Prinzessin Mononoke

Wenn ein Tiergott im Sterben einen Pfeil aus seinem Fell reißt und das Eisen daran Schuld am Fluch trägt, ist die Diagnose des Films bereits gestellt. Hayao Miyazakis „Prinzessin Mononoke“ aus dem Jahr 1997 verlegt einen ökologischen Konflikt in die Muromachi-Zeit. Der Anime zeichnet keinen Krieg zwischen Gut und Böse. Stattdessen entfaltet er ein Gewebe widerstreitender Notwendigkeiten. Mensch, Wald und Maschine stehen einander gegenüber, ohne dass eine Seite die moralische Souveränität für sich reklamieren könnte.

Prinzessin Mononoke
Dauer: 134 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 1997
Kategorien: Animation, Fantasy
Regie: Hayao Miyazaki
Produzenten: Toshio Suzuki
Hauptdarsteller: Youji Matsuda, Yuriko Ishida, 田中裕子
Nebendarsteller: Kaoru Kobayashi, Masahiko Nishimura, 上條恒彦, Akihiro Miwa
Studio: Studio Ghibli, dentsu, Tokuma Shoten, Nippon Television Network Corporation, Nibariki, TNDG

Das Studio Ghibli legte mit diesem Werk seinen bis dato kostspieligsten Film vor. Joe Hisaishi komponierte den Soundtrack, Atsushi Okui führte die Kamera, und Toshio Suzuki produzierte. Bemerkenswert bleibt der frühe Einsatz von Cel Shading, also computergenerierten Sequenzen mit handgezeichneter Anmutung. Die Erzählung verwebt Schintō-Mythologie mit industrieller Frühmoderne. Lässt sich daraus ein Märchen lesen, das uns heute, fast drei Jahrzehnte später, näher steht als seinem Entstehungsjahr?

Besetzung, Regie und Drehorte

Regie und Drehbuch von „Prinzessin Mononoke“ stammen aus einer Hand: Hayao Miyazaki, in seiner Heimat als Altmeister des Animationsfilms etabliert, verantwortet beide Disziplinen. Toshio Suzuki übernahm die Produktion, während die künstlerische Leitung bei Nizō Yamamoto lag. Joe Hisaishi steuerte einen Score bei, der zwischen kammermusikalischer Zurückhaltung und orchestralem Aufbegehren oszilliert. Atsushi Okui zeichnete für die Kamera verantwortlich, Takeshi Seyama für den Schnitt. Für die animationstechnischen Innovationen wurde das auf Videospiele spezialisierte Studio Tōyō Links hinzugezogen.

In der japanischen Originalfassung leiht Yōji Matsuda dem Prinzen Ashitaka seine Stimme. Yuriko Ishida spricht San, die titelgebende Wolfsprinzessin, und übernimmt zugleich die Rolle der Kaya. Yūko Tanaka verkörpert die ambivalente Herrin Eboshi, Akihiro Miwa die Wolfsgöttin Moro. Die deutsche Synchronisation entstand bei der Lingua Film in München unter der Dialogregie von Cornelius Frommann. Alexander Brem, Stefanie von Lerchenfeld, Marietta Meade und Mady Rahl tragen die Hauptrollen in der hiesigen Fassung.

Der Film läuft 128 Minuten und ist ab zwölf Jahren freigegeben. 1998 wurde er bei den Japanese Academy Awards als Bester Film ausgezeichnet. Der Mainichi Eiga Concours prämierte ihn zudem als Besten Animationsfilm. International war er Japans Einreichung für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film. Die historische Verortung in der Muromachi-Zeit rückt das Werk in die Nähe des Jidai-geki-Genres.

Handlung & Inhalt vom Film „Prinzessin Mononoke“

Die Handlung beginnt im fernen Osten Japans, und zwar im Dorf eines Emishi-Stammes. Dort lebt der junge Prinz Ashitaka, der zugleich als künftiger Häuptling vorgesehen ist. Eines Tages bricht jedoch ein Dämon aus dem Wald hervor, bei dem es sich um einen zur formlosen Wut gewordenen Keilergott namens Nago handelt. Ashitaka stellt sich ihm entgegen und kann das Tier schließlich strecken, doch während des Kampfes trifft ihn ein Mal an seinem rechten Arm. Als die Dorfälteste die Verletzung untersucht, erkennt sie den Fluch sofort. Er werde wachsen, sagt sie, und ihn schließlich von innen verzehren. Deshalb schert Ashitaka sich auf eine Reise nach Westen, also dorthin, wo Nago einst sein Territorium hatte. Vielleicht findet sich nämlich am Ursprung des Übels eine Antwort, sodass Ashitaka den Fluch doch noch aufhalten kann.

Als Ashitaka die westlichen Wälder erreicht, stößt er dort auf zwei verfeindete Lager. Auf der einen Seite steht die Eisenhütte der Tatara, die von der charismatischen Herrin Eboshi geleitet wird. Sie holzt den Wald ab, schürft Eisenerz und produziert außerdem Feuerwaffen. Gleichzeitig nimmt ihre Stadt Ausgestoßene auf, darunter sowohl Leprakranke als auch ehemalige Prostituierte. Auf der anderen Seite kämpfen hingegen die Tiergötter und Tiere des Waldes um ihr Habitat, weil dieses durch die immer weiter vordringenden Menschen bedroht wird. Unter ihnen lebt San, ein menschliches Mädchen, das von der Wolfsgöttin Moro großgezogen wurde und sich deshalb selbst als Teil des Waldes versteht. San hasst die Menschen, weshalb sie Eboshis Karawane angreift. Ashitaka befindet sich jedoch zwischen den Fronten und versucht daher, zwischen beiden Seiten zu vermitteln.

Konfrontation und Wendepunkt

Eboshi will im Auftrag des Tennō den Kopf des Waldgottes erbeuten, der tagsüber über Leben und Tod wacht und sich nachts zum Daidarabotchi verwandelt. Dafür verspricht der Tennō ihr Schutz vor den Daimyō, insbesondere vor Fürst Asano. Bei einem nächtlichen Überfall Sans wird Ashitaka schwer verwundet. Dennoch bringt San ihn zum See des Waldgottes, der sein Leben rettet, ihn aber nicht vom Fluch befreit. Während Ashitaka genest, ziehen die Wildschweine unter ihrem blinden Anführer Okkoto in eine letzte Schlacht und geraten in eine Falle.

Eboshi jagt währenddessen mit ihren Männern durch den Wald. Unter den Fellen getöteter Wildschweine verborgen und mit deren Blut beschmiert, täuschen die Jäger Okkoto. Wahnsinnig vor Schmerz hält er sie für zurückgekehrte Krieger und verwandelt sich zunehmend in einen Dämon. Als San ihn schützen will, erfasst sie der Fluch. Während die sterbende Moro am See liegt, rettet Ashitaka San, und der Waldgott entzieht Okkoto das Leben. Schließlich hebt Eboshi ihr Gewehr.

In der Dämmerung trifft Eboshi den Waldgott bei seiner Verwandlung. Sein enthaupteter Körper wird zu einer schleimigen Substanz, die alles Leben aussaugt und sowohl den Wald als auch die Eisenhütte verheert. Die sterbende Moro reißt Eboshi zuvor den rechten Arm ab. Ashitaka und San bringen den Kopf zurück, woraufhin der Waldgott ihren Fluch löst und seine Gestalt verliert. Aus den Ruinen sprießt bald neues Grün. Eboshi will eine bessere Stadt bauen. San bleibt im Wald, Ashitaka zieht zur Eisenhütte, doch beide versprechen einander weitere Besuche.

Filmkritik und Fazit zum Film „Prinzessin Mononoke“

Was „Prinzessin Mononoke“ unter den Animationsfilmen seiner Zeit auszeichnet, ist die Weigerung, einen Schurken zu benennen. Eboshi ist Patronin und Plünderin zugleich. Sie schützt die Schwächsten und schießt auf das Heilige. San wiederum kämpft für eine Ordnung, die den Menschen, dem sie biologisch angehört, ausschließt. Miyazaki zeichnet seine Figuren mit einer Sorgfalt, die das simple Konfliktschema des Genres unterläuft. Selbst Nago, der Auslöser allen Unheils, wird im Rückblick weniger Täter als Opfer einer kolonialen Kette aus Eisen und Schmerz.

Die Inszenierung lebt von einem ungewöhnlichen Tempo. Lange Passagen verharren in stiller Beobachtung, etwa wenn Ashitaka durch die nebelverhangene Lichtung des Waldgottes schreitet. Dann wieder bricht Gewalt herein, knapp, blutig, ohne Choreografie. Joe Hisaishis Score arbeitet mit zurückhaltenden Streicherflächen, die nur an den entscheidenden Stellen ins Pathetische greifen. Atsushi Okuis Kamera bevorzugt Totalen, die den Wald zur eigenständigen Figur erheben. Die Kodama, jene kleinen weißen Geister, sind dabei kein Beiwerk. Sie geben dem Ökosystem seine animistische Stimme.

Wer Anime jenseits kindlicher Märchenerzählung sucht, findet hier ein Film von seltener Konsequenz. Die FSK-12-Freigabe trägt der Härte einzelner Szenen Rechnung. Miyazaki verweigert jede tröstliche Auflösung. Sein Schluss ist Versöhnung im Konjunktiv, kein Triumph. Genau darin liegt die anhaltende Relevanz dieses Films für ein Publikum, das ökologische Konflikte längst nicht mehr als Fabel liest.

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