The Banshees of Inisherin
Wenn eine Freundschaft endet, geschieht das selten ohne Vorzeichen. Bei Pádraic und Colm jedoch trifft der Bruch wie ein Blitz aus heiterem Himmel – ohne Streit, ohne Erklärung, ohne Ausweg. Martin McDonagh erzählt in „The Banshees of Inisherin“ eine zutiefst irische Parabel über Stillstand und Selbstbehauptung. Schauplatz ist eine fiktive Insel der Aran-Gruppe, das Jahr 1923. Auf dem Festland tobt der Bürgerkrieg, hier draußen scheint die Zeit dagegen vollständig erstarrt.

| Dauer: | 114 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2022 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | Martin McDonagh |
| Produzenten: | Graham Broadbent, Martin McDonagh, Peter Czernin |
| Hauptdarsteller: | Colin Farrell, Brendan Gleeson, Kerry Condon |
| Nebendarsteller: | Barry Keoghan, Gary Lydon, Pat Shortt, Sheila Flitton |
| Studio: | Searchlight Pictures, Blueprint Pictures, Film4 Productions, TSG Entertainment |
McDonagh, einst gefeiert für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, findet zu seinen frühen Wurzeln zurück. Mit Colin Farrell und Brendan Gleeson stehen jene Darsteller im Zentrum, die schon „Brügge sehen… und sterben?“ trugen. Das Wiedersehen ist mehr als nostalgische Geste, es ist dramaturgische Notwendigkeit. Die beiden verkörpern eine Vertrautheit, die der Film systematisch demontiert. Was bleibt, wenn das Selbstverständliche zerbricht – und wer trägt am Ende die größere Schuld?
Besetzung, Regie und Drehorte
Regie und Drehbuch des 114-minütigen Spielfilms „The Banshees of Inisherin“ stammen von Martin McDonagh, der das Projekt im Juni 2021 ankündigte. Die Geschichte geht auf ein gleichnamiges Bühnenstück zurück, das McDonagh bereits 1994 entwarf, jedoch nie zur Aufführung brachte. Produziert wurde das Werk von Graham Broadbent, Peter Czernin und McDonagh selbst, die Finanzierung übernahmen Searchlight Pictures, Film4 und Metropolitan Films International. Carter Burwell zeichnet für die Musik verantwortlich, ein langjähriger Weggefährte des Regisseurs. Mikkel E. G. Nielsen besorgte den Schnitt.
Die Hauptrollen liegen bei den irischen Schauspielern Colin Farrell als gutmütiger Pádraic Súilleabháin und Brendan Gleeson als Folkmusiker Colm Doherty. Kerry Condon spielt die belesene Schwester Siobhán, Barry Keoghan den jungen Dominic Kearney. In weiteren Rollen sind Gary Lydon, Pat Shortt, Sheila Flitton und Bríd Ní Neachtain zu sehen. Die deutschsprachige Synchronisation entstand bei der Iyuno-SDI Group Germany in Berlin unter der Dialogregie von Masen Abou-Dakn. Alexander Doering leiht Farrell seine Stimme.
Der Film startete in Deutschland am 5. Januar 2023, die Weltpremiere fand am 5. September 2022 in Venedig statt. Gedreht wurde an der Westküste Irlands auf Árainn und Acaill, von August bis Oktober 2021. Die Kamera führte Ben Davis, das Szenenbild gestaltete Mark Tildesley. „The Banshees of Inisherin“ erhielt neun Oscar-Nominierungen und gewann unter anderem die Coppa Volpi für Colin Farrell. Die FSK-Freigabe liegt bei 16 Jahren.
Handlung & Inhalt vom Film „The Banshees of Inisherin“
Im Frühjahr 1923 liegt die kleine Insel Inisherin scheinbar abseits der irischen Geschichte. Während auf dem Festland der Bürgerkrieg tobt, dringen nur ferne Kanonenschüsse über das Wasser. Pádraic Súilleabháin lebt mit seiner Schwester Siobhán in einem schlichten Hof, kümmert sich um Vieh und seine geliebte Zwerg-Eselin Jenny. Sein bester Freund Colm Doherty ist Folkmusiker, älter, nachdenklicher. Beide treffen sich täglich um vierzehn Uhr im Pub. Es ist ein Ritual, das den langen Tagen Struktur verleiht. Doch am 1. April öffnet Colm die Tür nicht mehr. Pádraic glaubt zunächst an einen Aprilscherz.
Colm meint es ernst. Er will sich der Komposition widmen, will der Nachwelt etwas hinterlassen. Pádraics belangloses Geschwätz hält er für vergeudete Lebenszeit. Diese kühle Erklärung trifft Pádraic ins Mark. Er sucht Colm wiederholt auf, fordert eine Versöhnung, scheitert jedoch jedes Mal. Auch Siobhán, die belesene Schwester, und der einfältige Dominic, Sohn des gewalttätigen Polizisten Peadar, versuchen zu vermitteln. Selbst der Inselpriester wird in den Disput hineingezogen. Als Dominic von seinem Vater wegen Alkoholdiebstahls misshandelt wird, nehmen die Geschwister ihn bei sich auf. Dominic gesteht später seine Zuneigung zu Siobhán. Sie weist ihn freundlich, doch unmissverständlich zurück.
Eskalation einer stillen Fehde
Colm verschärft den Konflikt, indem er ein Ultimatum stellt: Bei jeder weiteren Belästigung werde er sich mit der Schafschere einen Finger der linken Hand abschneiden. Obwohl die absurde Drohung wie ein Witz wirkt, ist sie tödlich ernst gemeint. Unterdessen stellt Pádraic den prügelnden Peadar in der Öffentlichkeit bloß, woraufhin dieser ihn zu Boden schlägt. Ausgerechnet Colm springt ihm jedoch bei und fährt ihn anschließend mit der Kutsche nach Hause. Als Pádraic betrunken einen Streit im Pub provoziert, sucht er am nächsten Morgen reumütig die Versöhnung – doch stattdessen findet er einen abgetrennten Finger an seiner Tür. Während sich der Konflikt weiter zuspitzt, prophezeit Mrs. McCormick, die schwarz gekleidete Inselälteste, zwei Tote.
Daraufhin folgt zunächst eine kurze Ruhephase, in der Colm Pádraic stolz berichtet, ein Werk namens The Banshees of Inisherin vollendet zu haben. Doch der Friede zerbricht erneut, als Pádraic versehentlich gesteht, gegenüber einem Musikstudenten eine Lüge erzählt zu haben. Wenig später schleudert Colm deshalb vier abgeschnittene Finger gegen die Haustür der Súilleabháins. Da Siobhán das Inselleben nicht länger erträgt, nimmt sie eine Bibliotheksstelle auf dem Festland an. Während Pádraic seiner Schwester am Ufer zum Abschied winkt, erstickt seine Eselin Jenny an einem der Finger.
Nachdem Pádraic das Tier begraben hat, kündigt er Colm seine Rache an: Am nächsten Tag um vierzehn Uhr werde er dessen Haus niederbrennen. Tatsächlich führt er die Drohung aus und nimmt Colms Hund vor der Tür mit sich. Durch ein Fenster sieht er den ehemaligen Freund rauchend im Inneren sitzen, der scheinbar bereit zu sterben ist. Peadar will Pádraic daraufhin verhaften, wird jedoch von Mrs. McCormick wortlos zum Leichnam seines ertrunkenen Sohnes geführt. Am folgenden Morgen treffen sich Colm und Pádraic an der ausgebrannten Ruine, doch trotz Colms Entschuldigung für Jennys Tod erklärt Pádraic den Streit nicht für beendet.
Filmkritik und Fazit zum Film „The Banshees of Inisherin“
Martin McDonaghs „The Banshees of Inisherin“ lebt von einer Inszenierung, die das Geschehen ohne dramaturgische Eile entfaltet. Die Kamera von Ben Davis fängt die zerklüftete Küstenlandschaft der Aran-Inseln in fast schmerzhaft schönen Totalen ein, die jedoch nie als Postkartenkitsch verkommen. Carter Burwells Musik bleibt zurückhaltend und setzt eher Akzente, statt Stimmungen vorzuschreiben. Colin Farrell findet als Pádraic eine seltene Mischung aus Naivität und stiller Würde. Brendan Gleeson kontert mit stoischer Härte, die nichts Theatralisches hat. Beide spielen, als kennten sie einander seit Kindertagen.
Das Tempo wirkt auf den ersten Blick verhalten, doch unter dieser Oberfläche zieht das Drehbuch die Schraube unaufhaltsam an. McDonagh inszeniert die Eskalation nicht als Knall, sondern als langsames Mahlen. Jede Wendung erscheint zwangsläufig, ohne mechanisch zu wirken. Das Sounddesign nutzt die Stille zwischen den Repliken als eigenes Stilmittel – Wind, Möwen, das ferne Echo der Festlandsschüsse. Kerry Condon spielt Siobhán mit kühler Klarheit, Barry Keoghan verleiht Dominic eine fast schmerzhafte Verletzlichkeit. Was als Komödie beginnt, kippt fast unmerklich ins Tragische. Die Bildsprache bleibt dabei stets präzise.
McDonagh hat einen Film geschaffen, der Tragikomödie ernst nimmt. Wer schwarzen Humor schätzt und bereit ist, sich auf die Stille zwischen den Worten einzulassen, findet hier ein bemerkenswertes Werk. Manche Längen im Mittelteil fordern Geduld, doch sie sind dramaturgisch begründet. Für Liebhaber des europäischen Autorenkinos und feinsinniger Schauspielarbeit ist diese Insel-Parabel eine lohnende Reise. Heiter wird der Heimweg jedoch nicht.