Dem Horizont so nah

Es gibt Filme, die ihre Wirkung aus dem Schmerz ziehen, und solche, die den Schmerz zur Kulisse machen. Tim Trachtes „Dem Horizont so nah“ steht zwischen diesen Polen – ein Melodram, das eine authentische Biografie adaptiert und doch mit den Mitteln des glatten Teenager-Dramas arbeitet. Die Vorlage von Jessica Koch verspricht eine wahre Geschichte. Der Film verspricht große Gefühle. Was dabei entsteht, ist ein zwiespältiges, visuell ambitioniertes Stück deutsches Kino.

Dem Horizont so nah
Dauer: 117 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2019
Kategorien: Drama, Romantik
Regie: Tim Trachte
Produzenten: Kristina Löbbert, Dan Maag
Hauptdarsteller: Luna Wedler, Jannik Schümann, Luise Befort
Nebendarsteller: Victoria Mayer, Stephan Kampwirth, Denis Moschitto, Frederick Lau
Studio: StudioCanal, Pantaleon Films, SevenPictures Film

Der Bayerische Filmpreis für Luna Wedler markiert einen der Fixpunkte dieser Produktion. Die junge Schweizerin trägt weite Teile des Films auf ihren Schultern, während die eigentliche Tragödie – Dannys Geschichte – in einem seltsamen Schwebezustand verharrt. Fabian Röslers Breitwandbilder verleihen dem Stoff eine Dimension, die das Drehbuch nur bedingt einlöst. Bleibt die Frage, ob Ästhetik und Schauspielkunst genügen, um eine Erzählung zu tragen, die sich an der eigenen Vorlage verschluckt.

Besetzung, Regie und Drehorte

Regisseur Tim Trachte, zuvor vor allem mit Komödien und Kinderfilmen hervorgetreten, adaptierte mit „Dem Horizont so nah“ den 2016 erschienenen autobiografischen Roman von Jessica Koch. Das Drehbuch verfasste Ariane Schröder, die bereits bei „Hin und weg“ Erfahrung mit schweren Stoffen sammeln konnte. Die Produktion verantwortete Kristina Löbbert. Kamera führte Fabian Rösler, für den Schnitt zeichnete Charles Ladmiral verantwortlich. Die Filmmusik komponierte Michael Kamm und ließ sie vom Deutschen Filmorchester Babelsberg einspielen.

In den Hauptrollen agieren Jannik Schümann als Danny Taylor und Luna Wedler als Jessica Koch. An ihrer Seite spielt Luise Befort die traumatisierte Tina. Stephan Kampwirth und Victoria Mayer verkörpern Jessicas Eltern, Denis Moschitto übernimmt die Rolle des Betreuers Jörg, Frederick Lau gibt Dannys Kickboxtrainer Dogan. Weitere Nebenrollen besetzen Judith Paus, Kristin Hunold und Henry Horn. Schümann erhielt für seine Darstellung den Jupiter Award als bester Schauspieler.

Die Dreharbeiten liefen zwischen dem 18. September und dem 15. November 2018 in Köln, München und Portugal, wobei die portugiesische Atlantikküste die amerikanischen Schauplätze doubelt. Finanzielle Unterstützung erhielt das Projekt vom FilmFernsehFonds Bayern mit 450.000 Euro und von der Filmförderungsanstalt mit 300.000 Euro. Die Laufzeit beträgt 117 Minuten, die Altersfreigabe liegt bei FSK 12. Kinostart war der 10. Oktober 2019.

Handlung & Inhalt vom Film „Dem Horizont so nah“

Die achtzehnjährige Jessica Koch steht an einem Lebensübergang, der sie zugleich freudig erregt und leise verunsichert. Sie hilft im Catering-Betrieb ihrer Eltern, lebt in bürgerlich geordneten Bahnen und sieht die Zukunft eigentlich als planbare Größe. Dann trifft sie auf Danny Taylor, Model und Kickboxer, dessen Äußeres makellos wirkt. Die Anziehung ist unmittelbar. Danny jedoch blockt jede emotionale Annäherung ab. Er verletzt Jessica bewusst, schafft Distanz, zieht sich zurück. Jessica begreift das nicht als Zurückweisung, sondern als Herausforderung. Sie kämpft um ihn, gegen seinen Widerstand und den ihrer Familie. Danny gibt schließlich nach und lässt die Verbindung zu.

Hinter Dannys Fassade liegt ein Abgrund, den Jessica erst nach und nach erahnt. Als Kind wurde er von seinem Vater schwer misshandelt und vergewaltigt. Der Vater infizierte ihn dabei mit HIV. Jessica bemerkt zunächst nur Unstimmigkeiten – etwa Dannys panische Reaktion nach einem gemeinsamen Fahrradunfall. Als die Wahrheit ans Licht kommt, ist sie erschüttert, bleibt aber bei ihm. In Dannys Umfeld lernt sie Tina kennen, seine Mitbewohnerin und engste Freundin. Tina war drogenabhängig und prostituierte sich, ein gemeinsames Trauma verbindet die beiden. Jessica muss sich ihren Platz in diesem Gefüge erst erkämpfen.

Zwischen Verlust und letzter Entscheidung

Die Dreierkonstellation findet zu einer fragilen Balance. Tina wird zur Freundin, das gemeinsame Schlafen der beiden Traumatisierten akzeptiert Jessica als Form der Fürsorge. Dann erreicht Tina die Nachricht, dass ihr Vater aus der Haft entlassen wurde. Der Rückfall kommt schnell und heftig. Danny findet sie bewusstlos in einer Drogenwohnung und bringt sie in die Klinik. Jede Hilfe kommt zu spät. Tina stirbt. Der Verlust reißt eine Lücke, die Danny körperlich spürt. Die Trauer lähmt ihn, zieht ihn nach innen.

Ein Autounfall infolge eines Sekundenschlafs führt zur Diagnose, die alles verändert. Der Ausbruch der Krankheit hat sich beschleunigt, die Ärzte sprechen von drei bis fünfzehn Monaten Lebenserwartung. Lähmungen und Erblindung werden prognostiziert. Trotz der Nachricht reisen Jessica und Danny gemeinsam in die USA, wie ursprünglich geplant. Dort offenbart Danny seiner Freundin, dass er die lebensverlängernde Therapie ablehnt. Er will selbstbestimmt sterben, bevor der eigene Körper ihm die Würde nimmt.

Nach der Rückkehr gerät das Paar noch einmal aneinander. Jessica ringt mit Dannys Entscheidung, akzeptiert sie am Ende jedoch. Sie will ihn nicht zu einer Behandlung drängen, die er ablehnt. Kurz darauf findet sie einen Abschiedsbrief. Danny hat sie verlassen, sein Haus überschrieben, ein Konto auf ihren Namen hinterlegt. Sein letzter Gruß verweist auf ein Gedicht von Joseph von Eichendorff, das die Liebenden seit den Anfangstagen ihrer Beziehung verband. Jessica bleibt zurück – mit dem Schmerz, dem Erbe und der Erinnerung.

Filmkritik und Fazit zum Film „Dem Horizont so nah“

Die größte Stärke von „Dem Horizont so nah“ liegt in den Bildern. Fabian Röslers Kamera arbeitet mit Breitwandkompositionen, die der portugiesischen Küste eine fast epische Weite verleihen und selbst den Kölner Umlandszenen eine sorgsam gewählte Lichtstimmung geben. Michael Kamms Orchestrierung durch das Deutsche Filmorchester Babelsberg unterstreicht die emotionalen Passagen wirkungsvoll, tendiert aber dazu, die Szenen mehrfach zu überzuckern. Luna Wedler hält dagegen. Ihr Spiel ist konzentriert, präzise und in jeder Regung glaubwürdig.

Das Drehbuch von Ariane Schröder folgt einer klaren Dramaturgie, verliert dabei jedoch die Fallhöhe, die der Stoff eigentlich bereithält. Dannys Krankheit bleibt lange eine abstrakte Drohung, weil die Inszenierung ihren Protagonisten als Model, Kickboxer und Weltreisenden zeigt – Danny wirkt bis in den letzten Akt hinein zu vital, um als Todgeweihter Wirkung zu entfalten. Die Tina-Figur leidet unter ähnlicher Skizzenhaftigkeit. Dennoch gelingen Trachte einzelne starke Momente, etwa die stille Offenbarungsszene nach dem Fahrradunfall oder der Abschied am Meer.

Wer sich auf ein konventionelles Melodram einlässt, wird bedient. Wer dem Stoff die Tiefe zutraut, die seine reale Grundlage verdient hätte, bleibt mit einem Gefühl der verpassten Möglichkeit zurück. Für Genre-Liebhaber lohnt der Film dank Wedlers herausragender Leistung und der eleganten Bildsprache. Ein großer Wurf im Feld des deutschen Autorenkinos ist er nicht.

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