Nocturnal Animals

Was geschieht, wenn ein Roman zur Waffe wird? „Nocturnal Animals“ – Tom Fords zweiter Spielfilm nach seinem gefeierten Debüt „A Single Man“ – stellt diese Frage mit kühler Konsequenz. Der US-amerikanische Thriller aus dem Jahr 2016 basiert auf Austin Wrights Roman „Tony and Susan“ von 1993. Ford adaptiert den Stoff nicht als treue Buchverfilmung, sondern als formstrenges Konstrukt aus Schuld, Erinnerung und emotionalem Nachhall. Das Ergebnis ist ein Film, der unter seiner glatten Oberfläche beständig brennt.

Nocturnal Animals
Dauer: 116 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2016
Kategorien: Thriller
Regie: Tom Ford
Produzenten: Tom Ford, Robert Salerno
Hauptdarsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon
Nebendarsteller: Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Ellie Bamber, Armie Hammer
Studio: Fade To Black, Artina Films, Focus Features, Perfect World Pictures, Tom Ford

Zwei Welten existieren hier parallel, verwoben durch eine Frau, die liest und dabei ihr eigenes Leben neu begreift. Susan Morrow empfängt das Manuskript eines Romans, geschrieben von ihrem Ex-Mann, dem sie seit Jahren aus dem Weg gegangen ist. Was sie liest, reißt sie aus der Betäubung ihres glänzenden Alltags. Korzeniowskis Musik zieht dabei wie ein Schleier über beide Welten. Darf ein Roman mehr sagen als ein Gespräch es je könnte – und tut er es hier wirklich?

Besetzung, Regie und Drehorte

Nocturnal Animals“ ist ein US-amerikanischer Thriller, den Tom Ford im Jahr 2016 schrieb, produzierte und inszenierte. Ford, der vorrangig als Modedesigner für Häuser wie Gucci tätig war, führte hier erst zum zweiten Mal Regie. Die Kamera übernahm Seamus McGarvey, den Schnitt Joan Sobel. Abel Korzeniowski komponierte die Filmmusik, die Produktion lag in den Händen von Ford und Robert Salerno. Die Dreharbeiten fanden zwischen Oktober und Dezember 2015 in Los Angeles statt.

Amy Adams spielt Susan Morrow, die Galeristin, in deren Innenwelt der Film seinen Anker setzt. Jake Gyllenhaal übernimmt gleich zwei Rollen: den Romanautor Edward Sheffield in der Rahmenhandlung und dessen Romanfigur Tony Hastings. An ihrer Seite agieren Michael Shannon als ermittelnder Detective Bobby Andes, Aaron Taylor-Johnson als Anführer Ray Marcus, Isla Fisher als Tonys Ehefrau Laura sowie Armie Hammer als Susans Ehemann Hutton. Laura Linney, Michael Sheen und Andrea Riseborough sind in weiteren Rollen zu sehen.

Der Film hat eine Laufzeit von 116 Minuten und ist in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2016 gewann er den Großen Preis der Jury. Aaron Taylor-Johnson erhielt den Golden Globe als Bester Nebendarsteller. Michael Shannon wurde für den Oscar in derselben Kategorie nominiert. Die Deutsche Film- und Medienbewertung verlieh dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“.

Handlung & Inhalt vom Film „Nocturnal Animals“

Susan Morrow lebt in Los Angeles ein Leben aus Glasflächen und Beton. Sie besitzt eine renommierte Kunstgalerie, bewohnt mit ihrem Ehemann Hutton ein weitläufiges Haus in Malibu, umgeben von zeitgenössischer Kunst und kalter Eleganz. Doch diese Welt bietet ihr keinen Halt. Hutton ist häufig verreist und ihr gegenüber gleichgültig. In dieser Stagnation trifft ein Paket ein: das Manuskript eines Romans, verfasst von Edward Sheffield, ihrem Ex-Mann, mit dem sie seit Jahren keinen Kontakt hatte. Edward widmet das Buch Susan. Sie beginnt zu lesen. Im Roman reist der Familienvater Tony Hastings mit seiner Frau Laura und seiner Tochter India nachts durch Texas. Auf einem verlassenen Highway drängt eine Gruppe junger Männer ihr Auto von der Fahrbahn. Der Anführer der Gruppe, Ray Marcus, gibt sich aggressiv und anzüglich. Die Situation eskaliert schnell.

Ray und sein Komplize Turk entführen Laura und India im Familienauto. Tony wird gezwungen, mit dem dritten Mann, Lou, in einem anderen Fahrzeug zu fahren – und schließlich in der Wüste ausgesetzt. Tony überlebt die Nacht, versteckt sich, schleppt sich zu einem Haus und ruft die Polizei. Zusammen mit Detective Bobby Andes findet er die nackten Leichen von Laura und India in der Nähe eines Trailers. Beide wurden vergewaltigt und getötet. Susan liest und denkt dabei an ihre gemeinsame Zeit mit Edward zurück – an das Kennenlernen, die Ehe, ihre Zweifel an ihm. Parallel dazu bröckelt ihre Gegenwart: Sie erfährt, dass Hutton sie betrügt.

Schuld, Rache und das Ende der Gnade

Ein Jahr nach dem Mord kontaktiert Andes Tony erneut. Dabei wird klar, dass Lou bei einem Überfall festgenommen und später von Tony identifiziert wurde. Außerdem ist Turk inzwischen tot, sodass nur noch Ray übrig bleibt. Folglich nimmt Andes auch Ray fest, muss ihn jedoch mangels Beweisen wieder freilassen. Gleichzeitig verschlechtert sich sein Gesundheitszustand durch Lungenkrebs, weshalb er sich schließlich entscheidet, Tony bei der Selbstjustiz zu unterstützen.

Daraufhin entführen beide Ray und Lou in eine abgelegene Hütte. Dort gibt Andes Tony die Möglichkeit, beide zu erschießen, doch Tony zögert. Während Andes sich kurz zurückzieht, nutzen Ray und Lou die Situation zur Flucht. In der Folge erschießt Andes Lou, während Ray entkommen kann.

Anschließend setzt Tony die Suche allein fort und findet Ray in der Baracke, in der Laura und India starben. Dort gesteht Ray seine Tat, woraufhin Tony ihn erschießt. Allerdings schlägt Ray Tony zuvor nieder, sodass dieser später erblindet. Beim Versuch zu fliehen, stürzt Tony, löst versehentlich einen Schuss aus und erschießt sich selbst. Parallel beendet Susan das Manuskript, erinnert sich an ihre Vergangenheit mit Edward und erkennt seinen Schmerz. Schließlich wartet sie vergeblich im Restaurant, denn Edward erscheint nicht.

Filmkritik und Fazit zum Film „Nocturnal Animals“

Nocturnal Animals“ ist ein Film, der seine Mittel präzise kennt und sie mit fast schmerzhafter Kontrolle einsetzt. Tom Ford und Kameramann Seamus McGarvey schaffen für Susans Gegenwart eine kühle, fast sterile Ästhetik – hohe Räume, lange Korridore, Betonwände, die ihre Figur regelrecht einsaugen. Der Romanpart dagegen ist roh, texanisch-staubig und ohne Glamour. Dieser Kontrast ist kein stilistischer Überschuss, sondern Bedeutungsträger. Jake Gyllenhaal zeigt im Roman-Segment eine körperlich und emotional aufgeriebene Leistung, Aaron Taylor-Johnson erschafft einen Antagonisten von beunruhigender Leichtigkeit und Michael Shannon verleiht dem Ermittler Andes eine stoische Wärme, die dem Film seinen moralischen Kern gibt.

Wo der Film produktiv in Spannung bleibt, ist im Rhythmus zwischen den Ebenen. Ford wechselt nicht mechanisch, sondern mit Gespür für emotionalen Nachhall: Eine Szene der Gewalt im Roman findet ihre stille Entsprechung in Susans Mimik beim Lesen. Abel Korzeniowskis Score verstärkt diesen Sog, ohne ihn zu überkommentieren. Kritischer zu sehen ist die Rahmenhandlung selbst – Amy Adams bekommt wenig Raum, um Susan als Figur mit eigener Dynamik zu entfalten. Ihre Funktion bleibt oft reaktiv, was das emotionale Gewicht der Schlusssequenz schwächt, auch wenn die letzte Einstellung für sich gesehen von bitterer Eleganz ist.

„Nocturnal Animals“ ist ein Film für Zuschauer, die bereit sind, sich einer formstrengen, zuweilen sperrigen Erzählkonstruktion zu überlassen. Wer Thriller primär als Spannungsmaschine erwartet, wird hier nur teilweise bedient. Wer jedoch an der Schnittmenge von Inszenierungswillen, psychologischer Schärfe und visueller Konsequenz interessiert ist, findet einen der ungewöhnlichsten amerikanischen Filme des Jahres 2016.

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