Der dritte Mann

Wien, 1949 – eine Stadt zerlegt in Besatzungszonen, durchzogen von Schatten und Schwarzmarktgeschäften. In diese zerklüftete Kulisse hat Carol Reed seinen britischen Noir-Klassiker „Der dritte Mann“ gesetzt, nach einem Drehbuch von Graham Greene und mit einer Zither-Melodie, die sich wie ein Ohrwurm in die Filmgeschichte eingeschrieben hat. Orson Welles, Joseph Cotten und Alida Valli bewegen sich durch ein Wien, das weder Operette noch Heuriger kennt. Das Ergebnis ist ein Werk, das zwischen Thriller, Trümmerfilm und Tragödie changiert.

Der dritte Mann
Dauer: 104 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 1949
Kategorien: Thriller
Regie: Carol Reed
Produzenten: Carol Reed
Hauptdarsteller: Joseph Cotten, Alida Valli, Trevor Howard
Nebendarsteller: Orson Welles, Paul Hörbiger, Ernst Deutsch, Erich Ponto
Studio: London Films Productions

Reeds Film stammt aus einem Europa, das sich selbst noch nicht wiedererkennt. Die Kamera von Robert Krasker verzichtet auf jede Beschönigung. Schräge Perspektiven, tiefe Schatten, nasses Pflaster – Wien wird zum Spiegel einer moralisch entgleisten Nachkriegsordnung. Zwischen Trümmern entfaltet sich eine Freundschaftsgeschichte, die ihre eigene Illusion zerlegt. Welche Figur trägt am Ende die größere Last: der Verräter oder der Verratene?

Besetzung, Regie und Drehorte

Der dritte Mann“ entstand 1949 bei London Film Productions unter der Regie von Carol Reed, der zugleich als Produzent auftrat. An seiner Seite standen Alexander Korda und, für den US-Markt, David O. Selznick. Das Drehbuch lieferte Graham Greene, basierend auf einem alten Einfall, den er auf einem Briefumschlag notiert hatte. Für die Kamera zeichnete Robert Krasker verantwortlich, den Schnitt übernahm Oswald Hafenrichter. Als Regieassistent wirkte Guy Hamilton, der später mehrere James-Bond-Filme inszenieren sollte.

Die Hauptrollen verkörpern Joseph Cotten als Schriftsteller Holly Martins, Orson Welles als schillernder Harry Lime und Alida Valli als Anna Schmidt. Trevor Howard gibt den britischen Major Calloway mit sachlicher Autorität, Bernard Lee den loyalen Sergeant Paine. In Nebenrollen glänzen Ernst Deutsch als Baron Kurtz, Erich Ponto als Dr. Winkel und Siegfried Breuer als Popescu. Paul Hörbiger spielt den Hausmeister Karl, ohne selbst Englisch zu sprechen – seine Dialoge lernte er Wort für Wort auswendig.

Gedreht wurde über sieben Wochen an Originalschauplätzen, darunter der Zentralfriedhof, das Palais Pallavicini und die Wiener Kanalisation. Der Film läuft 104 Minuten und trägt hierzulande die FSK 12. 1949 erhielt er den Grand Prix von Cannes, 1951 den Oscar für die beste Schwarz-Weiß-Kamera. Das British Film Institute wählte ihn 1999 zum besten britischen Film aller Zeiten.

Handlung & Inhalt vom Film „Der dritte Mann“

Wien liegt nach Kriegsende in Trümmern und ist zudem in vier Besatzungssektoren aufgeteilt. Während die Siegermächte die Innere Stadt gemeinsam verwalten, reist der Amerikaner Holly Martins in diese fragmentierte Metropole. Er ist ein finanziell ruinierter Autor billiger Westernromane, doch sein Jugendfreund Harry Lime hat ihn mit einem vagen Jobangebot hergelockt und außerdem sein Ticket bezahlt. Als Martins eintrifft, erfährt er jedoch, dass Harry kurz zuvor bei einem Verkehrsunfall vor seinem Haus ums Leben gekommen sei. Auf dem Friedhof begegnet er erstmals Major Calloway, der ihm erklärt, der Verstorbene sei ein skrupelloser Schieber gewesen. Martins weist diesen Vorwurf empört zurück, weshalb Calloway ihm schließlich die Abreise empfiehlt.

Statt abzureisen, beginnt Martins jedoch mit eigenen Nachforschungen. Dabei entdeckt er mehrere merkwürdige Ungereimtheiten rund um den Tod seines Freundes, denn Harry wurde ausgerechnet von seinem eigenen Fahrer überfahren. Kurtz und Popescu, zwei seiner Bekannten, trugen den Sterbenden angeblich auf den Gehsteig, während Dr. Winkel, Limes Hausarzt, zufällig wenige Minuten später erschien. Außerdem begegnet Martins Harrys Freundin Anna Schmidt, einer tschechischen Schauspielerin, die wegen ihrer gefälschten Papiere heimlich in Wien lebt. Der Portier aus Harrys Wohnhaus erwähnt schließlich beiläufig einen dritten Mann, der beim Unfall geholfen habe. Kurz darauf wird der Portier jedoch ermordet, wodurch sich Martins Verdacht weiter verstärkt.

Ein Verrat in der Kanalisation

Schließlich klärt Calloway Martins umfassend auf: Harry Lime handelte mit gestohlenem Penicillin, das er zur Gewinnmaximierung strecken ließ. Dadurch erhielten zahlreiche Patienten wirkungslose oder gefährliche Medikamente. Die Opfer waren vor allem Kinder, die entweder an den Folgen der Behandlung starben oder schwere Schäden davontrugen. Währenddessen verliebt sich Martins in Anna, obwohl sie Harry trotz aller Vorwürfe nicht vergessen kann. Eines Nachts erkennt Martins vor ihrem Haus eine Gestalt im gegenüberliegenden Hauseingang. Zu seiner Überraschung ist es Harry Lime, der seinen eigenen Tod offenbar inszeniert hat. Daraufhin lässt Calloway den Sarg exhumieren, wobei darin ein verschwundener Mitarbeiter des Militärspitals gefunden wird. Dieser hatte Harry zuvor mit vertraulichen Informationen versorgt.

Am Riesenrad im Prater kommt es anschließend zur Begegnung der beiden Freunde. Dort rechtfertigt Harry seine Taten mit der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit einzelner Menschenleben und hält außerdem seine berühmte Rede über die Borgias und die Kuckucksuhr. Darüber hinaus gesteht er, Anna an die Sowjets verraten zu haben. Martins lehnt Harrys Angebot, künftig für ihn zu arbeiten, entschieden ab. Anschließend zeigt Calloway ihm die schwer geschädigten Kinder im Krankenhaus. Erst dieser Anblick bricht Martins letzte Loyalität gegenüber seinem alten Freund. Deshalb erklärt er sich schließlich bereit, Harry als Lockvogel in eine Falle zu führen.

Im Kaffeehaus wird Lime jedoch rechtzeitig von Anna gewarnt, weshalb er in die weitverzweigte Wiener Kanalisation flieht. Daraufhin nimmt ein großes Polizeiaufgebot die Verfolgung auf. Während der Flucht erschießt Harry Sergeant Paine, wird anschließend von Calloway angeschossen und bleibt schließlich unter einem verschlossenen Kanaldeckel gefangen. Da er keinen Ausweg mehr sieht, bittet er Martins mit einem stummen Nicken, ihn zu erlösen. Daraufhin tötet Martins seinen Freund mit Paines Revolver. Nach der zweiten Beerdigung wartet Martins auf dem Zentralfriedhof auf Anna, doch sie geht in einer langen Schlusseinstellung wortlos an ihm vorbei.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der dritte Mann“

Der dritte Mann“ überzeugt vor allem durch Robert Kraskers Bildsprache. Die schrägen Kameraperspektiven, aus dem deutschen Stummfilm-Expressionismus entlehnt, sind kein bloßer Effekt. Sie übersetzen eine aus den Fugen geratene Welt ins Visuelle. Carol Reed führt Regie mit einer Präzision, die selten beschwörend wirkt und fast nie illustrativ. Welles bekommt spät seinen Auftritt, und gerade diese Verzögerung verleiht ihm sein Gewicht. Joseph Cotten gibt den naiven Moralisten Martins mit leiser Verzweiflung, Alida Valli spielt Anna als Figur zwischen Stolz und Selbstzerstörung.

Das Tempo ist ungleichmäßig, und das ist keine Schwäche, sondern Programm. Lange Passagen ruhen auf Gesichtern, Schatten und Mauerwerk. Dann reißt das Riesenrad die Szenerie in eine höhere Spannung, bis die Kanalisation den Film in ein fast abstraktes Schattenspiel überführt. Anton Karas’ Zither wirkt in diesem Kontext paradox. Sie behauptet eine Wiener Heiterkeit, die der Film sofort widerlegt. Gerade dieser Bruch zwischen Klang und Bild macht die Musik so wirksam. Als klassischer Film noir gilt das Werk dennoch nicht unumstritten.

Wer ein Happy End erwartet, wird enttäuscht. Wer auf moralische Eindeutigkeit hofft, ebenso. Genau darin liegt die Qualität dieses Werks: Reed verweigert Erlösung und lässt seine Figuren im Ungewissen zurück. Für Liebhaber des Film noir und des europäischen Nachkriegskinos bleibt „Der dritte Mann“ eine Pflichtvorstellung – nicht wegen seiner Berühmtheit, sondern wegen seiner ungebrochenen ästhetischen und ethischen Schärfe.

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