Hell or High Water
Es gibt Landstriche, die vom Fortschritt übersehen wurden. Staubige Highways, leere Tankstellen, verwitterte Werbetafeln für Schuldenberatungen. Genau in dieser vergessenen Peripherie des amerikanischen Südwestens verortet David Mackenzie seinen Neo-Western „Hell or High Water„. Der 2016 in Cannes uraufgeführte Film erzählt vom Zusammenprall zweier Zeitalter – dem verblassenden Mythos des Westens und der kalten Gegenwart einer Finanzwelt, die ganze Familien in den Ruin treibt. Mackenzie inszeniert keine Fluchtgeschichte im klassischen Sinn.

| Dauer: | 102 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2016 |
| Kategorien: | Western |
| Regie: | David Mackenzie |
| Produzenten: | Peter Berg, Carla Hacken, Sidney Kimmel, Julie Yorn |
| Hauptdarsteller: | Jeff Bridges, Chris Pine, Ben Foster |
| Nebendarsteller: | Gil Birmingham, Marin Ireland, Kevin Rankin, Dale Dickey |
| Studio: | Sidney Kimmel Entertainment, Film 44, OddLot Entertainment, Estrella Media, Lionsgate, CBS Films, Sierra/Affinity, MWM Studios |
Vielmehr verhandelt er die Frage, wer in einem ausgeplünderten Land eigentlich noch das Recht auf seiner Seite hat. Die Kamera streift über rissige Fassaden, über Schilder, die Zwangsversteigerungen ankündigen, über das Gesicht eines Landes, das sich selbst nicht mehr zu kennen scheint. Taylor Sheridans Drehbuch, schon 2012 auf der Black List als wichtigstes unverfilmtes Skript Hollywoods geführt, liefert die präzise Blaupause dieser Beobachtung. Die Musik von Nick Cave und Warren Ellis verstärkt den melancholischen Grundton, ohne je ins Pathetische zu kippen. Was aber macht dieses Werk zu mehr als einer weiteren Bankräuber-Geschichte?
Besetzung, Regie und Drehorte
Regie führte der Brite David Mackenzie, zuvor vor allem durch Indie-Produktionen wie „Perfect Sense“ und „Young Adam“ aufgefallen. Mit „Hell or High Water“ legte er 2016 seinen bis dahin ambitioniertesten Film vor. Das Drehbuch stammt von Taylor Sheridan und bildet den zweiten Teil seiner American-Frontier-Trilogie, flankiert von „Sicario“ (2015) und „Wind River“ (2017). Für die Kamera zeichnet Giles Nuttgens verantwortlich, für den Schnitt Jake Roberts. Produziert wurde der Film unter anderem von Peter Berg und Sidney Kimmel.
In den Hauptrollen agieren Chris Pine als Toby Howard und Ben Foster als dessen älterer Bruder Tanner. Jeff Bridges verkörpert den kurz vor der Pensionierung stehenden Texas Ranger Marcus Hamilton, Gil Birmingham dessen Partner Alberto Parker. Marin Ireland spielt Tobys Ex-Frau Debbie. In Nebenrollen überzeugen zudem Dale Dickey und Katy Mixon. Pine stand während der Vorbereitungen zu „Star Trek Beyond“ lediglich zweieinhalb Wochen vor der Kamera. Im Deutschen leihen Nico Sablik, Martin Kautz und Joachim Tennstedt den Hauptdarstellern ihre Stimmen.
Der Film läuft 102 Minuten und trägt die FSK-Freigabe ab 12 Jahren. Gedreht wurde im Mai 2015 in New Mexico – in Clovis, Estancia, Portales und am Caprock Escarpment –, wobei die Landschaft als Kulisse für das ländliche Texas diente. Bei der Oscarverleihung 2017 erhielt „Hell or High Water“ vier Nominierungen, darunter als Bester Film und für das Beste Drehbuch. Der ursprüngliche Arbeitstitel lautete „Comancheria“.
Handlung & Inhalt vom Film „Hell or High Water“
Im Westen von Texas, zwischen Ölpumpen und Mahnbescheiden, planen die Brüder Tanner und Toby Howard eine Serie von Banküberfällen. Tanner war zehn Jahre inhaftiert, nachdem er seinen Vater erschossen hatte, und ist erst vor einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen worden. Toby kümmerte sich in dieser Zeit um die kranke Mutter, bis zu deren Tod. Die Farm ging allein an ihn. Nun droht der Bank die Zwangsvollstreckung. Auf dem hoch verschuldeten Land wurde jedoch Öl gefunden. Die Brüder überfallen ausschließlich Filialen jener Bank, der sie das Geld schulden, und wollen mit dem erbeuteten Bargeld die Hypothek ablösen.
Die ersten beiden Überfälle in Archer City und Olney verlaufen reibungslos, wenn auch mehr durch Glück als durch Planung. Die Überwachungskameras sind defekt. Im Casino eines Indianerreservats in Oklahoma waschen die Brüder das erbeutete Geld erfolgreich. Parallel nimmt der Texas Ranger Marcus Hamilton die Ermittlungen auf, unterstützt von seinem Partner Alberto Parker. Hamilton steht kurz vor dem Ruhestand und spürt im Muster der Überfälle eine ungewöhnliche Systematik. Einen entscheidenden Hinweis liefert Tanner selbst, als er unabgesprochen und spontan eine weitere Filiale überfällt – diesmal mit funktionierenden Kameras. Die Spur der Brüder wird sichtbar.
Konfrontation und Wendepunkt
Die bisherige Beute reicht jedoch nicht aus, um die Hypothek vollständig abzulösen. Daher entscheiden sich die Brüder für einen größeren Coup und wählen die Filiale in der Stadt Post. Anders als zuvor ist diese Bank jedoch stark frequentiert und voller Kunden, wodurch sich die Lage sofort zuspitzt. In der Folge kommt es zu einem Schusswechsel, bei dem Tanner zwei Menschen erschießt und Toby verletzt wird. Währenddessen bewaffnen sich die Bürger von Post spontan und nehmen die Verfolgung auf. Dennoch gelingt es Tanner mit einem Sturmgewehr, die Verfolger zunächst zurückzudrängen, bevor sich die Brüder trennen. Anschließend passiert Toby mit seinem Wagen unauffällig eine Polizeikontrolle.
Gleichzeitig zieht Tanner bewusst die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Deshalb flieht er in die Berge, setzt sein Auto in Brand und setzt seine Flucht zu Fuß fort. In der Folge hält er seine Verfolger mit einem Scharfschützengewehr auf Distanz und erschießt dabei Alberto Parker. Dennoch lässt sich Hamilton davon nicht aufhalten. Stattdessen nutzt er die Hilfe eines ortskundigen Anwohners und pirscht sich über einen Nachbarhügel an Tanners Position heran. Schließlich fällt der tödliche Schuss aus dem Hinterhalt, wodurch Tanner stirbt. Somit erreichen die Brüder ihr Ziel und besiegeln zugleich ihr Scheitern.
Währenddessen gelingt es Toby, die Bank auszuzahlen und einen Treuhandfonds einzurichten. Dadurch sollen die Öleinnahmen künftig seinen beiden Söhnen zugutekommen. Allerdings gibt der inzwischen pensionierte Hamilton nicht auf. Vielmehr fährt er ohne belastbare Beweise zur Howard-Farm und konfrontiert Toby direkt. Dabei hält er ihn für mitschuldig, während Toby zwar nichts gesteht, jedoch offen zugibt, dass er für die Zukunft seiner Kinder zu allem bereit wäre. Somit deuten beide Männer gegenseitige Todesdrohungen an. Erst das plötzliche Eintreffen von Tobys Familie entschärft die Situation, sodass die Abrechnung letztlich offen bleibt.
Filmkritik und Fazit zum Film „Hell or High Water“
Mackenzies „Hell or High Water“ funktioniert auf zwei Ebenen zugleich. Vordergründig ist er ein präzise konstruierter Bankräuber-Thriller mit klaren Konturen. Im Unterbau aber verhandelt er die strukturelle Gewalt eines Finanzsystems, das seine Kunden systematisch ausplündert. Die wahren Räuber sitzen hinter den Schaltern, nicht davor. Sheridans Drehbuch lässt diese Lesart nie didaktisch werden. Sie entsteht en passant – auf Werbetafeln für Schuldenberatungen, in Gesprächen am Diner-Tresen, in den müden Gesichtern der Bankangestellten. Genau darin liegt die formale Eleganz dieses Films.
Ben Foster gibt Tanner als impulsive Kraft, die jederzeit zu entgleisen droht, ohne dabei zur Karikatur zu werden. Chris Pine wählt den umgekehrten Weg und spielt Toby mit einer fast schmerzhaften Zurückhaltung. Zwischen beiden entsteht eine glaubhafte Bruderchemie, die den moralischen Kern des Films trägt. Jeff Bridges wiederum verleiht seinem Ranger Hamilton eine melancholische Tiefe, die das Klischee des knorrigen Gesetzeshüters unterläuft. Giles Nuttgens‘ Kamera fängt die flirrende Hitze und die Weite New Mexicos ein, ohne in Postkartenästhetik zu verfallen. Die Musik von Nick Cave und Warren Ellis tragender Subtext ohne ein Gramm Kitsch.
Wer in dem Film Actionfeuerwerk erwartet, wird enttäuscht – das Tempo ist bewusst lakonisch, die Schusswechsel sind kurz und brutal. Für Freunde des modernen Western und kluger Charakterdramen jedoch zählt „Hell or High Water“ zu den relevantesten amerikanischen Filmen der 2010er-Jahre. Ein Neo-Western mit doppeltem Boden: brutal, bitter, bisweilen lakonisch komisch. Sehenswert.