Vaiana

Polynesien als Sehnsuchtsraum – das klingt nach Postkartenmotiv und Klischee. Dass „Vaiana“ daraus mehr macht, verdankt sich nicht allein dem technischen Können der Walt Disney Animation Studios, sondern auch dem Mut, eine Geschichte zu erzählen, die von Verantwortung handelt, nicht von Romantik. Ron Clements und John Musker, die zuletzt mit handgezeichneten Klassikern reüssierten, wagen 2016 ihr erstes computeranimiertes Langfilmabenteuer.

Vaiana
Dauer: 103 Min.
FSK: PG (US)
Jahr: 2016
Kategorien: Animation
Regie: John Musker, Ron Clements
Produzenten: Osnat Shurer
Hauptdarsteller: Auli'i Cravalho, Dwayne Johnson, Rachel House
Nebendarsteller: Temuera Morrison, Jemaine Clement, Nicole Scherzinger, Alan Tudyk
Studio: Walt Disney Animation Studios

Südpazifische Mythologie als Fundament eines Abenteuerfilms für Kinder – das ist ein ehrgeiziger Ausgangspunkt. Welche Geschichte entsteht, wenn eine Disney-Prinzessin weder auf einen Prinzen wartet noch von einem Fluch erlöst werden muss, sondern schlicht das Richtige tut, weil sie es für richtig hält?

Besetzung, Regie und Drehorte

Vaiana“ ist die 56. Produktion der Walt Disney Animation Studios und erschien in Nordamerika am 23. November 2016, in Deutschland gut einen Monat später. Regie führten Ron Clements und John Musker, die bereits für „Arielle, die Meerjungfrau“ und „Aladdin“ verantwortlich zeichneten. Das Drehbuch entstand unter Mitarbeit von Jared Bush, Pamela Ribon und Taika Waititi. Die Filmmusik komponierten drei Autoren gemeinsam: Opetaia Foa’i, Mark Mancina und der Broadway-Komponist Lin-Manuel Miranda.

Die Titelrolle spricht im Original die damals erst 16-jährige Auli’i Cravalho, für die es ihr erstes Engagement als Sprecherin war. Dwayne Johnson leiht dem Halbgott Maui seine Stimme. Die deutschen Fassungen übernahmen Lina Larissa Strahl für den Dialog der Vaiana sowie Debby van Dooren für die Gesangsparts. Den Maui spricht und singt Andreas Bourani. Marion Martienzen ist als Gramma Tala, Thomas Nero Wolff als Stammeshäuptling Tui und Tommy Morgenstern als Riesenkrabbe Tamatoa zu hören.

Der Film erhielt im Rahmen der Oscarverleihung 2017 zwei Nominierungen: für den besten Animationsfilm und für den besten Filmsong. Der Titelsong „How Far I’ll Go“ von Lin-Manuel Miranda wurde zudem mit dem Grammy als Best Song Written for Visual Media ausgezeichnet. Bei den Annie Awards 2016 erhielt der Film unter anderem eine Auszeichnung für visuell-animierte Effekte sowie für die Sprechleistung von Auli’i Cravalho.

Handlung & Inhalt vom Film „Vaiana“

Vaiana Waialiki wächst als Tochter des Häuptlings auf Motonui auf, einer polynesischen Insel. Gleichzeitig ist das Inselleben geordnet, fürsorglich und stark gemeinschaftlich organisiert. Ihr Vater Tui wacht streng darüber, dass niemand das schützende Riff verlässt. Deshalb gilt für ihn: Dahinter liegen Gefahr und Verlust. Für Vaiana hingegen liegt dort die Welt, die sie ständig ruft. Schon als Kind fühlt sie sich stark vom Ozean angezogen, während das Wasser scheinbar auf sie reagiert. Diese Verbindung bleibt zunächst unerklärt, aber dennoch deutlich spürbar.

Als die Ernte verdirbt und die Fischer ohne Fang zurückkehren, droht eine Hungersnot. Daraufhin enthüllt Großmutter Tala ein verborgenes Geheimnis der Insel. In einer Höhle liegen seetüchtige Boote der Ahnen, die einst den Pazifik bereisten. Zudem zeigen alte Zeichnungen eine Zeit voller Navigation und Mut auf dem offenen Meer. Gleichzeitig erklärt Tala den Ursprung des Unheils: Maui stahl Te Fitis Herz. Deshalb verwandelte sich die Göttin in das zerstörerische Lavawesen Te Ka, das nun die Welt bedroht.

Auf dem Ozean, gegen alle Widerstände

Vaiana bricht dennoch gegen den Willen ihres Vaters auf, um Maui zu finden. Ziel ist es, ihn zur Rückgabe des Herzens zu bewegen und das Gleichgewicht wiederherzustellen. Währenddessen scheint der Ozean sie aktiv zu unterstützen. Nach einem gescheiterten Versuch trifft sie schließlich Maui auf einer Insel. Gleichzeitig hat er seinen magischen Fischhaken verloren und ist gestrandet. Anfangs versucht er, Vaiana loszuwerden, doch der Ozean verhindert seine Flucht konsequent.

Nach und nach erkennt Maui jedoch Vaianas Entschlossenheit und schließt sich ihr widerwillig an. Gemeinsam überwinden sie zahlreiche Prüfungen und treffen schließlich auf Tamatoa. Dieser bewacht Mauis Haken in einer gefährlichen Unterwasserhöhle. Folglich müssen beide Mut und List vereinen, um zu bestehen. Nach dem Sieg erhält Maui seinen Haken zurück, wodurch seine Kräfte zurückkehren, wenn auch unkontrolliert. Dadurch wächst ihr Vertrauen während der weiteren Reise deutlich.

Schließlich erreichen sie die Insel Te Fiti, wo Te Ka ihnen entgegensteht. Im Kampf zerbricht Mauis Haken, wodurch alles verloren scheint. Dennoch erkennt Vaiana, dass Te Ka und Te Fiti identisch sind. Deshalb stellt sie sich dem Wesen allein und gibt ihm das Herz zurück. Daraufhin verwandelt sich Te Ka in die Göttin Te Fiti, und das Gleichgewicht kehrt zurück. Schließlich erhält Maui einen neuen Haken, während Vaiana Motonui rettet und ihr Volk aufs Meer führt.

Filmkritik und Fazit zum Film „Vaiana“

Was „Vaiana“ von vielen Vorgängern unterscheidet, ist eine strukturelle Entscheidung, die das gesamte Erzählgefüge prägt: Die Heldin handelt nicht aus persönlichem Leid oder romantischer Sehnsucht, sondern aus kollektiver Verantwortung. Clements und Musker, die sich mit ethnologischer Sorgfalt in die polynesische Mythologie einarbeiteten und 2011 gemeinsam mit Kulturexperten die Region bereisten, erschufen eine Welt, die trotz ihrer Stilisierung eine spürbare kulturelle Erdung besitzt. Diese Grundidee führt auch „Vaiana 2“ fort und rückt erneut das Wohl der Gemeinschaft stärker in den Mittelpunkt als persönliche Wünsche. Die Animation des Wassers setzt dabei technische Maßstäbe: Die Farbpalette zwischen Türkis, Blau und tiefem Meeresgrün entfaltet eine fast meditative Wirkung, und der Ozean selbst agiert als eigenständiger, fast charakterlicher Faktor der Geschichte.

Die Musikarbeit des Trios Foa’i, Mancina und Miranda trägt den Film mit einer Energie, die selten ins Beliebige kippt. Der Song „How Far I’ll Go“ etabliert die Zerrissenheit der Protagonistin knapp und wirkungsvoll, ohne in Kitsch zu driften. Weniger überzeugend bleibt dagegen die Figur des Maui: als Prahlhans mit lebendigen Tätowierungen konzipiert, verliert er in ruhigeren Momenten an Kontur. Die Szenen zwischen Maui und Vaiana pendeln zwischen pointiertem Schlagabtausch und ermüdendem Kreisen um dieselben Konflikte. Hei Hei, das Huhn, funktioniert als Komödienventil präzise dosiert und rettet manchen Szenenübergang, ohne die Erzählung zu unterbrechen.

„Vaiana“ ist kein Film, der das Disney-Formel-Rad neu erfindet – und er versucht es auch gar nicht. Sein Verdienst liegt in der Konsequenz, mit der er eine selbstständige, altruistisch handelnde Protagonistin ohne romantische Nebenhandlung in Szene setzt. Für Liebhaber des klassischen Disney-Abenteuerfilms, die visuell reichem Kino und polynesisch inspirierten Klängen gegenüber aufgeschlossen sind, erweist sich dieser Film als lohnendes Erlebnis.

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