There Will Be Blood
Es gibt Filme, die sich ihrer Gegenwart entziehen, um sie umso schärfer zu treffen. Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ aus dem Jahr 2007 ist ein solches Werk. Angesiedelt an der Schwelle zur amerikanischen Moderne, erzählt es vom Aufstieg eines Mannes, der aus dem Boden holt, was das neue Jahrhundert antreibt. Der Regisseur bricht mit seinen eigenen Vorläufern. An die Stelle urbaner Ensembles tritt ein karger, erbarmungsloser Monolog der Landschaft.

| Dauer: | 158 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2007 |
| Kategorien: | Drama, Western |
| Regie: | Paul Thomas Anderson |
| Produzenten: | JoAnne Sellar, Paul Thomas Anderson, Daniel Lupi |
| Hauptdarsteller: | Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Kevin J. O'Connor |
| Nebendarsteller: | Ciarán Hinds, Dillon Freasier, Hope Elizabeth Reeves, Colleen Foy |
| Studio: | Paramount Vantage, Miramax, JoAnne Sellar Productions, Ghoulardi Film Company |
Zwischen Kammerspiel und Wüstenepos spannt Anderson einen Bogen, der sich jeder Genrezuordnung widersetzt. Das Drehbuch greift Motive aus Upton Sinclairs Roman „Oil!“ auf, entfernt sich jedoch deutlich von dessen sozialkritischem Gestus. Was bleibt, ist die Atmosphäre einer Gründerzeit, in der Öl, Glaube und Kapital zu einer beunruhigenden Legierung verschmelzen. Daniel Day-Lewis trägt das Werk fast im Alleingang. Seine Verkörperung des Ölmannes Daniel Plainview ist Studienobjekt und dramatischer Motor zugleich. Lässt sich ein Film über Gier noch radikaler denken als dieser?
Besetzung, Regie und Drehorte
Regie und Drehbuch verantwortet Paul Thomas Anderson, der zudem als Produzent fungiert. Für die Kamera zeichnet Robert Elswit verantwortlich, sein langjähriger Weggefährte. Den Schnitt besorgt Dylan Tichenor mit einem Rhythmus, der den meditativen Passagen ebenso gerecht wird wie den abrupten Ausbrüchen. Die Filmmusik stammt von Jonny Greenwood, dem Gitarristen der britischen Band Radiohead. Produziert wurde „There Will Be Blood“ von Paramount Vantage und Miramax, mit einem Budget von etwa 25 Millionen US-Dollar. Gedreht wurde überwiegend im texanischen Marfa.
In der Hauptrolle des Daniel Plainview agiert der britische Schauspieler Daniel Day-Lewis, dessen deutsche Synchronstimme Frank Glaubrecht leiht. Paul Dano verkörpert in Doppelrolle die Zwillingsbrüder Eli und Paul Sunday. Kevin J. O’Connor ist als vermeintlicher Halbbruder Henry zu sehen, Ciarán Hinds übernimmt die Rolle des Geschäftspartners Fletcher. Den jungen H.W. spielt Dillon Freasier. Russell Harvard erscheint als erwachsener H.W. im letzten Akt. Day-Lewis bereitete sich zwei Jahre lang auf die Rolle vor.
Mit einer Laufzeit von 158 Minuten und einer Altersfreigabe FSK 12 richtet sich das Werk an ein Publikum mit Ausdauer. Ausgezeichnet wurde der Film mit zwei Oscars, einem Golden Globe sowie zwei Silbernen Bären der Berlinale. Bei einer BBC-Umfrage zu den bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts belegte er 2016 den dritten Platz.
Handlung & Inhalt vom Film „There Will Be Blood“
Kalifornien im Jahr 1898. In einer abgelegenen Mine schürft Daniel Plainview allein nach Silber. Ein Sturz in den Schacht bricht ihm zwar das Bein, hält ihn aber nicht vom Weitermachen ab. Deshalb humpelt der Mann fortan durch sein Leben. Vier Jahre später ist er ins Ölgeschäft gewechselt, wo ihm mit einer Handvoll Arbeiter eine erfolgreiche Probebohrung in der Wüste gelingt. Als ein herabstürzender Holzbalken einen Mitarbeiter erschlägt, nimmt Plainview dessen Säugling an sich, zieht das Kind als eigenes auf und nennt es H.W.
Im Jahr 1911 ist Plainview als Ölunternehmer etabliert, wobei sein Alltag darin besteht, Kleingrundbesitzern ihr Land abzuluchsen. Dabei tritt er als vertrauenswürdiger Familienmensch auf. Eines Tages erscheint ein junger Mann namens Paul Sunday und verkauft ihm Informationen über reiche Ölvorkommen auf der Ranch seiner Familie im südkalifornischen Little Boston. Daraufhin begutachtet Plainview das Land heimlich, doch Pauls Zwillingsbruder Eli, Prediger der örtlichen Kirche, durchschaut das niedrige Angebot und treibt den Preis in die Höhe. Schließlich erwirbt Plainview das Land und verspricht der Gemeinde Wohlstand, Bildung sowie Bewässerung.
Der Riss zwischen Predigt und Profit
Die Bohrarbeiten beginnen, während zugleich die Konflikte wachsen. Eli fordert finanzielle Zuwendungen für seine Kirche, die Plainview jedoch nur zum Schein zusagt. Zudem verweigert der Ölmann die versprochene Segnung der Förderanlage. Als ein Arbeiter bei einem Unfall stirbt, nutzt Eli den Vorfall für weitere Geldforderungen. Kurz darauf lässt eine Gasexplosion den Bohrturm in Flammen aufgehen, wobei H.W. sein Gehör verliert. Als Eli das versprochene Geld eintreiben will, schlägt Plainview ihn nieder und drückt sein Gesicht in eine schlammige Pfütze.
Wenig später erscheint ein Fremder, der sich als Plainviews verschollener Halbbruder Henry ausgibt. Während der Ölmann den tauben H.W. in ein Internat schickt, nimmt er „Henry“ an dessen Stelle in sein Geschäft auf. Beim Treffen mit Standard Oil lehnt Plainview ein hohes Kaufangebot aufgebracht ab und schließt stattdessen einen Liefervertrag mit Union Oil. Auf der Rückreise stellt er „Henry“ mit der Waffe zur Rede, woraufhin der Mann den Identitätsbetrug gesteht. Plainview erschießt und verscharrt ihn wortlos. Für den Bau seiner Pipeline erpresst ihn anschließend der gläubige Farmer Bandy: Nur wenn er öffentlich der Kirche beitritt, erhält er das nötige Land. Deshalb nutzt Eli die Zwangstaufe zur demütigenden Vergeltung.
Sechzehn Jahre später, im Jahr 1927, lebt Plainview als alternder Trinker in einem Anwesen an der Küste, wo ihm nur ein Mitarbeiter Gesellschaft leistet. H.W. ist inzwischen erwachsen, hat Elis Schwester Mary geheiratet und plant die Selbstständigkeit in Mexiko. Plainview empfindet dies jedoch als Verrat und offenbart H.W. dessen Herkunft als Findelkind, weshalb sich der Sohn von ihm abwendet. Nach dem Börsencrash sucht Eli finanzielle Rettung und bietet ein vermeintlich unerschlossenes Grundstück an. Doch Plainview zwingt ihn zum Widerruf seines Glaubens, erklärt das Land für wertlos und erschlägt den Prediger mit einem Bowling-Pin.
Filmkritik und Fazit zum Film „There Will Be Blood“
Paul Thomas Anderson gelingt mit „There Will Be Blood“ eine Inszenierung von seltener Stringenz, wobei die erste Viertelstunde vollständig auf Dialog verzichtet. Stattdessen treibt der Film mit kratzenden Werkzeugen und Jonny Greenwoods verstörender Streicherpartitur in die Tiefe der Mine hinab, während Robert Elswits Kamera Gesichter und Landschaft in harten Gegenschnitten zeigt. Dadurch wird die Weite der texanischen Ranch zur metaphysischen Arena. Day-Lewis’ Sprechweise erinnert bewusst an John Hustons gebieterische Diktion aus „Chinatown“, sodass jeder Satz wie ein vorbereiteter Angriff wirkt.
Die musikalische Ebene verdient besondere Erwähnung. Greenwood arbeitet mit dissonant gehaltenen Tönen, die wie Alarmsirenen durch die Szenen ziehen. Das Zusammenspiel mit Arvo Pärt und Brahms verleiht dem Film eine fast sakrale Schwere. Problematisch erscheint dagegen der Stilbruch der Schlussszene auf der Kegelbahn. Die kubrickeske Symmetrie der Innenräume kollidiert mit der zuvor etablierten Bildsprache der offenen Landschaft. Dennoch rechtfertigt die dramatische Wucht des Finales diesen Bruch. Das Tempo bleibt meditativ, nur gelegentlich unterbrochen von ruppigen Ausbrüchen der Figuren.
Anderson verweigert jede ironische Distanz. Er erzählt ernst, mit einer Ambition, die Vergleiche mit „Citizen Kane“ provoziert und standhält. Für Freunde anspruchsvoller Dramen ist das Werk unverzichtbar. Wer nach Katharsis oder moralischer Erbauung sucht, wird sie hier nicht finden. Wer bereit ist, sich auf einen Film einzulassen, der den amerikanischen Gründungsmythos bis auf die Knochen freilegt, erlebt modernes Kino auf höchstem Niveau.