Taxi Driver
Manche Filme altern, manche verhärten sich zur Ikone. „Taxi Driver“ gehört zur zweiten Kategorie. Martin Scorseses Porträt eines entgleisenden Außenseiters wirkt fünf Jahrzehnte nach seiner Premiere wie ein geöffnetes Nervenbündel. Die Stadt dampft, die Neonlichter bluten, das Saxophon klagt. Bernard Herrmanns letzter Score legt sich über New York wie ein Schweißfilm. Hier spricht kein Film, hier atmet er.

| Dauer: | 113 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 1976 |
| Kategorien: | Krimi |
| Regie: | Martin Scorsese |
| Produzenten: | Julia Phillips, Michael Phillips |
| Hauptdarsteller: | Robert De Niro, Jodie Foster, Cybill Shepherd |
| Nebendarsteller: | Harvey Keitel, Peter Boyle, Leonard Harris, Albert Brooks |
| Studio: | Bill/Phillips Productions, Columbia Pictures |
Travis Bickle ist keine Figur, sondern eine Diagnose. Robert De Niro verkörpert ihn mit einer Präzision, die heute als Blaupause für den amerikanischen Antihelden gilt. Scorsese zeigt keinen Einzelfall, sondern ein Muster. Einsamkeit als strukturelle Bedingung, Gewalt als verzweifelter Kommunikationsversuch. Paul Schraders Drehbuch verweigert jede psychologische Bequemlichkeit. Wer diesen Film betrachtet, sieht nicht nur einen Mann zerfallen. Was bleibt von einer Stadt, die ihre Untergehenden als Helden feiert?
Besetzung, Regie und Drehorte
Martin Scorsese inszenierte das Werk 1976 nach einem Drehbuch von Paul Schrader, das unverkennbar autobiografische Züge trägt. Produziert wurde der 114-minütige Film von Michael und Julia Phillips. Die Kamera führte Michael Chapman, den Schnitt verantworteten Tom Rolf und Melvin Shapiro. Steven Spielberg wirkte als leitender Editor mit, ohne im Abspann genannt zu werden. Die Filmmusik stammt von Bernard Herrmann, dem langjährigen Hitchcock-Komponisten. Es wurde seine letzte Arbeit. Der Score entstand wenige Stunden vor seinem Tod.
Robert De Niro trägt den Film als Taxifahrer Travis Bickle und demonstriert Method Acting in Reinform. Zur Vorbereitung fuhr er tagelang selbst Taxi und trug Kleidungsstücke des Drehbuchautors. Jodie Foster war bei Drehbeginn dreizehn Jahre alt und spielt die jugendliche Prostituierte Iris. Harvey Keitel verkörpert ihren Zuhälter Sport. Cybill Shepherd gibt die Wahlkampfhelferin Betsy, Albert Brooks ihren Kollegen Tom. Peter Boyle und Leonard Harris vervollständigen das Ensemble in prägnanten Nebenrollen. Scorsese selbst erscheint in zwei kurzen Szenen.
Gedreht wurde in „Taxi Driver“ ausschließlich in New York City, vorrangig rund um die 57th Street und das East Village. Die FSK-Freigabe liegt bei 16. Bei den Filmfestspielen von Cannes gewann der Film 1976 die Goldene Palme. Vier Oscar-Nominierungen folgten im Jahr darauf. 1994 nahm das National Film Registry den Film auf.
Handlung & Inhalt vom Film „Taxi Driver“
New York, Mitte der Siebziger. Travis Bickle, 26, ehemaliger Marine, leidet unter Schlafstörungen und nimmt deshalb einen Job bei einer Taxifirma an. Dabei fährt er vor allem die Nachtschichten, die sonst niemand übernehmen will. Durch die Windschutzscheibe sieht er schließlich, was die Stadt bei Tag verbirgt: Prostitution, Drogen, Elend und Gewalt. In seiner kargen Wohnung führt er währenddessen Tagebuch und spricht von Abschaum, der fortgespült gehöre. Seine Freizeit verbringt er zudem in Pornokinos. Kontakte beschränken sich dagegen auf kurze Gespräche mit Kollegen. Der Mann ist einsam, ohne es selbst benennen zu können. Gleichzeitig verhärtet sich sein Blick von Nacht zu Nacht.
Eines Tages entdeckt Travis schließlich Betsy, die im Wahlkampfbüro des Präsidentschaftsbewerbers Charles Palantine arbeitet. Sie wirkt auf ihn dabei wie eine Erscheinung, unerreichbar und rein. Mit erstaunlicher Zielstrebigkeit lädt er sie zunächst zum Kaffee und anschließend zum Kino ein. Seine Wahl fällt jedoch ausgerechnet auf einen Pornofilm. Betsy verlässt den Saal daraufhin angewidert und bricht anschließend den Kontakt ab. Travis fällt dadurch völlig in sich zusammen. Blumen kommen zurück, während Anrufe unbeantwortet bleiben. Kurz darauf beobachtet er schließlich die jugendliche Iris, die vor ihrem Zuhälter flieht und wenig später wieder eingefangen wird. In ihm beginnt deshalb etwas zu gären.
Der Weg in den Ausbruch
Travis kauft daraufhin vier Pistolen bei einem Schwarzhändler und beginnt intensiv zu trainieren. Dabei tauscht er Pillen gegen Liegestütze, perfektioniert seinen Umgang mit Waffen und konstruiert außerdem eine Haltevorrichtung am Unterarm. Vor dem Spiegel probt er anschließend Konfrontationen mit imaginären Gegnern. In einem Laden erschießt er schließlich einen Räuber. Auf einer Palantine-Kundgebung beobachtet er danach den Senator und nähert sich dem Sicherheitsdienst mit falschen Angaben. Dadurch verwischt sich zunehmend die Grenze zwischen Selbstjustiz und politischem Attentat. Währenddessen schreibt Travis seinen Eltern eine Karte voller Lügen über Geheimaufträge und eine erfundene Partnerin.
Parallel dazu nimmt er erneut Kontakt zu Iris auf. Im Stundenhotel redet er eindringlich auf sie ein und will sie zurück zu ihrer Familie bringen. Das Mädchen weigert sich jedoch. Ihr Zuhälter sei liebevoll, sagt sie. Travis lässt sich davon allerdings nicht beirren, rasiert seinen Kopf zum Irokesenschnitt und taucht schließlich auf einer Palantine-Veranstaltung am Columbus Circle auf. Ein Leibwächter erkennt ihn jedoch rechtzeitig. Travis flieht daraufhin. Noch am selben Abend fährt er schließlich zum Stundenhotel und beginnt dort ein Blutbad, das mit dem Tod des Zuhälters, des Hotelinhabers und eines Freiers endet.
Schwer verletzt will sich Travis anschließend erschießen, doch seine Waffen sind inzwischen leer. Deshalb deutet er mit blutigem Finger eine Schläfenpistole an. Die Kamera zieht sich daraufhin nach oben und gleitet schließlich über Leichen und Blutspuren hinaus auf die Straße. Danach folgt ein Zeitsprung. Zeitungen feiern den Taxifahrer nun als Retter eines Kindes, während Iris‘ Eltern sich schriftlich bedanken. Travis plaudert wieder mit Kollegen, wobei eine Narbe am Hals das einzige sichtbare Zeichen bleibt. Zufällig steigt schließlich Betsy in sein Taxi. Er lächelt, bringt sie nach Hause und verzichtet anschließend auf das Fahrgeld. Im Rückspiegel zuckt jedoch plötzlich sein Blick.
Filmkritik und Fazit zum Film „Taxi Driver“
Was „Taxi Driver“ zum Jahrhundertfilm macht, liegt weniger in der Provokation als in der formalen Konsequenz. Scorsese vertraut dem langen Blick, der subjektiven Kamera, der Unschärfe zwischen Wahrnehmung und Wahn. Michael Chapmans Bildsprache taucht New York in ein fiebriges Rot, die Neonlichter zittern, der Dampf steigt aus den Gullys wie aus einer Hölle. De Niro spielt Travis nicht als Psychopathen, sondern als Mann mit nach innen gerichtetem Panzer. Bernard Herrmanns Saxophon singt, was die Figur nicht sagen kann. Jede Einstellung ist gesetzt, keine ist Dekoration.
Das Tempo arbeitet gegen jede Erwartung. Lange Phasen ziehen sich kontemplativ hin, dann bricht die Gewalt schlagartig ein, in fast ritueller Verlangsamung. Schrader schreibt keine Handlung, er schreibt einen Bewusstseinsverfall. Die berühmte Spiegelszene entstand improvisiert und bleibt Musterbeispiel für das, was Kino über Einsamkeit sagen kann, wenn es den Mund hält. Kritisch bleibt der ambivalente Schluss. Die Heldenerzählung der Medien wirkt wie ein böser Witz auf Kosten der Gesellschaft, die sie hervorbringt.
Dieses Drama ist kein Film zum Beiläufigen, kein Abendfüller für zwischendurch. Wer sich auf ihn einlässt, bekommt eine Studie über Entfremdung, die im heutigen Klima erschreckend aktuell wirkt. Für Liebhaber anspruchsvoller Charakterdramen und stilbewusster Inszenierung gehört er zu den unverzichtbaren Werken des amerikanischen Kinos. Wer das Genre ernst nimmt, kommt an Scorseses Meisterstück nicht vorbei. Ein Werk, das nach jeder Sichtung größer wird.