Die kleine Hexe
Manchmal kehren Geschichten nach Hause zurück, als wären sie nie weggewesen. „Die kleine Hexe“ von Regisseur Michael Schaerer aus dem Jahr 2018 ist eine solche Rückkehr: eine Realverfilmung des gleichnamigen Kinderbuchklassikers von Otfried Preußler, die mit spürbarer Zuneigung zur Vorlage entstand. Der Film entscheidet sich für handgemachte Magie statt digitaler Hochglanzwelt – und trägt diese Entscheidung mit Überzeugung.

| Dauer: | 103 Min. |
|---|---|
| FSK: | PG (GB) |
| Jahr: | 2018 |
| Kategorien: | Abenteuer, Komödie |
| Regie: | Michael Schaerer |
| Produzenten: | Ulrike Putz, Jakob Claussen |
| Hauptdarsteller: | Karoline Herfurth, Axel Prahl, Luis Vorbach |
| Nebendarsteller: | Momo Beier, Michael Gempart, Anna Striesow, Suzanne von Borsody |
| Studio: | Claussen+Putz Filmproduktion, Zodiac Pictures, StudioCanal, SRF, Teleclub |
Was bedeutet es, gut zu sein – in einer Welt, die Güte als Schwäche betrachtet? Diese Frage stellt Preußlers Stoff bereits seit 1957, und Schaerer macht sie zum Herzstück seines Films. Eine junge Hexe, die zu jung für das große Fest ist, begibt sich auf eine Reise der moralischen Selbstfindung. Ob diese Reise auf der Leinwand funktioniert, ist eine andere Geschichte.
Besetzung, Regie und Drehorte
„Die kleine Hexe“ ist eine deutsch-schweizerische Koproduktion aus dem Jahr 2018, entstanden unter der Regie von Michael Schaerer, der zuvor als Cutter unter anderem an der erfolgreichen Heidi-Verfilmung beteiligt war. Das Drehbuch stammt von Matthias Pacht, die Kamera verantwortete Matthias Fleischer, den Schnitt übernahm Wolfgang Weigl. Produziert wurde der Film von Jakob Claussen und Ulrike Putz, die Musik komponierte das Geschwister-Trio Diego, Nora und Lionel Vincent Baldenweg.
Die Hauptrolle der kleinen Hexe übernimmt Karoline Herfurth mit bemerkenswerter Natürlichkeit. Ihrem sprechenden Raben Abraxas leiht Axel Prahl seine unverkennbare Stimme – der Vogel selbst ist als Animatronic realisiert. Suzanne von Borsody gibt die böse Hexe Rumpumpel, die Kinder Vroni und Thomas werden von Momo Beier und Luis Vorbach gespielt. Therese Affolter verkörpert die Oberhexe, Thomas Loibl den Revierförster.
Der Film wurde an mehreren deutschen Originalschauplätzen gedreht: in Blankenburg im Harz, in Wunsiedel, Erfurt, Heldrungen sowie im Kloster Veßra. Er startete am 1. Februar 2018 in den deutschen Kinos. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Bayerischen Filmpreis für Bildgestaltung, dem Schweizer Filmpreis für die beste Filmmusik sowie dem Gilde-Filmpreis als bester Kinderfilm. Für den Deutschen Filmpreis und die Romyverleihung erhielt er weitere Nominierungen.
Handlung & Inhalt vom Film „Die kleine Hexe“
Tief im Wald, in einem windschiefen Häuschen, lebt die kleine Hexe gemeinsam mit ihrem sprechenden Raben Abraxas. Sie ist 127 Jahre alt – nach Hexenmaßstäben noch ein Kind. Ihr größter Wunsch ist es, in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg mit den großen Hexen zu tanzen und zu feiern. Doch dieses Fest ist ihr verwehrt. Zu jung, zu unerfahren, zu wenig anerkannt. Die Hexengemeinschaft folgt strengen Regeln, und die kleine Hexe hat in dieser Ordnung noch keinen festen Platz.
Als sie sich trotzdem heimlich in die Walpurgisnacht schleicht, wird sie von ihrer Tante Rumpumpel entdeckt. Die Strafe folgt unmittelbar: Ihr Hexenbesen wird verbrannt. Ohne Transportmittel braucht sie drei Tage und drei Nächte, um nach Hause zu finden, und muss sich beim Händler Pfefferkorn einen neuen Besen kaufen. Gleichzeitig wird ihr in Aussicht gestellt: Wer bis zur nächsten Walpurgisnacht beweist, eine gute Hexe zu sein, darf dann mitfeiern. Die kleine Hexe nimmt die Herausforderung an – und beginnt, sich ernsthaft um Güte zu bemühen.
Zwischen Bewährung und Verrat der Regeln
Ein Jahr lang vollbringt sie gute Taten. Sie hilft drei alten Frauen im Wald, die kein Brennholz finden, indem sie einen Sturm erzeugt, der Äste und Rindenstücke von den Bäumen schüttelt. Sie lernt die Wirtshauskinder Vroni und Thomas kennen, die sich vor ihrer Haustür verlaufen haben, und lässt sie eintreten. An einem Freitag – dem hexenlosen Tag – zaubert sie für die Kinder kleine Kunststücke. Als Rumpumpel auftaucht und Verdacht schöpft, gelingt es der kleinen Hexe, sie zu beschwichtigen. Der Rabe Abraxas ist in all diesen Momenten ihr treuer Begleiter und kritischer Kommentator.
Nach einem Jahr tritt sie vor den Hexenrat – und scheitert. Nicht weil ihre Taten unzulänglich wären, sondern weil der Rat eine völlig andere Vorstellung von Güte hat. Eine Hexe soll gut darin sein, böse zu sein. Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen gilt als Verfehlung. Als Strafe soll sie das Holz für den Walpurgisnacht-Scheiterhaufen zusammentragen – und außerdem Vroni und Thomas in Steine verwandeln. Dieser Auftrag markiert den entscheidenden Wendepunkt.
Die kleine Hexe verweigert den Auftrag. Sie gibt den Kindern statt des Verfluchungsspruchs einen Schutzzauber mit auf den Weg. Dann wendet sie sich gegen die gesamte Hexengemeinschaft: Sie verhext alle großen Hexen und verwandelt sie in Kröten. Deren Zauberbücher und Besen lässt sie herbeizaubern und verwendet sie als Holz für einen eigenen Scheiterhaufen. Gemeinsam mit Abraxas feiert sie ihre persönliche, selbst bestimmte Walpurgisnacht – allein, aber frei. Die Hexengemeinschaft hat sich selbst ausgelöscht, durch ihre eigene Bösartigkeit. Die kleine Hexe hat gesiegt, zahlt aber keinen versöhnlichen Preis.
Filmkritik und Fazit zum Film „Die kleine Hexe“
„Die kleine Hexe“ ist ein Film, der sich bewusst gegen den Zeitgeist stellt – und darin liegt sowohl seine Stärke als auch sein größtes Risiko. Matthias Fleischers Kamera fängt die Drehorte mit warmer, fast nostalgischer Bildsprache ein, und das Setdesign des Hexenhäuschens steckt voller liebevoller Details. Karoline Herfurth trägt den Film mit einer Leichtigkeit, die selten ist: Sie spielt die kleine Hexe nicht als niedliche Kinderfigur, sondern als eigenständiges Wesen mit echtem moralischem Gewicht. Axel Prahl verleiht dem Animatronic-Raben eine Wärme, die elektronische Bewegungen weit übertrifft.
Visuell setzt der Film auf Handarbeit statt Hightech – und das ist eine Entscheidung, die man respektieren muss, auch wenn sie nicht immer aufgeht. Die bewusst altmodischen praktischen Effekte, etwa fallende Löffel oder echte Tannenzapfen, wirken charmant und konsequent. Die Greenscreen-Sequenzen hingegen, besonders beim Besenflug, stören den Gesamteindruck spürbar. Die Filmmusik der Baldenwegs – ausgezeichnet mit dem Schweizer Filmpreis – fügt sich organisch ins Geschehen und verzichtet auf dramatische Überwältigung. Was das Erzähltempo betrifft, nimmt sich Schaerer mehr Zeit für atmosphärische Bilder als für die Vermittlung eines Zeitgefühls. Das Jahr, das die kleine Hexe auf Bewährung verbringt, ist kaum als solches zu erleben.
Wer Preußlers Vorlage kennt, wird das radikale Ende nicht als Bruch empfinden – es ist dort bereits angelegt. Doch für ein jüngeres Publikum ohne Vorwissen kommt die moralische Schärfe des Finales unvermittelt. Der Film lohnt sich dennoch: als handwerklich eigenwilliges Familienabenteuer mit einer zentralen Darstellerin, die dem Stoff echte Würde verleiht, und als seltener Beweis, dass deutsches Kino auch ohne digitale Überwältigung Magie erzeugen kann.