Ein ganzes halbes Jahr
Was trennt eine Liebesgeschichte von einem moralischen Streitfall? „Ein ganzes halbes Jahr“ behauptet, beides zugleich zu sein. Der britische Liebesfilm aus dem Jahr 2016 führt seine Zuschauer in eine vermeintlich vertraute Gefühlswelt, um sie dort mit einer Frage zu konfrontieren, auf die das Kino selten eine ehrliche Antwort riskiert: Darf ein Mensch sein Leben selbstbestimmt beenden, auch wenn er geliebt wird?

| Dauer: | 110 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2016 |
| Kategorien: | Drama, Romantik |
| Regie: | Thea Sharrock |
| Produzenten: | Karen Rosenfelt, Alison Owen |
| Hauptdarsteller: | Emilia Clarke, Sam Claflin, Janet McTeer |
| Nebendarsteller: | Charles Dance, Brendan Coyle, Jenna Coleman, Matthew Lewis |
| Studio: | New Line Cinema, Sunswept Entertainment, Metro-Goldwyn-Mayer |
Thea Sharrock wagt mit dieser Romanverfilmung ihren Einstand auf der großen Leinwand. Sie tut es mit einer Geschichte, die in ihrer Prämisse weit mehr verspricht, als das romantische Filmplakat ahnen lässt. Zwei ungleiche Menschen. Ein Schloss in Wales. Und ein Countdown, den keine Liebe aufhalten kann. Wie weit lässt sich ein Film tragen, wenn sein emotionales Fundament moralisch brüchig ist?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Ein ganzes halbes Jahr“ ist ein US-amerikanischer Liebesfilm aus dem Jahr 2016, entstanden nach dem gleichnamigen Roman von Jojo Moyes, die auch das Drehbuch verfasste. Regie führte die britische Theaterregisseurin Thea Sharrock, für die dieser Film ihr Kinodebüt bedeutete. Hinter der Kamera stand Remi Adefarasin, den Schnitt übernahm John Wilson, die Musik komponierte Craig Armstrong. Produziert wurde der Film von Alison Owen und Karen Rosenfelt.
Die Hauptrollen übernahmen Emilia Clarke als Louisa Clark und Sam Claflin als William Traynor. An ihrer Seite spielen Janet McTeer und Charles Dance als Wills Eltern Camilla und Steven Traynor, Brendan Coyle als Louisas Vater sowie Matthew Lewis als ihr Freund Patrick. Jenna Coleman verkörpert Louisas Schwester Katrina, Joanna Lumley eine wohlhabende Bekannte der Familie Traynor.
Die Dreharbeiten fanden von April bis Ende Juni 2015 statt, vorwiegend an historischen Schauplätzen in Großbritannien. Pembroke Castle in Wales diente als Herrschaftssitz der Traynors, ergänzt durch Chenies Manor House, Sandown Park und Harrow. Teile des Films entstanden auf Mallorca, das filmisch als Mauritius fungiert, sowie in Paris. Der Film läuft 110 Minuten und trägt die Altersfreigabe FSK 12. 2017 gewann er den People’s Choice Award als Lieblingsdramafilm.
Handlung & Inhalt vom Film „Ein ganzes halbes Jahr“
Im walisischen Städtchen Stokebridge lebt die 26-jährige Louisa Clark ein bescheidenes, aber warmherziges Leben. Sie wohnt bei ihren Eltern, kümmert sich um die Familie und hangelt sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten. Als sie ihre Stelle als Kellnerin verliert, nimmt sie aus finanzieller Not eine neue Arbeit an. Sie soll als Pflegehelferin im örtlichen Schloss tätig werden. Dort wartet William Traynor auf sie, ein 31-jähriger ehemaliger Banker und Sportler, der nach einem Motorradunfall querschnittsgelähmt ist. Nathan, ein ausgebildeter Pfleger, kümmert sich um Wills medizinische Betreuung, während Louisa die Rolle der Gesellschafterin übernehmen soll. Camilla Traynor, Wills Mutter, erhofft sich, dass die lebhafte junge Frau ihren Sohn aus seiner Lethargie reißt.
Will begegnet Louisa zunächst mit beißendem Sarkasmus und unverhüllter Ablehnung. Er hat keine Geduld für gut gemeinte Ablenkungsmanöver, kein Interesse an erzwungener Heiterkeit. Louisa lässt sich davon nicht einschüchtern. Ihre Schlagfertigkeit trifft seinen Galgenhumor auf Augenhöhe, und langsam, fast unmerklich, verändert sich die Atmosphäre zwischen ihnen. Sie lernt, dass Will vor seinem Unfall ein anderes Leben führte, eines voller Abenteuer, Reisen und Spontaneität. Dann belauscht sie ein Gespräch seiner Eltern und erfährt, was sie nicht wissen sollte: Will hat sich entschieden, in sechs Monaten in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Wills Mutter hat ihm diese Frist abgetrotzt, in der Hoffnung, er möge seinen Entschluss revidieren. Louisa setzt sich vor, genau das zu erreichen.
Zwischen Liebe und Unabwendbarkeit
Lou plant Ausflüge, Überraschungen und kleine Abenteuer, die Will zeigen sollen, dass sein Leben trotz allem Gestaltungsraum bietet. Sie lädt ihn zu ihrer Geburtstagsfeier ein, stellt ihn ihren Eltern vor und begleitet ihn zur Hochzeit seiner Ex-Freundin Alicia, die inzwischen Wills ehemaligen besten Freund heiratet. Dabei wächst zwischen ihnen eine Vertrautheit, die über das professionelle Verhältnis längst hinausgeht. Auf der Tanzfläche, wo Will im Rollstuhl sitzt und Louisa sich zu ihm setzt, gesteht er ihr, dass sie der einzige Grund sei, warum er morgens aufstehe. Wills Freund Patrick beobachtet Louisas wachsende Bindung mit zunehmendem Misstrauen, bis ihre Beziehung daran zerbricht.
Den Höhepunkt ihrer gemeinsamen Zeit bildet eine Reise nach Mauritius. Sonne, Meer, und zum ersten Mal so etwas wie ein Aufatmen. Louisa erklärt Will ihre Gefühle. Er erwidert sie, deutlich und ohne Umschweife. Dennoch bleibt er bei seinem Entschluss. Er will nicht, dass sie ein halbes Leben an seiner Seite führt. Er will für sie mehr, als er glaubt, ihr geben zu können. Dieser Moment, ruhig und ohne melodramatische Eskalation, ist der emotionale Kern des Films. Louisa bricht den Kontakt ab und verlässt die Reise im Schweigen.
Zurück in Wales kündigt Louisa ihre Stelle. Sie weigert sich, Will in die Schweiz zu begleiten, da sie seinen Entschluss weder akzeptieren noch bezeugen kann. Erst das Gespräch mit ihrem Vater bewegt sie um. Sie reist der Familie Traynor hinterher und ist bei Will, als er stirbt. Wochen später sitzt sie in Paris, an Wills Lieblingsort, und liest einen Brief, den er ihr hinterlassen hat. Er hat ihr eine großzügige Erbschaft vermacht. Er möchte, dass sie ihr Leben neu beginnt. Weit über das hinaus, was sie sich je für sich selbst erträumt hatte.
Filmkritik und Fazit zum Film „Ein ganzes halbes Jahr“
Was „Ein ganzes halbes Jahr“ von vergleichbaren Produktionen unterscheidet, ist weniger seine Thematik als sein Tonfall. Thea Sharrock inszeniert mit einer auffälligen Zurückhaltung, die das Melodrama fast verweigert, solange Louisa die Verdrängung aufrechterhalten kann. Emilia Clarke gelingt das Kunststück, eine Figur zu spielen, die gleichzeitig leichtfüßig und emotional zerbrochen wirkt, ohne je in Sentimentalität abzugleiten. Sam Claflin gibt dem zynischen Will eine Würde, die ihn niemals zum Objekt des Mitleids werden lässt. Ihre gemeinsamen Szenen tragen den Film, auch dort, wo das Drehbuch die schwierigeren Fragen seiner Prämisse lieber umgeht als stellt.
Kameramann Remi Adefarasin setzt auf satte, romantisch aufgeladene Bilder, die den malerischen Schauplätzen von Wales und Mallorca schmeicheln. Das ist handwerklich verlässlich, aber auch konventionell. Craig Armstrongs Score mit modernen Popballaden von Ed Sheeran, Imagine Dragons und The 1975 unterstreicht die emotionalen Wendepunkte deutlich, mitunter zu deutlich. Das Sounddesign verstärkt dort, wo weniger mehr gewesen wäre. Die Schwäche des Films liegt im Mittelfeld: Wills körperliche Einschränkungen werden konsequent ausgeblendet, die Pflegesituation auf ein romantisches Minimum reduziert, die gesellschaftliche Dimension des Sterbehilfedebatts bleibt dekorativ. Wo „Ziemlich beste Freunde“ die Zumutungen der Pflege sichtbar machte, wählt dieser Film die Hochglanzversion.
Wer einen Film sucht, der das Thema Sterbehilfe in seiner vollen Komplexität auslotet, wird hier enttäuscht werden. Wer jedoch einen handwerklich soliden Liebesfilm mit zwei überzeugenden Hauptdarstellern schätzt, der mehr Mut zur Ambivalenz zeigt, als sein Marketing vermuten lässt, findet in „Ein ganzes halbes Jahr“ durchaus mehr als erwarteten Kitsch. Für Liebhaber des romantischen Dramas, die Tiefe nicht zwingend einfordern, lohnt sich der Film.