Rain Man
Manche Filme werden zu Chiffren ihrer Epoche, ohne dass man es zunächst bemerkt. Barry Levinsons „Rain Man“ aus dem Jahr 1988 gehört zu jenen Werken, die ein ganzes Thema ins öffentliche Bewusstsein gerückt haben. Das Roadmovie über zwei ungleiche Brüder wurde zum kulturellen Referenzpunkt. Es prägte das Bild von Autismus für Millionen Zuschauer. Zwei Männer, ein Buick, drei Millionen Dollar – daraus entsteht mehr als ein Familiendrama.

| Dauer: | 133 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 1988 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | Barry Levinson |
| Produzenten: | Mark Johnson |
| Hauptdarsteller: | Dustin Hoffman, Tom Cruise, Valeria Golino |
| Nebendarsteller: | Gerald R. Molen, Jack Murdock, Michael D. Roberts, Ralph Seymour |
| Studio: | United Artists, Star Partners II, The Guber-Peters Company |
Die Begegnung zwischen Charlie und Raymond Babbitt erzählt von Fremdheit, Begehren und spätem Verstehen. Dustin Hoffman und Tom Cruise standen damals auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft. Levinson vertraute ihrer Chemie, und der Film fand seine Balance zwischen stillen Momenten und erzählerischem Sog. Die Auszeichnungen folgten fast selbstverständlich, darunter vier Oscars. Bleibt aber die Frage, ob dieses Werk heute noch trägt oder ob seine Bilder unter dem Staub der Jahrzehnte erblasst sind?
Besetzung, Regie und Drehorte
Mit „Rain Man“ inszenierte Barry Levinson 1988 ein amerikanisches Filmdrama, das ursprünglich Steven Spielberg verantworten sollte. Levinson übernahm die Regie, nachdem der Kollege für „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ absprang. Das Drehbuch schrieben Barry Morrow und Ronald Bass, Mark Johnson produzierte. Die Kamera führte John Seale, den Schnitt verantwortete Stu Linder. Hans Zimmer komponierte die Musik. Für den Deutschen war dies der internationale Durchbruch. Levinson selbst tritt in einer Nebenrolle als Gutachter Dr. Marston auf.
Dustin Hoffman spielt den autistischen Raymond Babbitt, Tom Cruise seinen jüngeren Bruder Charlie. Valeria Golino verkörpert Charlies Freundin Susanna. Gerald R. Molen gibt den Heimleiter Dr. Bruner, Jack Murdock den Testamentsverwalter. Bonnie Hunt erscheint als Kellnerin Sally Dibbs, Michael D. Roberts als Pfleger Vern. In weiteren Rollen sind Ralph Seymour, Beth Grant und Lucinda Jenney zu sehen. Die deutsche Synchronisation entstand unter Dialogregie von Horst Balzer bei der Berliner Synchron Wenzel Lüdecke.
Der Film läuft 133 Minuten und trägt in Deutschland eine FSK-12-Freigabe. Gedreht wurde neun Wochen lang in Cincinnati, im nördlichen Kentucky sowie in der Wüste bei Palm Springs. Bei den Oscars 1989 gewann das Werk in vier von acht Kategorien. Hinzu kamen der Goldene Bär der Berlinale und der Golden Globe für den besten Dramafilm. Damit bleibt „Rain Man“ bis heute der einzige Film mit beiden Hauptpreisen im selben Jahr.
Handlung & Inhalt vom Film „Rain Man“
Charlie Babbitt verkauft importierte italienische Sportwagen in Los Angeles. Er verheimlicht seinen Kunden Probleme mit den Umweltanforderungen, um Zeit zu gewinnen. Mit seiner Freundin Susanna will er ein gemeinsames Wochenende verbringen. Da erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters Sanford. Charlie zeigt sich emotionslos, fährt aber sofort nach Cincinnati, wo das Begräbnis stattfindet. Während der Reise drängt Susanna ihn, von seinem Vater zu erzählen. Charlie berichtet vom Zerwürfnis als Sechzehnjähriger, als er heimlich den Buick seines Vaters nahm und dieser den Wagen als gestohlen meldete. Zwei Nächte saß er in einer Arrestzelle.
Bei der Testamentseröffnung erbt Charlie die preisgekrönten Rosenbüsche und den Buick, während über drei Millionen Dollar an einen unbekannten Begünstigten gehen. Charlie fühlt sich betrogen und folgt der Spur des Geldes nach Wallbrook, einem Heim für geistig Behinderte. Dr. Bruner verweigert Auskunft, doch Charlie stößt auf einen Bewohner, dem die Familiendetails vertraut sind. Es ist sein älterer Bruder Raymond, von dessen Existenz Charlie nie wusste. Raymond ist Autist mit Inselbegabung. Kurzerhand nimmt Charlie ihn mit nach Kalifornien, um Druck auf die Vormundschaftsregelung auszuüben.
Die Entdeckung des Rain Man
Raymond weigert sich zu fliegen, denn er kennt sämtliche Flugunglücke mit Flugnummern und Todesopfern auswendig. Auch Highways meidet er, und bei Regen verlässt er kein Zimmer. Dadurch verlängert sich die Reise erheblich, während Charlies Autogeschäft vor dem Konkurs steht. Susanna durchschaut jedoch sein Kalkül und verlässt ihn mit dem Vorwurf, dass er jeden Menschen benutze. Unterwegs zeigen sich zugleich Raymonds erstaunliche Fähigkeiten. So nennt er die Telefonnummer einer Kellnerin, erfasst augenblicklich 246 heruntergefallene Zahnstocher und multipliziert im Kopf. Ein Arzt erklärt Charlie schließlich die Kluft zwischen Rechenbegabung und Alltagsüberforderung.
In einem Motel zeigt Raymond seinem Bruder ein altes Foto beider Jungen und nennt sich dabei selbst scherzhaft „Rain Man“. Daraufhin begreift Charlie, dass der imaginäre Tröster seiner Kindheit Raymond selbst war. Als Dreijähriger hatte er nämlich den Namen für seinen zwanzigjährigen Bruder geprägt. Raymond musste damals jedoch ins Heim, weil die Eltern ihn für gefährlich hielten. Erstmals spürt Charlie deshalb echte Verbundenheit. In Las Vegas nutzt er anschließend Raymonds Fähigkeiten zum Kartenzählen. Dabei gewinnen sie so viel, dass Charlie seine Schulden tilgen kann. Das Kasino erteilt ihnen dennoch Hausverbot, obwohl kein Betrugsnachweis vorliegt. Schließlich kehrt Susanna zurück.
Charlies Anwalt entdeckt unterdessen eine Lücke in der Vormundschaftsregelung und leitet daraufhin juristische Schritte ein. Ein unabhängiger Psychologe soll deshalb über Raymonds Zukunft entscheiden. Am Vorabend bietet Dr. Bruner Charlie 250.000 Dollar für den Rückzug, doch Charlie lehnt ab, weil ihm sein Bruder inzwischen mehr bedeutet. Im Gespräch zeigt sich allerdings, dass Raymond keine Entscheidung treffen kann. Denn er will sowohl bei Charlie bleiben als auch nach Wallbrook zurück. Charlie gesteht schließlich ein, dass er seinen Bruder nicht dauerhaft betreuen kann. Am Bahnhof verspricht er daher regelmäßige Besuche und verabschiedet sich.
Filmkritik und Fazit zum Film „Rain Man“
„Rain Man“ lebt von der Reibung zweier schauspielerischer Temperamente. Hoffman arbeitet mit kleinster Gestik, mit starrem Blick und monotoner Sprache. Seine Zurückhaltung ist das eigentliche Ereignis. Cruise spielt dagegen mit aller Energie eines jungen Darstellers, der sich durch den Kontakt mit seinem Gegenüber selbst entdeckt. John Seale fotografiert die amerikanische Weite in warmen Tönen, ohne je ins Postkartenhafte zu kippen. Hans Zimmers synthetische Klangflächen verzichten auf Orchesterpathos. Sie geben dem Film seine eigentümlich schwebende Melancholie.
Levinsons Inszenierung vertraut dem Rhythmus der Reise. Er lässt Zeit verstreichen, hält Stille aus und widersteht der Versuchung, jede Regung psychologisch zu kommentieren. Gerade in Szenen wie dem stummen Tanz im Motel oder dem ersten Anblick des Buick entfaltet sich die emotionale Wahrhaftigkeit. Schwächer wirkt die Figurenzeichnung der Nebenrollen. Susanna bleibt Funktion statt Charakter, ihre Motivation kaum nachvollziehbar. Auch die Läuterungsdramaturgie Charlies folgt bekannten Hollywood-Mustern. Dennoch bewahrt der Film durch seine Beobachtungsgabe Respekt vor beiden Brüdern.
Rückblickend zeigt das Werk seine Doppelgestalt: Meisterstück der Darstellerkunst und zugleich Vereinfachung einer komplexen Realität. Das Klischee von autistischer Inselbegabung geht wesentlich auf diesen Film zurück. Wer Levinson heute begegnet, sollte das mitdenken. Trotzdem bleibt „Rain Man“ ein rührendes, klug gebautes Drama über Nähe zwischen Fremden. Freunde ruhig erzählter Charakterfilme finden hier ein Werk von anhaltender Wirkung.