Wochenendrebellen
Deutsche Tragikomödien tragen oft eine doppelte Last. Sie wollen unterhalten, ohne ihre ernsten Themen zu verraten, und sie wollen berühren, ohne in Rührseligkeit zu kippen. Marc Rothemunds „Wochenendrebellen“ stellt sich dieser Gratwanderung mit einer Geschichte, die zwischen Fußballstadion und Astrophysik oszilliert. Im Zentrum steht ein zehnjähriger Autist, dessen Blick auf die Welt der Film nicht bebildert, sondern körperlich erfahrbar macht. Die Vorlage liefert die reale Biografie von Mirco und Jason von Juterczenka. Was Richard Kropf daraus formt, ist mehr als eine Verfilmung.

| Dauer: | 109 Min. |
|---|---|
| FSK: | 6 (DE) |
| Jahr: | 2023 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | Marc Rothemund |
| Produzenten: | Justyna Müsch, Quirin Berg, Max Wiedemann |
| Hauptdarsteller: | Florian David Fitz, Aylin Tezel, Cecilio Andresen |
| Nebendarsteller: | Joachim Król, Petra-Maria Cammin, Leslie Malton, Milena Dreißig |
| Studio: | Wiedemann & Berg Film, Leonine Studios, SevenPictures Film |
Der Regisseur setzt auf einen Ton, der Humor und Schmerz ineinanderschiebt. Weder Pathos noch Betroffenheit dominieren die Bildsprache, und genau darin liegt die Besonderheit. Das Sounddesign übernimmt, was Dialoge nicht leisten können. Es lässt das Publikum mithören, was für Jason Alltag bedeutet. Hinter der scheinbar leichten Prämisse einer Stadionreise verbirgt sich eine präzise Studie über familiäre Belastungsgrenzen. Bleibt die Frage, ob das Versprechen der Vorlage filmisch eingelöst wird?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Wochenendrebellen“ entstand 2021 unter der Regie von Marc Rothemund nach einem Drehbuch von Richard Kropf. Produziert wurde die Tragikomödie von Wiedemann & Berg Filmproduktion, mit Quirin Berg, Max Wiedemann und Justyna Müsch als verantwortlichen Produzenten. Die Musik komponierten Johnny Klimek und Hans Hafner, die Kamera führte Philip Peschlow. Für den Schnitt zeichneten Hans Horn und Chris Mühlbauer verantwortlich. Finanzielle Förderung erhielt das Projekt vom Deutschen Filmförderfonds, der Filmförderungsanstalt sowie regionalen Medienboards aus Berlin-Brandenburg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.
Die zentralen Rollen übernahmen Florian David Fitz als Vater Mirco und der neunjährige Cecilio Andresen als Jason, der damit sein Kinodebüt gab. Aylin Tezel spielt die albanischstämmige Mutter Fatime. Joachim Król und Petra Marie Cammin sind als Großeltern Gerd und Manuela besetzt, Florina Siegel als Schwester Lucy. In weiteren Rollen treten Leslie Malton, İlknur Boyraz, Michaela Wiebusch, Milena Dreißig und Tilo Nest auf. Die realen Vorbilder Mirco und Jason von Juterczenka haben Cameo-Auftritte als Fußballfans.
Der Film startete am 28. September 2023 in den deutschen Kinos und erreichte eine Laufzeit von 109 Minuten bei FSK 6. Gedreht wurde in sieben Stadien, darunter das Olympiastadion, der Signal Iduna Park und die Allianz Arena. Florian David Fitz erhielt beim Bayerischen Filmpreis 2022 die Auszeichnung als Bester Darsteller. Die Deutsche Film- und Medienbewertung vergab das Prädikat „besonders wertvoll“.
Handlung & Inhalt vom Film „Wochenendrebellen“
Der zehnjährige Jason lebt mit seinen Eltern Mirco und Fatime sowie seiner kleinen Schwester Lucy in einem Einfamilienhaus im nordrhein-westfälischen Haan. Sein Alltag folgt streng selbst gesetzten Regeln. Essen darf sich auf dem Teller nicht berühren, Plätze sind fest definiert, Routinen nicht verhandelbar. Da Mirco als Supervisor einer Burger-Kette beruflich die gesamte Woche unterwegs ist, trägt Fatime die Hauptlast der Erziehung. Jasons autismusbedingte Wutausbrüche belasten die Familie zunehmend. In der Schule kommt es zu wiederholten Vorfällen mit Mitschülern und Lehrern. Die Schulleiterin Frau Bussart empfiehlt den Wechsel auf eine Förderschule, obwohl Jason wissenschaftlich hochbegabt ist.
Opa Gerd schlägt vor, Jason könne über einen Fußballverein soziale Kontakte knüpfen. Der Junge zeigt zunächst kein Interesse an Sport, entwickelt dann aber eine fixe Idee: Er will einen Lieblingsverein finden. Mirco formuliert einen Pakt. An Wochenenden reisen beide gemeinsam zu Fußballspielen, im Gegenzug soll sich Jason in der Schule nicht mehr provozieren lassen. Der Junge akzeptiert unter einer Bedingung. Erst wenn er alle 56 Profivereine der ersten drei deutschen Ligen gesehen hat, trifft er seine Wahl. Per Los wird jedes Wochenende ein neues Ziel bestimmt. Die Anreise erfolgt aus ökologischen Gründen ausschließlich mit der Bahn.
Zwischen Stadionlärm und Vaterpflichten
Die Stadionbesuche fordern Jason auf allen Ebenen heraus. Bereits die Sicherheitskontrollen bedeuten für ihn belastenden Körperkontakt, während die Tribünen zusätzlich akustische Reizüberflutung auslösen. Dennoch lernt er mit der Zeit, diese Belastungen zunehmend auszuhalten. Gleichzeitig bleiben seine Auswahlkriterien kompromisslos streng: Das Stadion muss nicht nur barrierefrei, sondern auch umweltfreundlich sein. Darüber hinaus dürfen die Fans keinerlei rechtsextreme Tendenzen zeigen. Sogar ein „bescheuertes“ Maskottchen führt ebenso zum Ausschluss wie bunte Fußballschuhe oder der ritualisierte Spielerkreis nach Abpfiff. Folglich scheiden nach und nach fast alle Vereine aus dem Rennen aus.
Als Mirco schließlich zu einer Filialeröffnung nach Riga reisen muss, begleitet Jason ihn voller Hoffnung, dort vielleicht endlich den richtigen Verein zu finden. Doch bereits unterwegs sorgt eine Kette von Missgeschicken dafür, dass Mirco nicht rechtzeitig im Büro erscheint. In seiner Frustration macht er Jason mitverantwortlich und bricht außerdem das Versprechen, das geplante Stadionerlebnis trotzdem umzusetzen. Dadurch entsteht unmittelbar ein tiefer Bruch zwischen Vater und Sohn. Während Mirco zunehmend die Kontrolle verliert, zieht sich Jason vollständig zurück, schließt sich in seinem Zimmer ein und verweigert tagelang jedes Gespräch. Somit wird ausgerechnet die Reise, die beide eigentlich näher zusammenbringen sollte, zu ihrem emotionalen Tiefpunkt.
Um die Beziehung zu retten, organisiert Mirco einen Besuch am lokalen Wissenschaftszentrum, wo Jason künftig regelmäßig forschen darf. Die Versöhnung gelingt. Als letzte gemeinsame Station wählen beide das Berliner Olympiastadion. Dort erfährt Jason von der NS-Geschichte des Bauwerks und entscheidet sich spontan um. Er besucht stattdessen ein Spiel des Regionalligisten SV Babelsberg 03. Die Kriterien scheinen erfüllt, bis die Spieler nach Abpfiff einen Kreis bilden. Enttäuscht treten beide die Heimreise an. Mirco hat verstanden, dass die gemeinsame Zeit zählt, und Jason klärt später seine Mitschüler über sein Anderssein auf.
Filmkritik und Fazit zum Film „Wochenendrebellen“
„Wochenendrebellen“ gewinnt seine erzählerische Kraft weniger aus der Handlung als aus der sensorischen Übersetzung von Autismus. Rothemunds Inszenierung gewichtet den Ton höher als das Bild, und dieser Ansatz trägt den Film. Das Sounddesign macht nachvollziehbar, was Dialoge nicht ausdrücken können. Eine Zugszene, in der sich Nudeln und Soße auf dem Teller berühren, illustriert das mit präziser Beiläufigkeit. Florian David Fitz verkörpert Mirco mit einer ruhigen Verlässlichkeit, die dem Film emotionales Fundament gibt. Cecilio Andresen überzeugt durch eine Direktheit, die weder Mitleid noch Ehrfurcht provoziert.
Die Kameraarbeit von Philip Peschlow bleibt funktional, gewinnt aber in den Stadionszenen dokumentarische Qualität. Der Verzicht auf CGI zugunsten realer Spielatmosphären zahlt sich aus. Rothemund nutzt die Umgebung, statt sie zu bebildern. Die Musik von Johnny Klimek und Hans Hafner ordnet sich klug unter. Erzählerisch folgt das Drehbuch von Richard Kropf allerdings einem vertrauten Muster. Konflikte werden aufgestellt und zügig aufgelöst, Nebenfiguren bleiben Skizzen. Die Darstellung des Autismus bewegt sich streckenweise nahe an einer inselbegabten Genie-Stilisierung, die aus der Wirkungsgeschichte von „Rain Man“ bekannt ist.
Der Film bleibt trotz dramaturgischer Glättungen ein bemerkenswerter Beitrag zum deutschen Familienkino. Seine Stärke liegt im Perspektivwechsel, der ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Wer sich auf die akustische Dimension einlässt, erlebt eine ungewöhnliche Form filmischer Empathie. Für Liebhaber nuancierter Tragikomödien mit dokumentarischem Einschlag lohnt sich der Kinobesuch. Die Rebellion findet nicht auf dem Platz statt, sondern in der Wahrnehmung.