrängt zu haben glaubte.

| Dauer: | 167 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 1972 |
| Kategorien: | Romantik, Science-Fiction |
| Regie: | Andrei Tarkowski |
| Hauptdarsteller: | Наталья Бондарчук, Donatas Banionis, Jüri Järvet |
| Nebendarsteller: | Владислав Дворжецкий, Mykola Hrynko, Анатолий Солоницын, Ольга Барнет |
| Studio: | Unit Four, Creative Unit of Writers & Cinema Workers, Mosfilm |
Verfilmt nach dem Roman des polnischen Autors Stanisław Lem, weicht Tarkowski bewusst von der literarischen Vorlage ab. Wo Lem die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis vermisst, interessiert sich der Regisseur für die Topografie des Schmerzes. Die Raumstation über dem geheimnisvollen Ozeanplaneten wird zur Bühne einer existenziellen Befragung. Drei Wissenschaftler haben sich dort eingerichtet wie in einem Mausoleum ihrer eigenen Vergangenheit. Was geschieht mit dem Verstand, wenn die Toten zurückkehren – und sich nicht mehr fortschicken lassen?
Besetzung, Regie und Drehorte
Die Regie übernahm Andrei Tarkowski, der das Drehbuch gemeinsam mit Friedrich Gorenstein verfasste. Es war sein erster Farbfilm, gedreht mit einem Budget von 900.000 Rubel. Hinter der Kamera stand Wadim Jussow, mit dem Tarkowski bereits zuvor gearbeitet hatte; die Zusammenarbeit endete nach diesem Projekt. Den Schnitt verantworteten Ljudmila Feiginowa und Nina Marcus. Die Musik komponierte Eduard Artemjew, ergänzt durch Bachs Choralvorspiel „Ich ruf‘ zu dir, Herr Jesu Christ“. Die Produktion lag bei Wjatscheslaw Tarassow.
Die Hauptrolle des Psychologen Kris Kelvin spielt der litauische Schauspieler Donatas Banionis. Ihm zur Seite steht Natalja Bondartschuk als Hari, die Tarkowski nach langem Auswahlprozess der ursprünglich vorgesehenen Bibi Andersson vorzog. Jüri Järvet verkörpert den Kybernetiker Snaut, Anatoli Solonizyn den verschlossenen Sartorius. Wladislaw Dworschezki tritt als Pilot Berton auf. Nikolai Grinko und Olga Barnet spielen Kelvins Eltern. Sos Sargsjan ergänzt das Ensemble in der Rolle des Gibarjan.
Der Film läuft über 167 Minuten und ist in Deutschland ab zwölf Jahren freigegeben. Die Innenaufnahmen entstanden in den Mosfilm-Studios, die Großstadtszenen mit Bertons Autofahrt wurden in Tokio gedreht. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1972 erhielt das Werk den Großen Preis der Jury sowie den FIPRESCI-Preis. Eine deutsche Synchronfassung der ARD existiert seit 1979, eine zweite der DEFA seit 1989.
Handlung & Inhalt vom Film „Solaris“
Der Psychologe Kris Kelvin steht vor einer ungewöhnlichen Mission. Er soll auf einer Raumstation evaluieren, ob die Erforschung des fernen Planeten Solaris fortgeführt werden soll. Bevor er die Erde verlässt, besucht er seinen Vater auf dem Land. Dort trifft er den ehemaligen Piloten Berton, der Jahre zuvor selbst auf Solaris war. Dessen Schilderungen muten phantastisch an: Er will menschliche Gestalten auf der Oberfläche des gasförmigen Ozeans gesehen haben. Eine Untersuchungskommission hatte seine Berichte einst als Halluzinationen verworfen. Kelvin reagiert skeptisch und reist dennoch ab. Die Erde, in warmen Erdtönen gefilmt, erscheint als Welt der Wurzeln und Erinnerungen.
Auf der Station angekommen, findet Kelvin verwüstete Korridore und desorientierte Bewohner vor. Sein Freund Gibarjan hat sich das Leben genommen und hinterlässt nur eine kryptische Videobotschaft. Die verbliebenen Wissenschaftler Snaut und Sartorius geben sich verschlossen und ausweichend. Durch die Gänge huschen Gestalten, die nicht zur Besatzung gehören. Kelvin sieht ein kleines Mädchen, einen Kleinwüchsigen, schemenhafte Erscheinungen. Snaut deutet vage an, dass nach Strahlungsexperimenten am Ozean etwas geschehen sei. Was es genau sei, vermag oder will keiner der beiden zu sagen. Kelvin legt sich erschöpft schlafen.
Wenn die Toten zurückkehren
Beim Erwachen sitzt plötzlich eine Frau in seiner Kajüte: Hari, seine vor zehn Jahren durch Suizid gestorbene Ehefrau. Verstört schickt Kelvin diese erste Erscheinung deshalb mit einer Rakete ins All. Doch bereits in der nächsten Nacht kehrt sie zurück. Daraufhin klären Sartorius und Snaut ihn auf: Solaris materialisiert die Erinnerungen seiner Bewohner. Diese „Gäste“ bestehen zwar nicht aus Atomen, sondern aus Neutrinos, sind aber kaum von echten Menschen zu unterscheiden. Als Hari sich verletzt, heilen ihre Wunden direkt vor Kelvins Augen. Allmählich akzeptiert er deshalb ihre Anwesenheit. Gleichzeitig beginnt sie selbst zu ahnen, was sie wirklich ist.
Während einer Geburtstagsfeier eskaliert schließlich ein philosophischer Streit. Dabei konfrontiert Sartorius Hari brutal mit ihrer Künstlichkeit. Daraufhin trinkt sie flüssigen Sauerstoff, stirbt qualvoll und erwacht dennoch wenige Minuten später wieder. Diese Szene markiert einen Wendepunkt, denn Hari versteht nun, dass sie keine eigenständige Existenz besitzt. Kelvin erkrankt anschließend fiebrig und träumt von seiner Mutter. Als er wieder erwacht, ist Hari jedoch verschwunden. Sie hat Snaut und Sartorius gebeten, sie mithilfe eines Annihilators endgültig aufzulösen. Währenddessen beginnen sich auf der Oberfläche des Planeten Inseln zu formen.
Die Forscher haben inzwischen Kelvins Hirnstrommuster auf den Ozean projiziert. Darauf scheint der Planet zu antworten. Während die Erscheinungen verschwinden, entsteht etwas Neues in der gewaltigen Substanz unter der Station. Kelvin steht deshalb vor der Frage, ob er zur Erde zurückkehren oder auf Solaris bleiben soll. Die letzte Sequenz zeigt ihn schließlich vor dem elterlichen Haus, das er einst verließ. Er kniet nieder, während sein Vater ihn umarmt. Erst die langsam zurückgleitende Kamera offenbart jedoch die Wahrheit: Das Haus treibt als Insel auf dem Ozean von Solaris. Damit sind Heimkehr und Halluzination endgültig ununterscheidbar geworden.
Filmkritik und Fazit zum Film „Solaris“
Tarkowskis „Solaris“ begegnet dem Genre mit einer Verweigerungshaltung, die sich erst rückblickend als Stärke erschließt. Statt technischer Wunderwerke bietet die Inszenierung lange Einstellungen auf Wasserpflanzen, Regen, leere Korridore. Wadim Jussows Kamera arbeitet mit kontemplativen Fahrten und meditativen Bildkompositionen, die Bruegels Wintergemälde zitieren. Eduard Artemjews elektronische Klänge stehen in feinem Kontrapunkt zu Bachs Choralvorspiel. Donatas Banionis spielt den Psychologen mit verhaltener Präzision, während Natalja Bondartschuk in der Rolle der Hari eine schmerzhafte Unschärfe zwischen Mensch und Materialisation gelingt.
Das Tempo ist fordernd, mitunter zermürbend. Wer Spannungsbögen im klassischen Sinn erwartet, wird sich in den ausgedehnten Erdsequenzen verlieren. Doch genau hier entfaltet der Film seine Wirkung: in der Geduld, mit der er sich der inneren Geographie seiner Figuren widmet. Die Raumstation wirkt nicht futuristisch, sondern abgenutzt, fast verbraucht. Mikhail Romadins Setdesign verzichtet auf Hochglanz. Nicht jede Bildidee trägt – manche Sequenzen ziehen sich, manche philosophischen Dialoge wirken bemüht. Die Tiefe entschädigt für die Längen.
Wer im Science-Fiction-Kino mehr sucht als Spektakel, findet hier ein Werk von seltener Dichte. Tarkowski stellt die Frage nach dem Selbst dort, wo man am wenigsten mit ihr rechnet: in der Schwerelosigkeit. Genre-Liebhaber, die sich auf langsame Bilder einlassen können, werden belohnt. Der Film fordert Aufmerksamkeit, doch er gibt mehr zurück, als er verlangt. Ein melancholisches Requiem an das menschliche Gedächtnis.