No Country for Old Men

Wenn zwei Filmemacher nach drei Jahren Pause zu ihrer Literatur zurückkehren, steht zumeist mehr auf dem Spiel als eine schlichte Adaption. Mit „No Country for Old Men“ legen Ethan und Joel Coen im Jahr 2007 ihre erste explizite Romanverfilmung vor. Die Vorlage stammt von Cormac McCarthy, einem Autor, dessen Prosa längst als Prüfstein gilt. Das Ergebnis verweigert sich jeder gewohnten Genre-Einordnung. Neo-Western, Thriller, Moralstück – alles zugleich, nichts ausschließlich.

No Country for Old Men
Dauer: 122 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2007
Kategorien: Thriller, Western
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Produzenten: Scott Rudin, Joel Coen, Ethan Coen
Hauptdarsteller: Javier Bardem, Tommy Lee Jones, Josh Brolin
Nebendarsteller: Woody Harrelson, Kelly Macdonald, Garret Dillahunt, Tess Harper
Studio: Miramax, Paramount Vantage, Scott Rudin Productions, Mike Zoss Productions

Die Coens verdichten McCarthys texanische Landschaft zu einem Resonanzraum existenzieller Fragen. Ihr Blick auf das Jahr 1980 ist weder nostalgisch noch verklärt. Vielmehr entsteht ein trockener, fast karger Erzählton. Das Drehbuch folgt der Vorlage mit seltener Disziplin und bleibt dennoch unverkennbar coenesk. Die Auszeichnung mit vier Oscars, darunter Bester Film, bestätigte den Rang dieser Adaption. Was macht einen Film dieser Präzision nach bald zwei Jahrzehnten noch so beunruhigend gegenwärtig?

Besetzung, Regie und Drehorte

Bei dem „No Country for Old Men“ verantworten Ethan und Joel Coen die Regie, Drehbuch und Produktion gemeinsam mit Scott Rudin. Als Kameramann fungiert Roger Deakins, dessen Zusammenarbeit mit den Brüdern bereits mehrere Werke prägte. Die Musik komponierte Carter Burwell, wobei sie im fertigen Film kaum eine traditionelle Funktion einnimmt. Den Schnitt besorgte der unter Pseudonym arbeitende Roderick Jaynes. Die Dreharbeiten fanden in New Mexico und in Texas statt. Produktionskosten von rund 25 Millionen US-Dollar standen weltweiten Kinoeinnahmen von 171,6 Millionen Dollar gegenüber.

Josh Brolin verkörpert den Vietnamveteranen Llewelyn Moss, Javier Bardem den Auftragsmörder Anton Chigurh und Tommy Lee Jones den alternden Sheriff Ed Tom Bell. Kelly Macdonald spielt Carla Jean, Woody Harrelson den Kopfgeldjäger Carson Wells. Ergänzt wird das Ensemble durch Garret Dillahunt als Deputy, Tess Harper, Barry Corbin und Stephen Root. Der Spanier Bardem arbeitete intensiv an einer akzentfreien Aussprache, um jede exotische Färbung zu vermeiden. Die deutsche Synchronfassung entstand unter der Regie von Frank Schaff.

Der Film läuft 122 Minuten und ist in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben. Nach seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2007 startete er am 28. Februar 2008 in deutschen Kinos. Neben vier Oscars erhielt das Werk zwei Golden Globes sowie zahlreiche Kritikerpreise. 2024 wurde der Film ins National Film Registry aufgenommen. Die BBC wählte ihn 2016 auf Platz zehn der bedeutendsten Filme des 21. Jahrhunderts.

Handlung & Inhalt vom Film „No Country for Old Men“

Texas, 1980. Sheriff Ed Tom Bell versieht seinen Dienst in dritter Generation im Terrell County. Bei einer Kontrolle wird der Auftragsmörder Anton Chigurh auf ein Polizeirevier verbracht. Dort erwürgt er jedoch den diensthabenden Deputy und flieht anschließend mit dem Streifenwagen. Kurz darauf hält er zufällig einen Autofahrer an und tötet ihn kaltblütig, um dessen Fahrzeug zu übernehmen. Zeitgleich jagt der Vietnamveteran Llewelyn Moss Gabelböcke in der Wüste. Dabei stößt er auf den Schauplatz eines gescheiterten Drogendeals mit mehreren Leichen. Einen verwundeten Mexikaner lässt er zunächst zurück, während er einen Koffer mit zwei Millionen Dollar an sich nimmt.

Moss bringt das Geld zunächst zu seiner Frau Carla Jean, ohne zu ahnen, dass ein Peilsender im Koffer verborgen ist. In der Nacht kehrt er allerdings in die Wüste zurück, weil ihn sein Gewissen antreibt. Dort geraten weitere Mexikaner ihm auf die Spur und eröffnen schließlich das Feuer. Moss entkommt zwar knapp, muss jedoch seinen Wagen zurücklassen. Parallel dazu beauftragt die Mafia Chigurh mit der Bergung des Geldes. Dieser tötet allerdings seine eigenen Auftraggeber am Ort des Massakers. Daraufhin schickt Moss Carla Jean zu ihrer Mutter nach Odessa und taucht selbst in einem Motel unter. Den Koffer verbirgt er schließlich im Lüftungsschacht seines Zimmers.

Der Weg in die Katastrophe

Moss erkennt die Gefahr und wechselt deshalb in ein gegenüberliegendes Zimmer. Chigurh erschießt derweil die wartenden Mexikaner und bereitet den nächsten Angriff vor. Zu einer direkten Konfrontation kommt es später in einem anderen Hotel. Dort öffnet Chigurh die Tür mit einem Bolzenschussgerät und verletzt Moss an der Schulter. Moss flieht durch das Fenster, wird dabei jedoch erneut getroffen. Auf der Straße hält er einen Wagen an, dessen Fahrer Chigurh sofort erschießt. Im Schusswechsel trifft Moss seinen Verfolger am Oberschenkel. Danach wirft er den Koffer über einen Grenzzaun und lässt sich in einem mexikanischen Krankenhaus versorgen. Die Verfolger erschießen Moss vor dem Motel, kurz bevor Carla Jean eintrifft.

Die Mafia engagiert Carson Wells, weil dieser Chigurhs Methoden kennt. Wells findet Moss im Krankenhaus und bietet ihm Schutz im Tausch gegen den Koffer. Chigurh überrascht Wells jedoch in dessen Hotel und erschießt ihn. Als das Telefon klingelt, meldet sich Moss und erhält ein Ultimatum. Chigurh kündigt an, Carla Jean zu töten, sollte das Geld nicht übergeben werden. Moss verabredet deshalb ein Treffen mit seiner Frau in El Paso. Carla Jeans Mutter verrät jedoch unwissentlich das Ziel an einen mexikanischen Gangster.

Sheriff Bell erreicht den Tatort als Erster und sieht noch die Flüchtenden. Später kehrt er zurück und betritt das Zimmer, ohne zu ahnen, dass Chigurh anwesend ist. Nach dem Begräbnis der Mutter erwartet Chigurh Carla Jean in ihrem Haus. Dort bietet er ihr einen Münzwurf an, den sie jedoch ablehnt, und verlangt von ihm die Entscheidung. Kurz darauf wird Chigurh in einen Autounfall verwickelt und erleidet einen offenen Armbruch. Bell geht schließlich in den Ruhestand und berichtet seiner Frau von einem Traum. Darin reitet sein verstorbener Vater auf einem Pferd einen verschneiten Bergpfad hinauf.

Filmkritik und Fazit zum Film „No Country for Old Men“

Die Coen-Brüder inszenieren „No Country for Old Men“ mit einer Strenge, die ihrem bisherigen Werk fremd erscheint. Roger Deakins fängt die texanische Weite in breiten Cinemascope-Einstellungen ein. Die Bilder wirken rau, fast dokumentarisch, und vermeiden jede romantisierende Geste. Besonders bemerkenswert bleibt der nahezu vollständige Verzicht auf Filmmusik. Carter Burwells Partitur reduziert sich auf leise Dauertöne, die mehr Atmosphäre als Kommentar schaffen. Javier Bardem verkörpert Chigurh mit erstarrter Mimik und präziser Ökonomie der Bewegung. Sein Auftritt rechtfertigt die zahlreichen Auszeichnungen vollumfänglich.

Das Tempo wirkt ungewöhnlich gesetzt für einen Thriller. Die Coens gönnen ihren Figuren Zeit zum Atmen, selbst in Momenten höchster Bedrohung. Genau darin liegt die eigentliche Spannung. Die Szene im Motel, in der Moss die veränderten Gardinen erkennt, funktioniert ohne einen einzigen Schuss. Ebenso bleibt die Begegnung zwischen Chigurh und dem Tankstellenbesitzer ein Lehrstück in dosierter Drohung. Der Tonschnitt übernimmt, was die Musik verweigert. Schritte, Atmung, das Klicken eines Bolzenschussgeräts – diese Geräusche formen die eigentliche Partitur.

Diskussionswürdig bleibt die Verlagerung des Schwerpunkts auf Sheriff Bell im letzten Drittel. Nach dem frühen Tod des Protagonisten verliert die Erzählung ihren physischen Motor. Dieser Bruch ist Programm, fordert das Publikum jedoch heraus. Für Genre-Liebhaber, die Tempo und Auflösung erwarten, entsteht dadurch eine Leerstelle. Wer philosophische Thriller schätzt, findet hier eines der präzisesten Werke des 21. Jahrhunderts. Die Empfehlung gilt uneingeschränkt.

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