His House

Manche Häuser sind mehr als nur vier Wände. Sie werden zur Projektionsfläche für alles, was ihre Bewohner mitbringen. Remi Weekes hat mit „His House“ einen Film gedreht, der diese Erkenntnis mit ungewöhnlicher Härte verhandelt. Das Regiedebüt verschneidet Flüchtlingsdrama und Spukhaus-Horror zu einer eigentümlichen, morbiden Erzählung. Dabei entsteht keine bloße Genre-Übung, sondern eine präzise Studie über Schuld und Heimatlosigkeit. Der britische Beitrag wurde 2020 auf dem Sundance Film Festival uraufgeführt.

His House
Dauer: 93 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2020
Kategorien: Drama, Horror
Regie: Remi Weekes
Produzenten: Martin Gentles, Aidan Elliott, Arnon Milchan, Edward King, Roy Lee
Hauptdarsteller: Ṣọpẹ́ Dìrísù, Wunmi Mosaku, Malaika Wakoli-Abigaba
Nebendarsteller: Matt Smith, Javier Botet, Yvonne Campbell, Vivienne Soan
Studio: New Regency Pictures, BBC Film, Starchild Pictures, Vertigo Entertainment

Seit Oktober 2020 steht der Film weltweit bei Netflix zum Abruf bereit. Weekes arbeitet mit einem überschaubaren Personal und einem einzigen Hauptschauplatz. Diese Reduktion ist kein Mangel, sondern erklärtes Prinzip. Das zugewiesene Reihenhaus in einem tristen Londoner Vorort wird zum Verhörraum der Seele. Zwischen abblätternder Tapete und brummender Leuchtstoffröhre verhandelt der Film, was Ankommen eigentlich bedeutet. Kann ein Haus jemals wirklich zum eigenen werden, wenn die Toten in den Wänden wohnen?

Besetzung, Regie und Drehorte

Bei „His House“ handelt es sich um eine britische Produktion aus dem Jahr 2020. Die Regie übernahm Remi Weekes, der damit sein Langfilmdebüt vorlegte. Das Drehbuch verfasste er gemeinsam mit Felicity Evans und Toby Venables. Produziert wurde der Film von Aidan Elliott, Ed King, Martin Gentles, Roy Lee und Arnon Milchan. Die Finanzierung und Produktionsleitung lagen bei Regency Enterprises, BBC Films und Vertigo Entertainment. Für die Kamera zeichnete Jo Willems verantwortlich, für den Schnitt Julia Bloch. Die Filmmusik komponierte Roque Baños.

In den Hauptrollen sind Sope Dirisu als Bol Majur und Wunmi Mosaku als Rial Majur zu sehen. Die kleine Nyagak wird von Malaika Wakoli-Abigaba verkörpert. Matt Smith übernimmt die Rolle des zuständigen Sachbearbeiters Mark Essworth. Javier Botet spielt die unheimliche Gestalt der Hexe. In weiteren Rollen treten Yvonne Campbell, Kevin Layne, Maureen Casey und Emily Taaffe auf. Die deutsche Synchronisation entstand unter Dialogregie von Christian Schneider für Interopa Film. Gillord Pisas leiht Dirisu seine Stimme, Lara-Sophie Milagro spricht die Rolle der Rial.

Der Film hat eine Laufzeit von 93 Minuten. Bei den British Independent Film Awards 2020 gewann er gleich vier Preise, darunter Beste Regie und Beste Schauspielerin. Weekes wurde bei den BAFTA Film Awards 2021 für die Beste Nachwuchsleistung ausgezeichnet. Zudem gab es Nominierungen bei den NAACP Image Awards und den Critics‘ Choice Super Awards. Insgesamt sammelte der Film über zwanzig Nominierungen auf internationalen Festivals.

Handlung & Inhalt vom Film „His House“

Bol und Rial Majur fliehen mit ihrer kleinen Tochter Nyagak aus dem kriegsgebeutelten Südsudan. Gemeinsam mit anderen Geflüchteten drängen sie sich auf einem überfüllten Motorboot. Die Überfahrt nach Europa fordert ein hohes Opfer. Nyagak und viele andere überleben die Reise nicht. In Großbritannien angekommen, wird dem Paar Asyl auf Probe gewährt. Die Behörden weisen den beiden ein heruntergekommenes Haus in einer tristen Vorortsiedlung zu. Ihr Sachbearbeiter Mark Essworth mahnt zur Dankbarkeit. Die Nachbarschaft reagiert mit offenem Rassismus, mal zischend, mal brüllend.

Bol stürzt sich in die Anpassung mit einem fast verzweifelten Eifer. Er singt Fußballlieder, wechselt die Kleidung und bittet seine Frau, Besteck statt der Hände zu benutzen. Rial hingegen hält an ihrer Herkunft fest. Sie trägt die Halskette der toten Tochter, kleidet sich farbenfroh und isst am Boden sitzend. Zwischen den Eheleuten öffnet sich ein stiller Graben. Beide aber hören bald dieselben Geräusche hinter den Wänden. Visionen der verstorbenen Nyagak und eines mysteriösen Mannes flackern durch das Haus. Gestalten verschwinden in Putz und Ritzen, als wären die Wände durchlässig geworden.

Zwischen Geisterhaus und Gewissen

Rial erkennt die Erscheinung schließlich als Apeth, einen Hexengeist aus ihrer Heimat. Daraufhin erzählt sie Bol die Legende eines armen Mannes, der einen Apeth am Fluss bestohlen habe. Der Geist sei anschließend mit ihm in sein neues Haus gezogen. Nun, so Rial, verfolge ein solches Wesen auch sie. Dabei könne nur die Begleichung einer Schuld Nyagak zurückbringen. Bol lehnt diese Deutung zunächst ab und verbrennt deshalb alle mitgebrachten Habseligkeiten. Doch das Grauen bleibt. Daraufhin reißt er Wände auf, hackt in die Tapete und richtet dabei verheerenden Schaden im Haus an.

Bol kann Mark jedoch nicht davon überzeugen, dem Paar eine andere Unterkunft zuzuweisen. Als er den Apeth schließlich selbst herbeiruft, bezeichnet ihn der Geist als Dieb. Denn Bol habe ein Leben gestohlen, das ihm nicht zustehe. Der Handel lautet deshalb: sein eigenes Leben gegen das der toten Tochter. Bol verweigert jedoch den Tausch und verfällt daraufhin in einen Zustand kurzzeitiger Katatonie. Rial flieht aus dem Haus, findet sich aber plötzlich und unerklärlich im Südsudan wieder. Dort begegnet sie schließlich Toten, die einem Massaker zum Opfer fielen.

Eine Rückblende enthüllt schließlich die wahre Geschichte der Flucht. Denn ein Bus nimmt ausschließlich Familien mit Kindern auf. In seiner Verzweiflung entreißt Bol deshalb einer fremden Mutter deren kleine Tochter und gibt Nyagak anschließend als das eigene Kind aus. Doch das Mädchen ertrinkt wenig später bei der Überfahrt. Bol erkennt daraufhin seine Schuld, kehrt ins Haus zurück und lässt den Apeth schließlich in seine Haut. In diesem Moment erscheint das Kind und läuft zu Rial. Daraufhin durchschneidet sie dem Geist die Kehle und rettet damit ihren Mann. Als Mark später das Haus inspiziert, findet er es repariert vor. Denn das Paar hat sich entschieden, dort zu bleiben.

Filmkritik und Fazit zum Film „His House“

Remi Weekes gelingt mit „His House“ ein seltenes Kunststück. Er verhandelt politische Dringlichkeit, ohne das Horrorgenre zum bloßen Transportmittel zu degradieren. Die Inszenierung folgt einer klaren Logik der Verdichtung. Kamerafrau Jo Willems fängt das enge Reihenhaus in kalten Blautönen und engen Brennweiten ein, sodass der Raum selbst zur klaustrophobischen Figur wird. Sope Dirisu und Wunmi Mosaku spielen ihre zerrissenen Figuren mit einer fast physischen Erschöpfung. Besonders Mosakus stille Wut in der Supermarktszene bleibt lange im Gedächtnis haften. Dirisu wiederum zeigt den Schmerz des Mitläufers mit verstörender Präzision.

Das Sounddesign ist die eigentliche Waffe dieses Films. Ein Knacken im Mauerwerk, ein Flüstern hinter der Heizung, ein Atmen unter den Dielen – Weekes arbeitet mit akustischen Miniaturen, bevor er den Schrecken überhaupt zeigt. Die Musik von Roque Baños bleibt dabei klug zurückgenommen. Problematisch wird es erst, wenn der Regisseur seine Symbolik zu explizit auswalzt und den Apeth schließlich als sichtbares CGI-Wesen inszeniert. Die Kreatur wirkt dann eher gummiartig als bedrohlich. Der Film hätte seinen psychologischen Druck auch ohne diese Konkretisierung gehalten. An anderer Stelle gleicht Weekes das mit der traumartigen Vermischung von Südsudan und Londoner Vorort aus, die zu den stärksten Momenten zählt.

Das Finale verzichtet auf einfache Erlösung. Stattdessen formuliert Weekes einen der bemerkenswertesten Schlusssätze des jüngeren Genrekinos. Die Toten reisen mit, sie müssen nicht ausgetrieben, sondern beherbergt werden. Für Freunde des psychologisch grundierten Horrors ist der Film eine klare Empfehlung. Wer reinen Jumpscare-Schrecken sucht, wird mit dem sozialen Unterbau womöglich fremdeln. Gerade darin aber liegt die Stärke dieses Debüts.

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