100 Dinge
Ein Buddy-Movie über zwei Männer, die nackt in leeren Wohnungen aufwachen, klingt zunächst nach einer weiteren Episode jenes deutschen Mainstreamkinos, das Bauchnabel für Bildsprache hält. Florian David Fitz wählt für seinen dritten Regiestreich jedoch einen anspruchsvolleren Umweg. „100 Dinge“ verhandelt Konsumkritik, männliche Konkurrenz und die Frage nach dem, was Freundschaft im Kern ausmacht. Der Film stützt sich auf eine finnische Dokumentarvorlage. Er biegt deren philosophischen Impetus in die Struktur einer zugespitzten Wette um.

| Dauer: | 111 Min. |
|---|---|
| FSK: | 6 (DE) |
| Jahr: | 2018 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | Florian David Fitz |
| Produzenten: | Matthias Schweighöfer, Dan Maag, Daniel Sonnabend, Marco Beckmann |
| Hauptdarsteller: | Florian David Fitz, Matthias Schweighöfer, Miriam Stein |
| Nebendarsteller: | Hannelore Elsner, Wolfgang Stumph, Katharina Thalbach, Johannes Allmayer |
| Studio: | Pantaleon Films, Erfftal Film- & Fernsehproduktion GmbH & Co. KG, Warner Bros. Film Productions Germany, Picture Tree Productions |
Aus der Versuchsanordnung entsteht eine Komödie, die zwischen Slapstick und Sozialdiagnose pendelt. Fitz und Matthias Schweighöfer bespielen ein Duo, das sich selbst zur Karikatur zuspitzt und genau darin seine Glaubwürdigkeit gewinnt. Die Inszenierung arbeitet mit kontrastreichen Typen, nackten Winterlandschaften und einem Pointentempo, das selten abreißt. Dabei schimmert eine Frage durch, die jenseits des Gag-Rhythmus weiterwirkt: Wie viel Besitz benötigt ein Leben, bevor es vom Besitz gelebt wird?
Besetzung, Regie und Drehorte
„100 Dinge“ entstand 2018 in der Regie von Florian David Fitz, der zugleich das Drehbuch verfasste und als Ko-Produzent fungierte. Die Produktion übernahm Matthias Schweighöfers Pantaleon Films gemeinsam mit Warner Bros. Deutschland, Erfttal Film und WS Filmproduktion. Dan Maag und Marco Beckmann komplettierten das Produzententeam. Die Bildgestaltung lag in den Händen von Bernhard Jasper. Für den Schnitt zeichneten Ana de Mier y Ortuño und Denis Bachter verantwortlich. Die Filmmusik komponierten Arne Schumann, Josef Bach, Chester Travis und Jonathan Kluth.
Fitz und Schweighöfer spielen selbst die Hauptrollen als Paul Konaske und Toni Katz. Miriam Stein übernimmt die weibliche Hauptrolle als Lucy Denske, nachdem sie bereits mit Fitz im Roadmovie Hin und weg vor der Kamera stand. Hannelore Elsner und Wolfgang Stumph geben Pauls Eltern Renate und Wolfgang. Katharina Thalbach verkörpert die Großmutter, obwohl sie zwölf Jahre jünger als Elsner ist. Maria Furtwängler, Johannes Allmayer und Artjom Gilz runden das Ensemble ab. Gilz spielt den US-Milliardär David Zuckerman als Mark-Zuckerberg-Persiflage.
Mit einer Laufzeit von 106 Minuten und der Freigabe ab sechs Jahren startete der Film am 6. Dezember 2018 in den deutschen Kinos. Die Dreharbeiten fanden zwischen Februar und April 2018 an 35 Drehtagen statt, vor allem in Berlin und Brandenburg. Schauplätze waren unter anderem der stillgelegte Flughafen Tempelhof, die Oberbaumbrücke und die East Side Gallery. Die Deutsche Film- und Medienbewertung verlieh das Prädikat wertvoll; bei der Romyverleihung 2019 gewann Fitz in der Kategorie Bestes Buch Kinofilm.
Handlung & Inhalt vom Film „100 Dinge“
Paul und Toni kennen sich seit der Kindheit und pflegen eine Freundschaft, die im Grunde eine Dauerrivalität ist. Schon als Jungen konkurrierten sie um die Zuneigung von Pauls Eltern und um die Gunst einer Mitschülerin. Als Erwachsene führen sie in Berlin ein IT-Start-up, in dem Paul als chaotischer Konsumfrustrierter erscheint und Toni als durchgestylter Selbstoptimierer. Eine Parallelmontage stellt beide zu Beginn einander gegenüber. Paul greift zu absurd teuren Sneakern und fährt eine Schrottkarre, während Toni vor dem Duschen auf sein Rudergerät steigt. Gemeinsam entwickeln sie die App Nana. Sie liefert personalisierte Kaufempfehlungen auf dem Smartphone.
Antonietta Kärcher vermittelt den beiden ein Vorsprechen beim US-Milliardär David Zuckerman, der vier Millionen Euro für die App bietet. Auf der Firmenfeier kommt es zum Bruch. Paul entdeckt, dass Toni die Software gezielt absatzorientiert programmiert und ihn selbst als unwissendes Testobjekt benutzt hat. Aus Enttäuschung über diesen Vertrauensbruch schlägt Paul eine Wette vor, die alles auf den Prüfstand stellt. Beide lagern ihren kompletten Besitz in eine Halle und dürfen hundert Tage lang täglich nur einen Gegenstand zurückholen. Wer zuerst aufgibt, verliert seine Firmenanteile an die Belegschaft. Die beiden erwachen am Morgen danach nackt in leeren Wohnungen.
Zwischen Verzicht und Wiederannäherung
Im verschneiten Berlin wählen beide zunächst nur das Nötigste. Während der eine zum wärmenden Mantel greift, entscheidet sich der andere für den begehbaren Schlafsack. Danach driften ihre Prioritäten jedoch zunehmend auseinander: Kleidung, Hygiene, Einrichtungsgegenstände und Haushaltskram. Bei den täglichen Besuchen in der Lagerhalle begegnen sie außerdem Lucy, die selbst mit ihrer Kaufsucht ringt. Zwischen ihr und Toni entwickelt sich daraufhin eine Romanze, die mit minimalen Mitteln auskommt. In einer Dating-Szene legt Lucy ihm Teebeutel auf die Augen und schafft damit eine verspielte Umdeutung bekannter Liebesfilm-Motive. Parallel dazu führen Paul und Toni immer wieder Gespräche mit Pauls Eltern und der Großmutter über Besitz, Glück sowie Verlust.
Die Verkaufsverhandlungen mit Zuckerman finden vier Wochen nach Beginn der Wette statt. Dabei drückt das verbliebene Duo seinen Preis auf vierzehn Millionen Euro hoch und erzielt damit zehn Millionen mehr als ursprünglich geboten. Die Wette verschärft indes die Konkurrenz zwischen den Freunden weiter, denn jeder Gegenstand wird zur Prüfung der eigenen Werte und zugleich zum Versuch, den anderen auszustechen. Währenddessen entwickelt die Romanze zwischen Toni und Lucy eine eigene Dynamik. Paul muss sich schließlich eingestehen, dass seine Familie und seine Freundschaft schwerer wiegen als jeder Kaufrausch.
Am Ende macht das Internet öffentlich, was Zuckerman im Hintergrund vorbereitet hat. Denn er bringt die App Nana auf eigene Faust heraus und übergeht dabei die Berliner Entwickler. Dadurch verliert die Wette zwar ihren wirtschaftlichen Zweck, gewinnt jedoch zugleich ihren eigentlichen Sinn. Toni und Lucy werden schließlich ein Paar, während die Freundschaft zwischen Paul und Toni das Experiment übersteht. In der Schlusseinstellung sitzen die drei gemeinsam an einem Meer und blicken aufs Wasser. Paul sinnt allerdings bereits darauf, Nana gegen den Konzern zu wenden, der sie ihm gestohlen hat.
Filmkritik und Fazit zum Film „100 Dinge“
„100 Dinge“ gelingt etwas, das dem deutschen Mainstreamkino selten glückt: die Ironisierung des eigenen Formats, ohne sich von ihm abzuwenden. Fitz und Schweighöfer spielen ihre Figuren als bewusst überzeichnete Prototypen und durchbrechen genau dadurch die Klischeefalle. Die Kameraarbeit von Bernhard Jasper nutzt das winterliche Berlin als ästhetischen Kontrapunkt zur inneren Leere der Protagonisten. Besonders prägnant: die Szene, in der beide nackt durch die verschneite Stadt hetzen. Der Gag speist sich nicht aus Tabubruch, sondern aus erzählerischer Konsequenz. Miriam Stein bringt als Lucy eine Zartheit ein, die den Film vor kühler Pointenarbeit bewahrt.
Im Tempo zeigen sich gleichwohl strukturelle Schwächen. Die Wettprämisse verlangt nach Zuspitzung, doch die mittlere Phase verweilt phasenweise in wiederkehrenden Alltagsszenen, deren Witz sich abnutzt. Die Konstruktion um die App-Verhandlungen wirkt gegen Ende etwas gezwungen, als müsse eine zweite Konfliktlinie die erste stützen. Arne Schumanns Musik setzt indes präzise Akzente und unterstreicht die emotionalen Wendepunkte ohne Kitschanfälle. Die Szene mit den Teebeuteln als Liebesritual steht stellvertretend für die klügste Qualität des Films: die Bereitschaft, Romantik mit leisem Selbstspott zu grundieren statt mit pathosschwerer Inszenierung.
Als Komödie mit Haltung lohnt sich der Film für jene, die deutsche Mainstreamware nicht vorschnell abschreiben. Fitz weiß um die Konventionen seines Genres und nutzt dieses Wissen produktiv. Wer radikale Konsumkritik erwartet, wird die weichen Kanten bemerken. Wer ein kluges Buddy-Movie mit Gespür für Timing und männliche Eitelkeiten sucht, findet hier mehr als den üblichen Weihnachtskinostoff. Das Prädikat wertvoll der FBW trägt der Film zu Recht.