Der Fall Collini

Es gibt Geschichten, die sich weigern, bloße Unterhaltung zu sein. „Der Fall Collini“ gehört dazu. Marco Kreuzpaintner verfilmt Ferdinand von Schirachs gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2011 mit dem Anspruch, eine juristische Kriminalgeschichte zu erzählen – und landet dabei mitten in einer der dunkelsten Kapitel bundesdeutscher Rechtsgeschichte. Der Film fragt, wie eine Demokratie mit dem Unrecht ihrer Vorgänger umgeht. Die Antwort, die er findet, ist keine angenehme.

Der Fall Collini
Dauer: 118 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2019
Kategorien: Drama, Thriller
Regie: Marco Kreuzpaintner
Produzenten: Christoph Müller, Kerstin Schmidbauer, Marcel Hartges
Hauptdarsteller: Elyas M'Barek, Heiner Lauterbach, Alexandra Maria Lara
Nebendarsteller: Jannis Niewöhner, Rainer Bock, Catrin Striebeck, Franco Nero
Studio: Constantin Film, Mythos Film, SevenPictures Film

Denn hinter dem scheinbar klaren Mordfall verbirgt sich eine systematische Niederlage des Rechts. Ein Rentner tötet einen angesehenen Industriellen. Ein junger Anwalt übernimmt die Verteidigung. Was wie ein konventioneller Gerichtsthriller beginnt, entpuppt sich als moralisches Labyrinth, in dem die eigentliche Schuld längst verjährt ist – durch ein Gesetz, das genau dafür geschaffen wurde. Wer trägt Verantwortung, wenn das Recht selbst zum Werkzeug der Straflosigkeit wird?

Besetzung, Regie und Drehorte

Der Fall Collini“ ist eine Produktion der Constantin Film AG aus dem Jahr 2019. Regie führte Marco Kreuzpaintner, der zuvor mit Projekten wie „Coming In“ und der Streaming-Serie „Beat“ arbeitete. Das Drehbuch verfassten Christian Zübert, Robert Gold und Jens-Frederik Otto nach dem gleichnamigen Bestseller von Ferdinand von Schirach. Kameramann Jakub Bejnarowicz zeichnete für die Bildgestaltung verantwortlich, den Schnitt übernahm Johannes Hubrich. Die Filmmusik komponierte Ben Lukas Boysen.

Elyas M’Barek spielt den Pflichtverteidiger Caspar Leinen, Franco Nero verkörpert den schweigsamen Angeklagten Fabrizio Collini. Alexandra Maria Lara ist als Caspars Jugendliebe Johanna Meyer zu sehen, Heiner Lauterbach als ihr Rechtsanwalt und Leinens Gegenspieler Richard Mattinger. Jannis Niewöhner übernimmt die Rolle des jungen Hans Meyer in den Rückblenden, Manfred Zapatka spielt den älteren Meyer. Rainer Bock ist als Oberstaatsanwalt Reimers besetzt.

Die Dreharbeiten fanden zwischen August und Oktober 2018 in Berlin und Italien statt. Der Film kam am 18. April 2019 in die deutschen Kinos, seine Premiere feierte er im Berliner Zoo Palast. Mit einer Laufzeit von 123 Minuten ist er FSK 12 freigegeben. Beim Haugesund Filmfestival 2020 erhielt er den Publikumspreis; zudem wurde er als deutscher Beitrag für die Oscarverleihung 2020 eingereicht.

Handlung & Inhalt vom Film „Der Fall Collini“

Berlin, 2001. Im Nobellokal eines Stadthotels liegt der Industrielle Jean-Baptiste Meyer erschossen auf dem Boden. Der Täter, ein älterer italienischer Rentner namens Fabrizio Collini, wartet ruhig in der Hotellobby auf die Polizei. Er stellt sich ohne Widerstand. Der frisch zugelassene Rechtsanwalt Caspar Leinen wird als Pflichtverteidiger bestellt. Als er den Namen des Opfers erfährt, bricht ihm der Boden unter den Füßen weg. Meyer war kein Fremder für ihn. Er war wie ein Ziehvater, der Großvater seines verstorbenen Schulfreundes Philipp – und der Großvater von Johanna, mit der Leinen verbunden war und ist.

Leinen will das Mandat niederlegen. Er erklärt sich für befangen. Doch weder sein ehemaliger Hochschulprofessor Richard Mattinger, der nun als Nebenkläger die Familie Meyer vertritt, noch der Oberstaatsanwalt Reimers lassen ihn los. Mattinger rät dem jungen Anwalt sogar, seine persönlichen Bindungen zu unterdrücken und das Mandat fortzuführen. Collini schweigt zu allem. Keine Erklärung, kein Geständnis, keine Regung. Mattinger unterbreitet Leinen einen Deal: Bringe Collini zu einem Geständnis, und die Anklage lautet nur auf Totschlag. Leinen lehnt ab – und sucht weiter.

Vergangenheit als Schlüssel zur Gegenwart

Als im Gerichtssaal die Tatwaffe präsentiert wird, erinnert sich Leinen an eine frühere Begegnung. Philipp hatte ihm einst in Meyers Bibliothek dieselbe Waffe gezeigt – eine Walther P38, als Mordwaffe längst aus der Mode gekommen. Der Zufall wird zum Schlüssel. Leinen erwirkt eine Verhandlungspause und reist nach Montecatini, dem toskanischen Heimatdorf Collinis. Was er dort erfährt, verändert die gesamte Dimension des Falls. Im Jahr 1944 führte der damalige SS-Sturmbannführer Hans Meyer in dieser Region eine Vergeltungsaktion gegen die Zivilbevölkerung durch. Unter den willkürlich Ausgewählten war der Vater des Angeklagten. Der kleine Fabrizio musste zusehen, wie sein Vater nach einer Erschießung durch Pistolenschüsse getötet wurde.

Leinen kehrt mit diesem Wissen zurück. Mattinger versucht ihn mit dem Versprechen lukrativer Wirtschaftsmandate zum Schweigen zu bringen, doch Leinen lässt sich nicht kaufen. Der Zeuge Lucchesi tritt vor Gericht auf, und erst jetzt bricht Collinis Schweigen. Er schildert seine Motive – die jahrzehntelange Last eines Kindes, das Zeuge eines Verbrechens wurde. Mattinger erklärt das für unerheblich. Doch Leinen recherchiert weiter und stößt auf eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 1968: NS-Verbrechen wie das von Meyer wurden damals rückwirkend auf Totschlag herabgestuft und galten damit als verjährt. Collini und seine Schwester hatten bereits Strafanzeige erstattet – das Verfahren war eingestellt worden, nicht weil Meyer unschuldig war, sondern weil das Gesetz es so vorsah.

Im Gericht konfrontiert Leinen Mattinger damit, dass dieser selbst in das damalige Gesetzgebungsverfahren involviert war. Der erfahrene Anwalt bricht kurz zusammen und gesteht ein, dass diese Regelung Unrecht war. Das Urteil soll am folgenden Tag gesprochen werden. Doch dazu kommt es nicht. Collini hat sich in der Nacht das Leben genommen. Per Post erreicht Leinen kurz darauf ein Foto, das der Verstorbene ihm hinterlassen hat: Es zeigt Fabrizio Collini als Kind – mit seinem Vater.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der Fall Collini“

Der Fall Collini“ entwickelt seine Stärke dort, wo er aufhört, ein Justizthriller zu sein, und anfängt, eine Geschichtsstunde zu werden. Kreuzpaintners Inszenierung ist handwerklich solide, manchmal zu glatt, doch sie besitzt Haltung. Die Kamera von Jakub Bejnarowicz setzt bewusst auf kühle Eleganz: Berliner Nachtszenen, sterile Gerichtssäle, das warme Licht toskanischer Dörfer – diese Kontraste arbeiten für den Film, ohne zu illustrieren. Elyas M’Barek trägt die Hauptlast mit einer Ernsthaftigkeit, die man ihm anfangs nicht zutraut, und gewinnt das Publikum durch graduelle Glaubwürdigkeit. Franco Nero spielt Schweigen so, dass jede Regung seines Gesichts ein vollständiger Satz ist.

Die erste Filmhälfte leidet an einem strukturellen Problem: Der Zuschauer ahnt die Antwort auf die Frage nach Collinis Motiv früh, während die Erzählung noch sucht. Das schafft keine Spannung, sondern Ungeduld. Dort, wo Leinen Erkenntnis für Erkenntnis ringt, ist dem Publikum längst klar, dass die Vergangenheit schuldig ist. Andererseits entfaltet das letzte Drittel eine Dringlichkeit, die das frühere Zögern fast rechtfertigt. Die Gerichtsszene zwischen M’Barek und Lauterbach – wenn der junge Anwalt den erfahrenen Gegenspieler in die Enge treibt – besitzt echte dramatische Spannung. Ben Lukas Boysens Musik hält sich klug zurück und verzichtet auf emotionale Druckmittel.

Der Fall Collini ist kein makelloser Film, aber ein notwendiger. Seine eigentliche Wirkung liegt nicht im Spannungsbogen, sondern in dem Moment, in dem man begreift, dass das geschilderte Recht real war. Für alle, die mit deutschen Politthrillern etwas anfangen können und das Kino gelegentlich als Ort moralischer Auseinandersetzung schätzen, ist dieser Film eine ernsthafte Empfehlung – auch wegen seiner Weigerung, mit einem befriedigenden Ende zu versöhnen.

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