Dunkirk

Krieg als Erfahrungsraum, nicht als Schlachtgemälde – das ist die Prämisse, mit der Christopher Nolan 2017 den Stoff der Operation Dynamo neu ordnet. „Dunkirk“ erzählt von der Evakuierung britischer Soldaten aus dem eingekesselten Dünkirchen im Mai 1940, verzichtet dabei konsequent auf Heldennarrative und klassische Dramaturgie. Der Film setzt auf Unmittelbarkeit statt auf Erklärung, auf Atmosphäre statt auf Biografie.

Dunkirk
Dauer: 107 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2017
Kategorien: Drama, Historisch
Regie: Christopher Nolan
Produzenten: Christopher Nolan, Emma Thomas
Hauptdarsteller: Fionn Whitehead, Tom Hardy, Mark Rylance
Nebendarsteller: Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Barry Keoghan, Harry Styles
Studio: Warner Bros. Pictures, Syncopy, Dombey Street Productions

Nolan selbst bezeichnete den Film nicht als Kriegsfilm, sondern als Überlebensfilm. Diese Unterscheidung ist mehr als Koketterie. Sie verweist auf einen konzeptionellen Kern, der den Film von nahezu jedem anderen Werk seines Genres trennt. Worin aber liegt das eigentliche Gewicht dieser Inszenierung – in der formalen Radikalität oder in der emotionalen Wirkung?

Besetzung, Regie und Drehorte

Dunkirk“ entstand unter der Regie und nach dem Drehbuch von Christopher Nolan als britisch-amerikanisch-französisch-niederländische Koproduktion. Die Produktionsleitung teilte er mit seiner Frau Emma Thomas. Kameramann Hoyte van Hoytema, mit dem Nolan bereits bei „Interstellar“ zusammenarbeitete, drehte über 70 Prozent des Films im IMAX-Format auf 65-mm-Film. Den Schnitt verantwortete Lee Smith, ebenfalls ein langjähriger Weggefährte Nolans.

Die Besetzung vereint erfahrene Charakterdarsteller mit bewusst gewählten Newcomern. Fionn Whitehead gibt als Soldat Tommy sein Filmdebüt; Harry Styles, Mitglied der Band One Direction, spielt einen weiteren Strandsoldat. Mark Rylance verkörpert den Zivilisten Mr. Dawson, Tom Hardy den Kampfpiloten Farrier und Cillian Murphy einen traumatisierten Überlebenden. Kenneth Branagh und James D’Arcy übernehmen die Rollen hochrangiger Offiziere. Nolan setzte auf junge Darsteller, weil die historischen Soldaten selbst überwiegend um die zwanzig Jahre alt waren.

Der Film wurde an Originalschauplätzen in Dünkirchen sowie in Swanage, Weymouth und Teilen von Dorset gedreht; Meeresszenen entstanden am ruhigeren niederländischen IJsselmeer. Die Filmmusik schrieb Hans Zimmer, der mit tickenden Uhren, Synthesizern und Streichern eine nahezu ununterbrochene Klangkulisse schuf. „Dunkirk“ erhielt drei Oscars – für Schnitt, Ton und Tonschnitt –, war darüber hinaus in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Beste Kamera nominiert.

Handlung & Inhalt vom Film „Dunkirk“

Frankreich, Frühjahr 1940. Der britische Soldat Tommy überlebt als Einziger einen Hinterhalt in den Straßen der Stadt Dünkirchen und flüchtet zum Strand. Dort warten Zehntausende Soldaten auf eine Überfahrt nach Großbritannien. Tommy trifft auf Gibson, der gerade einen Toten begräbt. Gemeinsam versuchen die beiden, sich mithilfe eines Schwerverwundeten einen Platz auf einem Lazarettschiff zu erschleichen. Das Schiff wird von einem deutschen Bomber versenkt. Sie entkommen, geraten aber auf dem nächsten Kriegsschiff erneut in Gefahr: Ein U-Boot feuert einen Torpedo ab.

Zur gleichen Zeit bricht der Zivilist Mr. Dawson mit seinem Sohn Peter und dessen Freund George auf seinem kleinen Privatboot „Moonstone“ Richtung Dünkirchen auf. Sie retten unterwegs einen traumatisierten Soldaten aus dem Wasser, dessen Schiff durch einen Torpedoangriff zerstört wurde. Der Mann wehrt sich verzweifelt, will nicht zurück nach Dünkirchen. Im Gerangel stößt er George die Treppe hinunter. George erleidet eine schwere Kopfverletzung, der er kurz darauf erliegt. In der Luft sichern die Piloten Farrier und Collins das Evakuierungsgeschehen gegen deutsche Angriffe. Collins muss nach einem Treffer auf dem Wasser notlanden.

Zwischen Chaos und letzter Hoffnung

Tommy, Gibson und der Soldat Alex finden am Strand ein gestrandetes Boot und planen mit einer kleinen Gruppe den nächsten Fluchtversuch. Alex verdächtigt Gibson der Spionage, weil dieser kein Wort spricht. Gibson ist in Wahrheit ein Franzose, der sich als Brite ausgibt, da die Franzosen von der Evakuierung zunächst ausgeschlossen werden sollen. Auch dieser Versuch misslingt: Das Boot wird beschossen und sinkt. Tommy und Alex können sich befreien. Gibson verheddert sich beim Ausstieg und ertrinkt. Am Pier koordiniert Commander Bolton die Rettungsaktion und sieht hilflos zu, wie Schiff um Schiff versenkt wird.

In der Luft kämpft Farrier unerbittlich weiter, obwohl sein Treibstoffstand bedrohlich sinkt. Die Moonstone nähert sich dem Kampfgebiet und rettet Pilot Collins aus seiner versinkenden Spitfire. Immer mehr Zivilboote stoßen zur Evakuierung hinzu. Dann stürzt ein getroffener deutscher Bomber über einem ölverseuchten Meeresabschnitt ab und setzt die Wasseroberfläche in Brand. Die Moonstone muss abdrehen, bevor alle Überlebenden gerettet werden können. Unter den Geretteten befinden sich Tommy und Alex.

Die Moonstone erreicht die englische Küste in Dorset. Tommy und Alex, die eine Enttäuschung der Heimatbevölkerung erwartet hatten, werden als Helden empfangen. In einer Zeitung lesen sie Churchills Rede „We Shall Fight on the Beaches“. Bolton bleibt am Strand von Dünkirchen zurück, entschlossen, auch die eingeschlossenen französischen Soldaten zu retten. Farrier gelingt es noch, einige feindliche Flugzeuge abzuschießen, bevor ihm der Treibstoff ausgeht. Er landet notgedrungen am Strand von Dünkirchen und wird von deutschen Soldaten gefangen genommen.

Filmkritik und Fazit zum Film „Dunkirk“

Was „Dunkirk“ von anderen Kriegsfilmen trennt, ist eine konzeptionelle Entscheidung, die Nolan mit bemerkenswerter Konsequenz durchhält: Er verweigert die Identifikationsfigur. Keine Figur erhält eine Vorgeschichte, keine Biografie rechtfertigt ihr Überleben. Stattdessen strukturiert Nolan den Film über drei parallel verlaufende Zeitebenen – eine Woche am Strand, ein Tag auf dem Wasser, eine Stunde in der Luft –, die sich erst gegen Ende zu einem kohärenten Bild zusammenfügen. Hoyte van Hoytemas Kamera arbeitet dabei mit beengten Bildausschnitten, die Enge und Orientierungslosigkeit physisch spürbar machen.

Das Sounddesign trägt die emotionale Last, die das Drehbuch bewusst offenlässt. Hans Zimmers Partitur – eine tickende Uhr, Streicher, Synthesizer, gelegentlich Elgars „Nimrod“ – erzeugt einen Dauerzustand akustischer Bedrohung, der mit den Bildebenen verschmilzt. Der Verzicht auf sichtbare Feinde verstärkt dieses Prinzip: Die Bedrohung kommt von überall, sie ist strukturell, nicht personifiziert. Wer hier einen filmischen Schlagabtausch im klassischen Sinne erwartet, wird das Werk missverstehen. Nolan inszeniert Überwältigung, keinen Kampf.

Wer Figuren braucht, um mitzufühlen, stößt an eine echte Grenze dieses Films. Die emotionale Kälte ist kein Fehler, sie ist Methode – dennoch bleibt die Frage berechtigt, ob Radikalität allein ausreicht, um nachzuhallen. Für Liebhaber formaler Filmkunst, für ein Publikum, das Kino als sensorisches Erlebnis begreift, ist „Dunkirk“ jedoch ein Film, das in dieser Dichte kaum Vergleiche kennt.

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